"Me Too" in der Kunst Wo vorher die Nymphen waren, hängt jetzt ein Zettel

John William Waterhouse: "Hylas und die Nymphen" (1896).

(Foto: Manchester Art Gallery)

Im Ausland wurden Kunstwerke abgehängt, in Deutschland Ausstellungen verschoben. Wie Museen auf die "Me Too"-Debatte reagieren.

Von Alexander Menden, London

Das Gemälde "Hylas und die Nymphen", 1896 geschaffen vom britischen Maler John William Waterhouse, war bisher zentrales Kunstwerk des sogenannten "Pursuit of Beauty"-Raums der Manchester Art Gallery. Das Bild zeigt Hylas, den Gefährten des Herakles; er wird von Nymphen in einen Teich gezogen, die Waterhouse als nackte, pubertierende Mädchen darstellt. Seit einigen Tagen hängt an seiner Stelle ein Zettel an der Wand, der erklärt, das Bild sei abgehängt worden, um "Gespräche darüber anzuregen, wie wir Kunst aus der öffentlichen Sammlung von Manchester ausstellen und interpretieren". Die Museumsbesucher werden ermutigt, ihre Gedanken zu diesem Schritt auf Klebezetteln danebenzuhängen.

Laut Clare Gannaway, Kuratorin für Zeitgenössische Kunst, soll die "vorläufige" Entfernung des Gemäldes "eine Debatte auslösen, nicht Zensur sein". Es gehe nicht darum, "die Existenz bestimmter Kunstwerke zu leugnen", so Gannaway. Vielmehr sei der Präsentationszusammenhang, in dem männliche Künstler weibliche Körper als passiv-dekorativ oder als Femme fatale zeigten, überholt. Das Konzept "Pursuit of Beauty" ("Streben nach Schönheit") sei zu lange nicht überdacht worden, und die "Me Too"- und "Time is up"-Debatten hätten zu dem Schritt beigetragen. Dieser wird zugleich als eigenständiger künstlerischer Akt deklariert und im März Teil einer Ausstellung der Künstlerin Sonia Boyce sein.

Selbstporträt von Chuck Close im New Yorker Metropolitan Museum of Art.

(Foto: Victoria Will/Polaris/laif)

Die Abhängung des Waterhouse-Gemäldes ist das jüngste Beispiel einer kritischen Neubewertung von Kunstwerken im Zuge der internationalen Debatte um sexuelle Belästigung, Missbrauch und Objektivierung in den Künsten. So wurden im vergangenen Dezember 10 000 Unterschriften für eine Petition gesammelt, die das New Yorker Metropolitan Museum of Art dazu bewegen sollte, das Bild "Thérèse, träumend" (1938) des polnisch-französischen Malers Balthus abzuhängen oder zumindest zu rekontextualisieren. Es zeigt ein minderjähriges Mädchen in zweideutiger Pose. Das Museum romantisiere "die Darstellung von Kindern als Objekt", indem sie dieses Werk zeige, so der Vorwurf.

"Thérèse, träumend" hängt bisher noch, anders als ein Selbstporträt des amerikanischen Fotorealisten Chuck Close, das in einem Gebäude der Universität von Seattle hing. Nachdem mehrere Frauen, die für Close Modell standen, ihn sexuell anzüglichen Verhaltens beschuldigt hatten, wurde das Werk in dieser Woche entfernt und durch Gemälde von Linda Stojak ersetzt. Eine geplante Close-Retrospektive in Washington wurde verschoben. Auch eine für den Herbst geplante Hamburger Bruce-Weber-Ausstellung wurde nach Belästigungsvorwürfen gegen den amerikanischen Modefotografen vorläufig abgesagt.

Philipp Demandt, der Leiter des Städel-Museums, der Liebieghaus-Skulpturensammlung und der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, gab derweil zu bedenken, dass die "Museen bald leer" wären, mache man "die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab". Museen sollten Konflikte thematisieren, die für das Verständnis des Werks wichtig seien. Die Reaktionen der Besucher der Manchester Art Gallery sind bisher überwiegend kritisch: Eine nennt die Abhängung einen "gefährlichen Präzedenzfall", andere empfinden ihn als "moralistisch" oder "politisch korrekt".

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