Von Holger Liebs

Verträumte Kleintiere oder sexy Frauen vor Tigerfratzen-Handtuch: Widerlicher Kitsch ist in der Kunst gerade ziemlich angesagt. Noch schlimmer aber ist deren Kritik.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Bei den Riesenflöhen, die mit monströsen, blutroten Rüsseln um eine halbnackte Nymphe in Nimm-mich-Porno-Pose herumscharwenzeln? Bei der treudoof-kindlich blickenden Armada allzu niedlicher Hündchen und Kätzchen? Oder doch bei den hauchzart changierenden, mit feinsten Farbsprengseln garnierten Fonds, die die schwül-sinistre Atmosphäre von Martin Eders Gemälden komplettieren?

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Vielleicht sind weder der gelbe Kanarienvogel mit wohlgeformtem Frauenbusen noch die Nachtigall, die einer Vagina, nun ja, entschlüpft, einer Erwähnung wert. Man muss Eders zärtliche Cousinen in ihren Settings irgendwo zwischen Salvador Dalí und Kaufhausmalerei an sich weder sonderlich ernst nehmen noch gleich in Grund und Boden verdammen. Ihre Widerlichkeit ist gewollt. Es soll den Betrachter richtig gruseln, zum "Opfer" solle er werden, sagt der Künstler - der damit nonchalant die Verantwortung für sein Tun den Rezipienten zuschiebt. Eine so clevere wie verlogene Kalkulation: Wer sich als Voyeur beim Frightseeing ertappt fühlt, wird sich nicht beschweren, sondern hochroten Kopfes von dannen ziehen. Und der Künstler kann sagen: selbst schuld.

Steht man also derzeit im Dresdner Lipsius-Bau, blickt auf Eders Friedhof der Kuscheltiere und nur fast angezogener Teenager und denkt: Was soll der Scheiß? - dann hat man schon verloren. Das liegt aber weniger an Eders Bildern selbst, die nun einmal sind, was sie sind, als an der dahinterstehenden Vermarktungsstrategie, in Zeiten bröckelnder Auktionspreise auf vorzeitige museale Nobilitierung des Ederschen Werks zu setzen - der Künstler ist gerade mal 40 Jahre alt. Eders Galerist Judy Lybke hat Arbeiten selektiert und Leihgaben beschafft, der Künstler selbst kuratierte seine Ausstellung mit freundlicher Unterstützung der Staatlichen Kunstsammlungen, die einen, Achtung, "Ausstellungssekretär" beisteuerten.

Und wie um das quasihöfische Treiben auf die Spitze zu treiben, wurde der Welt begleitend zur "Retrospektive" noch ein Prachtband geschenkt, für welchen der Begriff "Katalog" zu profan wäre. Darin wird so getan, als wäre jedes einzelne Schnurrkätzchen Eders einer Exegese willfähriger Hofskribenden würdig. Kein Caspar David Friedrich, kein Otto Dix war je Adressat einer solchen publizistischen Adorationsgeste. Zwar sind Katalogtexte nicht gerade für Verrisse bekannt - das liegt in der affirmativen Natur der Sache. Aber die Ranschmeiße der Eder-Hagiographen sucht schon ihresgleichen. Sie sind die guten Hirten eines Werks, das vor der bösen Welt beschützt und darum in den Himmel der Transzendenz gehoben werden muss.

Zitat: "Das süße verträumte Katzenkind, das hier die alleinige Herrschaft über die beschränkte 'kleine Welt' des Gemäldes innehat, führt auf den ersten Blick durchaus zu einem Konflikt, ist doch ein an sich triviales Motiv in die hohe Sphäre der Kunstwelt erhoben. Aber es handelt sich um ein rekursives Sujet im Ederschen Bildfundus, vor dessen Hintergrund es Substanz erhält und als Pars pro toto verstanden werden kann."

Banalitäten in Serie

Wie bitte? In diesem willkürlich herausgegriffenen, gar nicht so krassen Beispiel einer Bildbeschreibung stimmt eigentlich gar nichts. Das heißt, eines stimmt: Blumig verklausuliert bildet sich eigentlich nur des Autors Erkenntnis ab, dass der Maler Banalitäten in Serie produziert. Doch sogleich wird der rhetorische Abwehrmechanismus angeworfen: Das Gegenteil der Banalität muss behauptet werden, sonst würde die Exegese keinen Sinn machen. Dadurch aber muss sich die Sprache verbiegen, sie kostümiert und parfümiert sich, sie faselt auch, in anderen Katalogbeiträgen, von Baudelaireschen Fratzen, grausamen Abgründen, Zerrüttung und Scheinexistenzen, wo es sich doch nur um knuddelige Katzenbabys handelt. Mit einem Wort: Sie sucht Tiefe dort, wo keine ist, und verliert jeglichen Realitätsgehalt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Künstlichkeit isoliert.

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  1. Sie lesen jetzt Parfümiert und flauschig
  2. Bebrilltes Schlaumeiertum
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