Der Bildtitel "Masturbating Woman surrounded by bad towels" beschreibt eigentlich ziemlich genau, was zu sehen ist: Sexy Frau macht es sich selbst vor Tigerfratzen-Handtuch. Dagegen die Exegese: "Künstlichkeit isoliert. Sie wirkt wie eine Schutzschicht. Denn dieses Phantasialand des Begehrens ist bevölkert von Phantasmagorien aus zweiter Hand, wie sie in Geschäften für Badzubehör verkauft werden."
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Diese Sprache ist Kitsch. Sie hält erregt den Atem an. Sie wird weichspülerisch und hymnisch und schafft eine Atmosphäre bebrillten Schlaumeiertums - immer im Blick ihr rhetorisches Ziel, die behauptete Transzendenz und unterstellte Unheimlichkeit der Bilder. Dadurch wird sie aber schmutziger als ihr Anlass, das Bild. Sie bringt den Ederschen Kitsch, diesen nobilitierend, in Buchform. Ihr ergebenes Stammeln erinnert ein wenig an die poetischen, unfreiwillig komischen Wortschöpfungen eines Edmund Stoiber ("Gludernde Lot! Lodernde Flut!").
Ach, wie schön schlimmfies!
Die zeitgenössische Kunst umarmt den Kitsch. Die Interpretation macht sich zu ihrem guten Hirten. Die Virtuosität von beiden, von Kunst und Kritik, wird gleichzeitig zur beider größten Falle. Die Amerikaner Lisa Yuskavage und John Currin wurden hauptsächlich durch altmeisterlich "aufgefasste" Bildnisse fiktiver, ausgesprochen dämlich dreinblickender Damen mit Riesenbusen bekannt - von Galerien bezahlt, verfassen Granden wie Robert Rosenblum Kataloghymnen auf solche Merkwürdigkeiten.
Die junge Malerin Oda Jaune produziert schwül-pastelltonige Bilder mit protosurrealistischem Touch - sogleich bekommt sie eine Magazin-Homestory, in der die Bilder, auf denen sie selbst zu sehen ist, allerdings fünfmal größer sind als ihre Gemälde. Und Eder gewärtigt in Ausstellungskritiken allenfalls Seufzer der Erleichterung, dass hier endlich wieder mal jemand richtig schlimmfieses Zeug malen dürfe - und die Betrachter, als Voyeure entlarvt, seien nun aber so richtig "verunsichert". Allerdings war Kitsch nie verboten. Im Gegenteil: Im 20. Jahrhundert erfuhr er in der hohen Kunst, von Picabia bis Buffet, seine größten Apotheosen.
Der Künstler und Kritiker Hans Platschek hat einmal ein amüsantes Buch mit dem Titel "Über die Dummheit in der Malerei" verfasst. Darin findet sich der Essay "Phrasenmüll und Inserate. Eine Kritik der Kunstkritik" aus dem Jahr 1966. Zitate der damals angesehensten deutschen Kritiker wie Will Grohmann und Werner Haftmann, die angesichts abstrakter Farbflecken immer gleich von "Weltschöpfung" und von der "tiefen Trauer des Lebendigen" schwadronierten, belegen zweierlei: Wenn sie ein Werk liebgewonnen haben und es in den Himmel loben wollen, schrecken Kritiker zu allen Zeiten weder vor Verniedlichungen noch vor der Aufblendung ins Universelle zurück. Eine Weile lang schien es jedenfalls in den Sechzigern so zu sein, dass mit jedem neuen Gemälde etwa eines Wols sich das Schicksal der "Zeitläufte" neu entschied.
Doch noch etwas wird in Platscheks Essay deutlich: Kritiker, die ins Schwärmen geraten, aus welchem Anlass auch immer, schreiben "mit Engelszungen Inserate". Sie machen sich so klein, bis sie nur noch Kalendersprüche produzieren. Das heißt allerdings im Umkehrschluss auch: Jede Kritik ist vergänglich. Noch dazu: Keine ist vor Kitsch gefeit. Wer weiß, vielleicht gilt Eder in 20 Jahren als Genie? Und die Schwärmer hätten recht behalten? Dann würden wir lieber in einer Schutzschicht isolierter Künstlichkeit leben. Mit oder ohne Badzubehör.
"Martin Eder. Der dunkle Grund". Katalog (DuMont), 29,95 Euro. Ausstellung: Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, bis 26. April.
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- Martin Eder Der dunkle Grund 15.04.2009
- Witwe Immendorff: Oda Jaune Schöne Albträume 02.03.2009
- Künstler Jeff Koons Hummer und Schnitzel 26.10.2008
- Jeff Koons in Versailles Viel Lärm um ein Soufflé 13.09.2008
- Jahresrückblick: Literatur Im Ekel steckt viel Kitsch 29.12.2008
(SZ vom 15.04.2009/irup)
65. Filmfestspiele Cannes
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