Kunstgeschichte Raubzüge sind eine Wissenschaft für sich

Das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte wird 70 Jahre alt. Vorgänger waren die Monuments Men. Heute kümmern sich Forscher hier wieder um die NS-Kunstpolitik.

Von Kia Vahland

Man braucht starke Nerven, um hier zu arbeiten: Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) sitzt im ehemaligen NSDAP-Parteigebäude am Münchner Königsplatz. Die viel zu schweren Eingangstüren sind für Übermenschen konzipiert, die mehrgeschossigen Keller waren einmal Bunker, und in dem fensterlosen Lesesaal muss sich jeder Forscher zwischen den haushohen Bücherregalen verloren fühlen.

Das ZI, das am heutigen Freitag seinen 70. Geburtstag feiert, ist ein steingewordener Beweis dafür, wie körperlich erdrückend Nazi-Architektur sein kann. Es ist aber auch ein Beispiel dafür, wie sich aus einer historischen Last eine Tugend gewinnen lässt. Nirgends wird in Deutschland so intensiv die NS-Kunstgeschichte aufgearbeitet wie in der Nachfolgerinstitution der amerikanischen Monuments Men, die hier nach dem Krieg gestohlene Kunst restituierten. Es gibt dafür keinen großen Stellenplan, nicht einmal eigene Forschungsgelder, sondern es sind drei Mitarbeiter, die aus eigenem Antrieb Quellen sammeln, Projekte entwickeln und mit jedem reden, der da kommt: mit Museumsleuten wie mit den Erben von Raubkunstopfern, mit dem BKA wie mit Tippgebern, Kunsthändlern, Staatsanwälten und Anwälten.

Das für das gesamte Feld der Kunst zuständige Institut besitzt neben einer umfangreichen Bibliothek 60 000 Auktionskataloge und die Fotosammlungen von Wissenschaftlern, die an der nationalsozialistischen Kunstpolitik beteiligt waren. Oft geht es darum, erst einmal zu verstehen, wer im ausgeklügelten NS-Kunstsystem was tat, allein in München waren damals über hundert Akteure beteiligt.

NS-Fragen lassen sich nur mit Grundlagenforschung klären, wer aber will das bezahlen?

Diese Grundlagenforschung leistete lange niemand in Deutschland: nicht die Universitäten, die sich für Kunstsoziologie nur bedingt erwärmen konnten, nicht die Museen, die nur an ihre einzelnen Bilder dachten, und erst recht nicht der Kunsthandel. Der Münchner Fall Gurlitt, das schwierige Erbe eines Nazihändlers, hat die Politik aufgerüttelt; danach erhöhte die Bundesregierung die Mittel für die zentrale Forschungsstelle in Magdeburg. Dort allerdings werden vor allem Museen gefördert, die ihre Bestände untersuchen lassen. Liegen bleiben die großen Fragen: Wer zog die Strippen? Wie waren die Handelswege, was wurde wann in welchem Land, bei welchen Familien gestohlen, und wo landete es?

Die Projekte des ZI zielen darauf, irgendwann einmal das ganze Puzzle zusammenzusetzen. Ein Vorhaben untersucht den großen Münchner Kunstdiebstahl vom Mai 1945 im ehemaligen "Führerbau" und fahndet nach dem Schicksal der Bilder bis heute. Ein anderes bringt Historiker und Kunsthistoriker aus Deutschland, Italien, Slowenien und Kroatien zusammen, um die Kunstraubzüge und Kunsttransporte in der Region um Triest vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall zu verstehen. Längst geht es nicht mehr nur um Deutschland, sondern um alle betroffenen Länder bis nach Nordafrika. Diese Fragen lassen sich nur in internationalen Kooperationen klären - und lediglich dann, wenn sie wirklich ergebnisoffen angegangen werden. Das aber kann nur eine wissenschaftliche Einrichtung leisten, deren Daseinszweck sich nicht darin erschöpft, der Politik das Gesicht zu retten, wenn wieder ein spektakulärer Raubkunstfall auffliegt und Provenienzforscher schnell entscheiden sollen, ob Gemälde an die Erben der Opfer zurückgegeben werden müssen oder nicht.

Es hat eine gewisse Tragik, dass die Politik das Thema Raubkunst als relevant erkannt hat, es aber nicht so grundsätzlich angeht, dass die offenen Fragen alle gelöst werden können. Sowohl das Ministerium von Kulturstaatsministerin Monika Grütters als auch das Land Bayern ringen in Sachen NS-Raubkunst um Schadensbegrenzung. Die Verantwortung für das Grundsätzliche verweisen beide gerne an den jeweils anderen. Und verlassen sich darauf, dass die ZI-Forscher schon weitermachen werden, ohne danach zu fragen, wie das ohne Mittel und mehr Menschen gehen soll.