Kunst 100 Tage in deutschen Wohnzimmern

Die Bonner Ausstellung "TeleGen" würdigt Pioniere der frühen Medienkunst. Wobei die wichtigsten Kunstwerke heute gar nicht im Museum zu finden sind - sondern im Internet.

Von Fabian May

Ein Mann läuft durch eine Wüste, zwei weißen Strichen folgend. Stumm. Minuten lang. Eine Hand rasiert einem Kaktus gründlich alle Stacheln ab. Joseph Beuys boxt sich - vor einem Fernseher sitzend - selbst ins Gesicht. Und das Fernseh-Deutschland der Jahre 1969/70 sieht ihnen dabei zu. Als der Künstler und Kameramann Gerry Schum dies und mehr in den Sendungen "Land Art" und "Fernsehgalerie" zeigte, glaubte er noch fest an das Fernsehen als bis dahin reichweitenstärkste Kunstgalerie der Welt.

Die Kunst sollte über ihre herkömmlichen Orte - Museen oder Ausstellungshallen - hinauswachsen. Der Experimental-Komponist John Cage hatte es 1960 vorgemacht: Da lief er in der US-amerikanischen Fernsehshow "I've Got a Secret" für seine Badewannen-und-Kochtopf-Musik "Water Walk" durch die Aufbauten im Studio, drückte hier ein Quietsche-Entchen, spielte dort einen einsamen Klavier-Akkord und warf zum Schluss Radiogeräte vom Tisch. Er erntete dafür Lacher, was er gegenüber dem Moderator Gary Moore charmant mit "Ich denke, dass das Lachen dem Weinen vorzuziehen ist" quittierte. Was er vor allem erntete, war große Aufmerksamkeit für seine damals noch argwöhnisch beäugte Musik.

55 Jahre später hat sich das Medium Fernsehen mehrere Male entkernt und gehäutet. Im Katalog zur Bonner Ausstellung "TeleGen. Kunst und Fernsehen" zieht Stephan Berg als Kurator ein entsprechend nüchternes Resümee jener Aufbruchsjahre: "Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die künstlerischen Versuche, das Fernsehen zu kapern, um dort eigene künstlerische Inhalte zu implementieren oder die Struktur des Fernsehens sozusagen von innen heraus zu transformieren, in nahezu allen Fällen an der Formatierungsmacht des Mediums scheiterten." So energisch viele Künstler sich auch damals das Medium Fernsehen anzueignen suchten, so vergessen sind die meisten ihrer Versuche.

Günther Uecker brauchte für seine Installation nur ein paar Nägel, die er in den Fernseher hämmerte

Diese kunstgeschichtliche Lücke wird erst jetzt geschlossen; diesen Sommer etwa im Salzburger Museum der Moderne mit "Experiments in Art and Technology (E.A.T.)" und aktuell im Kunstmuseum Bonn in "TeleGen". Überraschend ist zunächst die Anordnung der Werke.Videokunst bleibt weitgehend ausgespart. Die späte Fernsehkunst, die nach 1990 entstand, drängt sich im Kreis um Werke der großen Pioniere der Sechziger Jahre: Nam June Paik beispielsweise, mit seinen physikalisch gestörten Fernsehbildern aus der Wuppertaler Exposition of Music. Andy Warhol montierte einen Zusammenschnitt aus Stummfilmszenen und viel zu lauter Produktwerbung ("Soap Opera", 1964) und Wolf Vostell verbaute als einer der ersten Künstler überhaupt einen laufenden Fernseher in einer Installation - hinter Stacheldraht, Druck-Erzeugnissen und einer schmalen Schießscharte. Leider funktioniert das Originalgerät nicht mehr, sonst würde sich das Kunstwerk noch heute sekündlich mit neuen Inhalten aus dem aktuellen Programm aufladen. Günther Uecker dagegen brauchte nur ein paar Nägel - die er in einen Fernseher hämmerte.

Die neuere Fernsehkunst tut sich schwer, gegen diese Dringlichkeit anzukommen. Aufnahmen leer stehender Studios, die quasi-ethnologische Katalogisierung immer gleicher Soap-Gesten und die Übertragungen der elektronischen Fernseh-Ästhetik in Holzschnitte und Lichtstimmungen, all das wirkt von der Ausstrahlung der frühen Werke seltsam an den Rand gedrängt. Zu den stärkeren zeitgenössischen Werken gehört Ulrich Polsters für die Ausstellung geschaffener "Report": Auf sieben Bildschirmen montiert er die gesammelten Tagesschau-Berichte über die Jugoslawienkriege 1991 bis 1995, Ruinen, Blutlachen, Verletzte, Helfer. Die Korrespondenten vor Ort wirken mitgenommen, die Nachrichtensprecher gefasst. Polster findet sein Material in den täglich im Internet verfügbaren Rückblick der Tagesschau vor 20 Jahren, verwendet also aktuelles Material des digitalen Zeitalters. Piazza Virtuale führt 1992 - lange vor Skype, in Zeiten von Fax, Videotext und Proto-Internet - zur neunten Documenta 100 Tage lang Menschen in ihren Wohnzimmern und in verschiedenen Sendezentren zu Live-Schalten zusammen. Die soziale Skulptur verzeichnete laut Telekom bis zu 110 000 Einwahlversuche pro Stunde.

Von diesen höchst anschlussfähigen Werken abgesehen, bleiben viele der ausgestellten Arbeiten aus der Abteilung Fernsehkunst der Gegenwart in der Selbstbezüglichkeit stecken, die auch heutige Theorien des Fernsehens kennzeichnen. So wie das Fernsehen nicht mehr naiv als Fenster zur Welt betrachtet wird, sondern als Wirklichkeit eigener Art, tut sich auch diese neuere Fernsehkunst schwer damit, über sich selbst hinauszuweisen. Gerry Schums eingangs erwähnte Fernsehgalerie ist übrigens - wie einige andere Werke, die im Ausstellungskatalog kenntnisreich beschrieben werden - nicht in der Schau zu finden. Wer sie sehen will, findet sie im Internet.

TeleGen. Kunst und Fernsehen. Bis 17. Januar 2016 im Kunstmuseum Bonn; ab 19. Februar 2016 im Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Der Katalog kostet 49,90 Euro.