Kunst und Moral Der Künstler gilt als potenziell verbrecherisches Genie und zugleich als Kämpfer gegen alles Unbill

Deshalb und wegen seiner Kontakte zu Knaben und Prostituierten wurde der Barockmaler in späteren Jahrhunderten zum Inbegriff des dunklen Genies, zum Vorbild aller Möchtegern-Tabubrecher. Die Kunsthistorikerin Sibylle Ebert-Schifferer konnte dagegen zeigen, dass Caravaggios Virilitätsgebaren gerade nicht Ausdruck von Außenseitertum war. Junge Adelige rebellierten im frühen 17. Jahrhundert in Rom mit Pöbeleien und Brutalitäten gegen die gerade erst keimende staatliche Zentralgewalt. Der Applaus ihrer Peergroup war Caravaggio wie Cellini gewiss. Vor allem aber wurden ihre Werke wegen ihrer Taten nie vernichtet.

Und was die Verführung männlicher Minderjähriger angeht, so war diese ebenso wie Gewalt an Prostituierten nicht legal, erschien aber einer Mehrheit legitim. Schon im Florenz des 15. Jahrhunderts waren, wie Untersuchungsakten der Zeit belegen, Männer aller Berufe von Sodomievorwürfen betroffen. Fast immer ging es um Knaben, denn Sex unter erwachsenen Männern war als weibisch verpönt.

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Wer das Gute und Schöne für identisch hält, macht den Weg frei für radikalere Ansichten

Trotz der soziologischen Fakten wird unterschiedlich bewertet, ob ein Künstler wie Spacey oder ein Unternehmer wie der Filmproduzent Harvey Weinstein unter dem Verdacht sexueller Übergriffe steht, ob Cellini mordet oder ein gelangweilter Adeliger. Von einem Künstler erwartet das Publikum sowohl das Böse als auch das Gute im Übermaß. In der kollektiven Vorstellung ist er gleichzeitig das potenziell verbrecherische Genie und der Kämpfer gegen alles Unbill - ein Verfechter des Guten, Wahren, Schönen, als das die Künste seit der Renaissance, mehr noch seit dem 19. Jahrhundert eben auch gelten. Sie sollen uns das hehre andere vor Augen führen, sollen die Welt besser machen und uns Betrachtern, bitte schön, zeigen, dass auch wir eigentlich gut, schön, wahrheitsliebend sind.

Diese hübsche Fluchtfantasie nimmt gerade das Ausmaß einer Wahnidee an. Sie dominiert den aktuellen Diskurs in einer Weise, die mehr Rückschlüsse auf den Zustand der Gesellschaft als auf den der Künste erlaubt. Alle wünschen sich plötzlich große Lösungen von der Kunst. Politiker feierten die Documenta als Mittel der Völkerverständigung, die Kuratoren selbst schwärmten von Gegenentwürfen zum neoliberalen Wirtschaftssystem. Sie legitimierten viele ausgestellte Werke nicht ästhetisch, sondern biografisch, schon eine besondere Herkunft oder Körperlichkeit dienten als Ausweis des besseren anderen. Dies zeugt von einer romantischen Vorstellung der sozialen Ausgrenzung und verkennt, dass Biografie noch keine Haltung ist, weil es auch chauvinistische Ureinwohner, rechtsradikale Homosexuelle, übergriffige Behinderte, tyrannische Frauen gibt. Vor allem aber beschwört es eine Idee vom Künstler, die in ihrer moralischen Reinheit so realitätsfern ist wie die des bösen Genies.

Vielleicht sollte man Verbrecher, ob Künstler oder nicht, mit juristischem Augenmaß beurteilen

Beide Male projiziert die Gesellschaft ihre eigenen Schwächen und Sehnsüchte auf die Kreativen. Im Bild des Künstlers als Regelbrecher fanden sich in den Neunzigerjahren, wie der Soziologe Luc Boltanski gezeigt hat, neoliberale Manager wieder, die hofften, durch unkonventionelles Handeln Karriere zu machen. Mit dem Künstlerbild des guten Außenseiters dagegen können sich all jene identifizieren, welche die Welt für verdorben halten, nur sich selbst nicht. Dies sind keineswegs nur linke Systemkritiker oder idealistische bürgerliche Politiker. Wer das Gute und Schöne für identisch hält und das eine nicht ohne das andere denken mag, macht den Weg frei für alle, die selbst entscheiden, was künftig gut und schön zu sein hat. Das sind potenziell auch Rechtsradikale, die sich jetzt schon, etwa in Aktionen der identitären Bewegung, der Mittel der Aktionskunst bedienen.

Vielleicht sollte man Verbrecher, ob Künstler oder nicht, mit juristischem Augenmaß beurteilen. Und ihnen nicht symbolisch die Köpfe abschlagen, wie es Cellinis Perseus in der Loggia dei Lanzi von Florenz mit der Medusa tut. Sondern ihnen wie allen anderen einen fairen Prozess machen. Und nicht die Kunst verbieten oder als Ventil eigener Probleme benutzen.

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