Kunstfund in München Zentralrat der Juden kritisiert Bilderrückgabe an Gurlitt

Unter den in seiner Wohnung beschlagnahmten Bildern soll sich NS-Raubkunst befinden, doch etwa 310 der Werke wird der Kunsthändler-Sohn Gurlitt jetzt wohl zurückerhalten - sie sollen ihm rechtmäßig gehören. Zentralratspräsident Graumann kritisiert das als "Schnellschuss" und verlangt mehr Sensibilität.

Von Matthias Drobinski und Stefan Mayr

Die Staatsanwaltschaft Augsburg will einen Teil der bei Cornelius Gurlitt beschlagnahmten Kunstwerke bereits nächste Woche zurückgeben. "Ich gehe davon aus, dass die Überprüfung spätestens nächste Woche abgeschlossen sein wird", sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz am Mittwoch der SZ. "Es werden wohl circa 310 Gemälde sein, die zweifelsfrei Eigentum des Beschuldigten sind."

Sobald die Task-Force zur Erforschung der Kunstwerke die Liste vorlege, werde er Kontakt mit dem Beschuldigten aufnehmen, um die Übergabe abzusprechen. Die Leiterin der vom Bund und Bayern gebildeten Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, sagte der dpa, man wolle Gurlitt dabei unterstützen, "eine für ihn praktikable Lösung für die Verwahrung derjenigen Bilder zu finden, für die in Kürze die Beschlagnahmung aufgehoben wird."

Dass sich die Gesamtzahl der beschlagnahmten Werke nur noch auf 1280 statt wie ursprünglich 1406 beläuft, erklärte Nemetz damit, dass einige Skizzen in dem Kunstfund nicht mehr als eigenständige Werke gezählt würden.

Der Zentralrat der Juden kritisierte die geplante Rückgabe. "Nachdem die ganze Sache über 18 Monate hinweg fast konspirativ behandelt wurde, ist nun der Schnellschuss einer pauschalen Rückgabe sicher auch der falsche Weg", sagte Dieter Graumann, der Zentralratspräsident, der SZ. Bei Fällen von möglicher Raubkunst seien "Sensibilität und Verantwortung gefragt"; es gehe "nicht nur um den Rechtsanspruch auf Restitution". Die Sache besitze auch eine "moralische und historische Dimension".

"Moralische und historische Dimension"

Es liege nun in der Verantwortung der Politik, "den Opfern von damals zur Würde von heute zu verhelfen". Ähnlich äußerte sich der Jüdische Weltkongress (WJC). Oberstaatsanwalt Nemetz wolle das Problem so schnell wie möglich loswerden, sagte WJC-Präsident Ronald Lauder; "das ist unverantwortlich."

Lauder forderte eine Änderung der Regeln für Verjährungsfristen im Fall von NS-Raubkunst. Sie seien das größte Problem für die Rückgabe von gestohlenen Werken. Verjährungsfristen seien nicht für Kriegsplünderungen als Teil eines Völkermords gedacht. Die Bundesregierung sollte nach österreichischem Vorbild eine Kommission benennen, die alle öffentlichen Sammlungen und Museen nach NS-Raubkunst durchsucht. Zweifelhafte Fälle sollten danach ebenfalls bekanntgegeben werden, erklärte Lauder.

Die Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, sagte, bei allem Respekt gegenüber dem Rechtsstaat bleibe das Unbehagen darüber, dass hier eine Sammlung teilweise zurückgegeben werde, "die unter den Bedingungen des NS-Staates und seiner Ideologie zustande gekommen ist". Auch sie kritisierte, dass nach Ablauf der Verjährungsfristen "illegitimes Gut einfach legal" werde. Der Leiter des Frankfurter Jüdischen Museums, Raphael Gross, erklärte: "Wir wollen in unseren Museen keine Raubkunst hängen haben - ich hoffe, dass auch Herr Gurlitt keine Raubkunst besitzen will."