Kunst zum Mauerfall Auf die Dauer hilft nur Mauer

Kunstaktionen in der ganzen Welt machen die Berliner Ereignisse am 9. November 1989 zum Thema: in unsinnigen Mauerbauten. Dabei verliert der historische Mauerfall doppelt.

Von Laura Weißmüller

Das hätte Sacha Baron Cohen alias Brüno nicht besser hinbekommen: Ein junger Mann fragt den amerikanischen Künstler Kent Twitchell, was er sich dabei denke, an einer Kunstaktion in Los Angeles mitzumachen, die dort die Berliner Mauer wiederaufbauen will. Twitchell, der sonst gigantische Bilder auf Häuserwände malt, überlegt angestrengt und erklärt dann, dass er auf seinem Mauerstück John F. Kennedy verewigen will und Ronald Reagan - "Seite an Seite als wären sie Brüder, ganz ohne Mauer zwischen ihnen". Tja, die war auch nie dazwischen, zumindest keine aus Stein.

Berliner Mauer Kunst zum Mauerfall

Am 9. November 2009 um 19.25 Uhr soll in Berlin eine Mauer aus Styropor fallen, getestet wurde der Lauf der Dominosteine bereits.

(Foto: Foto: Kulturprojekte Berlin)

Der zwanzigste Jahrestag des Mauerfalls treibt seltsame Blüten. Nicht nur, dass im ganzen Land fast täglich neue Ausstellungen eröffnet werden, die sich der Wiedervereinigung widmen und man Angst haben muss, dass mit dem Überangebot auch ein Übersättigungsgefühl entstanden ist. Auch Kunstaktionen haben das Thema entdeckt - am liebsten bauen sie die Mauer noch einmal auf. Das erinnert auffallend an Monty Pythons Motto "Wir spielen die Geschichte nach" - nur dass diesmal der ironische Witz fehlt, zumindest auf Seiten der Veranstalter.

Das kühnste Happening, das die größte Gedenkaktion zum Mauerfall außerhalb Deutschland darstellt, findet mehrere tausend Kilometer von Berlin entfernt statt. So verkündet "The Wall Project" stolz auf seiner Homepage: "Am 9. November 1989 fiel in Berlin die Mauer, am 8. November 2009 steht sie in Los Angeles wieder auf." Hat ja auch lang genug gedauert, möchte man meinen. Der sonst so vielbefahrene Wilshire Boulevard soll dafür mit immerhin dreieinhalb Metern hohen Blöcken - die Berliner Mauer war nur zehn Zentimeter höher - getrennt und nach drei Stunden von Gästen und Zuschauern wieder eingerissen werden.

Das deutsche Konsulat und das Auswärtige Amt unterstützen den kalifornischen Mauerbau finanziell, initiiert hat ihn "The Wende Museum". Das Privatmuseum besitzt in Los Angeles die größte Sammlung von Artefakten des Kalten Krieges außerhalb Deutschlands, darunter die kompletten Jahrgänge der Tageszeitung Neues Deutschland und Stasi-Überwachungskameras.

Der Gedanke, die Mauer wieder aufzubauen, ist seit Jahren fester Bestandteil im deutschen Satirikerrepertoire, allen voran bei Martin Sonneborn und der "Partei". Dabei schafft die Satire gelegentlich eine treffende Kritik an der deutschen Selbstgefälligkeit in puncto Wiedervereinigung. Doch durch die Verallgegenwärtigung des Mauerbaus in den gut gemeinten Kunstaktionen wird rein gar kein Mehrwert erzielt, ganz im Gegenteil: Das historische Ereignis verliert doppelt. Sowohl der Schrecken der deutsch-deutschen Teilung als auch die euphorische Freude, die deren Ende auslöste, sind bei der x-ten Wiederholung einfach nicht mehr zu erzeugen.

Das Kunstprojekt in Los Angeles wird im Internet trotzdem frenetisch bejubelt. "Was für eine großartige Idee. Ich kann es kaum erwarten, bis es so weit ist", schreibt einer, der andere hält es für ein "absolut aufregendes Projekt für Los Angeles". Ist ja auch schön, so eine Mauer zu bauen - auch wenn sie wegen der Zeitverschiebung in Los Angeles einen Tag vor Mauerfall wiederauferstehen muss.

Auch schön ist die "Domino-Aktion" der Stadt Berlin, angeführt von dem Baumeister Klaus Wowereit: Zwischen Reichstag, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz soll eine Mauer aus Styropor entstehen. Seit dem Frühjahr sind Jugendliche dazu aufgerufen, überdimensionale - wenn auch nur zweieinhalb Meter hohe - Blöcke zu bemalen. Am 9. November wird dann die Mauer in einer Kettenreaktion zum Einsturz gebracht werden - pünktlich um 19.25 Uhr. Denn, Styropor hin oder her, auch in Berlin will man historisch korrekt sein: Genau um diese Uhrzeit verkündete vor 20 Jahren der SED-Mann Günter Schabowski, dass die DDR-Grenzen ab sofort passierbar seien. Ob Schabowskis Job diesmal Wowereit übernimmt oder ob sich der Berliner Bürgermeister doch lieber eine größere Rolle im Fall der Styropor-Mauer zuschreiben möchte, ist nicht klar.

Ein Teil der Steine geht davor noch auf Wanderschaft: Das Goethe-Institut veranstaltet eine "Mauerreise". Die Reiseroute ist bewusst gewählt, es geht in den Jemen, nach Zypern oder in die Palästinensergebiete. Die Steine sollen eben dort bemalt werden, wo man sich mit Trennung auskennt. Nach dem Motto: Mauer bleibt Mauer, egal wo auf der Welt. Deswegen darf der koreanische Schriftsteller Hwang Sok Yong Gitterstäbe auf den mit Stoff bespannten Styroporblock zeichnen - Gefängnisfenster für Berlin. In Jemen dagegen pinselt der Bildhauer Kamal al-Makrami schwarze, rote und goldgelbe Farbe auf die Leinwand und hämmert Teile grüner Blechfässer dazu - Symbol für eine Grenzstation.

In China gestaltet Wang Guangyi den Styroporstein, was sicher mindestens so fotogen wird wie die Arbeiten der mexikanischen Graffiti-Künstler: Wang Guangyi verbindet die Propagandaästhetik der Kulturrevolution mit der Bildsprache der Pop Art. Mao trifft also auf Andy Warhol in Berlin, kein schlechter Dreiklang. Im Herbst werden alle Steine wieder in der Hauptstadt eintreffen und am 9. November zur "Domino-Aktion" aufgestellt werden. Nach dem Fall der Mauer wandert ein Teil der Steine ins Haus der Geschichte der BRD in Bonn sowie ins Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Zumindest damit erzeugt man also - anders als vor 20 Jahren - einen bleibenden Wert. Haben doch damals die Touristen die schönen Mauerstücke weggekauft.