Kunst Sie tastet sich durch

Die deutsche Malerin Tomma Abts fühlte sich in London aufgenommen, als sie den Turner-Preis gewann. Jetzt hat sie den U-Bahn-Plan gestaltet.

Von Alexander Menden

Kunstpreise seien "seltsam", sagt Tomma Abts: "Künstler stehen doch nicht im Wettbewerb miteinander, und unterschiedliche künstlerische Praktiken lassen sich kaum vergleichen." Diese Skepsis könnte überraschen bei einer Künstlerin, die 2006 nicht nur am Wettbewerb um den bedeutendsten Preis für zeitgenössische Kunst teilnahm, sondern ihn auch gewann: Vor zehn Jahren erhielt sie den Turner-Preis, als zweite Deutsche nach Wolfgang Tillmans. Doch je länger man sich mit Abts unterhält, desto logischer erscheint es, dass es einer Malerin, die so entschlossen ist, einen unabhängigen künstlerischen Ausdruck zu finden, widerstreben muss, sich an einem Schaulaufen wie dem Turner-Preis zu beteiligen.

Warum, fragt man sich, ließ sie sich dann nominieren? Andere Künstler haben das schließlich auch abgelehnt. "Ich habe mir genau überlegt, ob ich da mitmachen will", sagt Abts beim Gespräch im Café der British Library, unweit ihres Ost-Londoner Ateliers. "Manche denken, man gewinnt den Preis, und dann passiert ganz viel, aber die Ausstellungen, die danach kamen, waren ohnehin schon geplant." Letztlich war vor allem die Freude ausschlaggebend, für einen englischen Preis nominiert zu werden, weil ich nicht von hier stamme.

Ich habe mich aufgenommen gefühlt." Es ist durchaus einleuchtend, dass Tomma Abts, 1967 in Kiel geboren, den Turner-Preis als Signal der Bestätigung, des Angenommenseins verstand. Sie ist keine britische Künstlerin - ganz sicher ist sie aber eine Londoner Künstlerin, immerhin lebt und arbeitet sie dort seit mehr als 20 Jahren. Deshalb sagte sie sofort zu, als Transport for London (TfL), die Betreiberorganisation der Londoner öffentlichen Verkehrsmittel, sie - wie schon mehrere Kollegen vor ihr - um die Gestaltung ihrer neuen Poster und U-Bahn-Faltpläne bat: "Ich glaube jeder Künstler freut sich, wenn er gefragt wird die Tube Map zu gestalten. Alle Londoner haben ein ganz persönliches Verhältnis zur U-Bahn, weil fast alle sie regelmäßig benutzen."

Millionen von Fahrgästen sehen nun in den U-Bahnstationen ihre Arbeit: Sechs mit Buntstift gezeichnete Linien in den Farben des Londoner Underground-Plans, die sich von dem weißen Hintergrund abheben und ins Ungefähre führen. In ihrer Klarheit, Kargheit und abstrakten Ortlosigkeit eine typische Arbeit. "Mir ist es übrigens völlig egal, ob die Leute wissen, dass das von mir ist", sagt sie.

Das wirkt wohltuend und aufrichtig uneitel. Abts gibt selten Interviews, was sie aber nicht als Medienscheuheit gewertet wissen möchte. Sie lässt eben ihre Kunst lieber für sich selbst sprechen. Das ist sicher auch einer der Gründe dafür, dass sie, trotz ihres Turner-Erfolgs, in ihrem Geburtsland bei weitem kein so geläufiger Name ist wie man es durchaus bei einer Künstlerin erwarten könnte, die bereits in Basel, Los Angeles und dem Museum of Modern Art in New York ausgestellt hat.

Zug ins Ungefähre: Werbeposter für die neue U-Bahn-Karte.

(Foto: London Underground)

Wenn sie über ihre Arbeit Auskunft gibt, wählt sie ihre Worte genau, berichtigt oder präzisiert häufig. Befürchtet sie, missverstanden zu werden? "Es wurde zu Anfang immer wieder geschrieben, ich würde eine avantgardistische Tradition, ich würde ausdrücklich eine avantgardistische Tradition fortführen", erklärt Abts. "Aber das stimmt einfach nicht. Man arbeitet natürlich nie im luftleeren Raum, und ich verstehe auch, dass man das irgendwie kunstgeschichtlich einordnen will. Ich setze dort beim Arbeiten aber gar nicht an." Ihre Malerei soll also nicht nur für sich selbst sprechen, sondern auch für sich allein stehen.

Tatsächlich ist das was Abts macht, schwer einzuordnen. Ihre Arbeiten sind exakt und unscharf zugleich. Die meist im Format 48 mal 38 Zentimeter gehaltenen Hochformate in Öl und Acryl entstehen stets in zahlreichen Schichten. Auf einem iPad, das sie eigens mitgebracht hat, führt sie durch die unterschiedlichen Stufen des "offenen Prozesses der Bildfindung", wie sie es nennt: Eine rote, dann eine graue Schicht, die beim nächsten Arbeitsgang fast vollständig gelöscht ist. Dieser allmähliche, mühsame Aufbauvorgang sei kein Selbstzweck, beteuert sie: "Ich wäre ja froh, wenn ich das gleich so malen könnte, ohne die Zwischenstufen. Aber das funktioniert nicht, daher taste ich mich so durch."

Es sind viele Liniensysteme angelegt, sie muss sich entscheiden, welche davon die interessanteste ist, welche dem Bild eigene Identität verleiht. Eine der Farben, die am Anfang am dominantesten waren, verschwindet am Ende ganz und ist nur noch als Erinnerung vorhanden. Es bleiben mit- und gegeneinander arbeitenden Flächen und Linien in einer gedeckten Palette, die sich jeder Einordnung in dimensionale Kategorien widersetzen.

Nicht zuletzt der Wunsch, einem Kategorien- und Schubladendenken zu entgehen führte 1995 auch zu ihrem Umzug nach London, der, wie so oft in solchen Geschichten, gar nicht permanent sein, sondern nur ein Jahr dauern sollte. Abts hatte gerade ihren Meisterschüler in der Filmklasse bei Heinz Emigholz an der Berliner Hochschule der Künste gemacht - "Ich hatte viel Freiheit dadurch, dass ich nicht in einer Malerklasse war und nicht so sehr von einem Lehrer beeinflusst war", sagt sie.

Es folgte ein DAAD-Stipendium für einen Aufenthalt in England. "Ich wollte einfach woanders hin, aus dem eigenen kulturellen Kontext raus", sagt Abts. "Als ich Berlin verließ, konzentrierten sich viele meiner Zeitgenossen auf Architektur oder Urbanismus, die Stadt veränderte sich ständig, eine einzigartige und extreme Situation. Aber diese Richtung interessierte mich weniger. Hier in London konnte ich leichter etwas Eigenes entwickeln."

"Etwas Eigenes" zu entwickeln, das ist ein Thema, auf das Abts immer wieder zurückkommt. Dem sei England, und speziell London, besonders förderlich gewesen: "Es gibt diese Exzentrik, die insular sein kann, aber die eben auch zu der Haltung führt, dass man etwas Eigenes auf die Beine stellen kann." Sie habe die Energie, die in London herrsche, als "fließender" empfunden als in Berlin, wo sie immer das Gefühl gehabt habe, "an Grenzen zu stoßen".

Die Künstlerin Tomma Abts.

(Foto: Aubrey Mayer)

Solche Grenzen sprengen zu können, sich frei zu fühlen, dieses Gefühl möchte sie auch ihren Studenten an der Kunstakademie Düsseldorf vermitteln, wo sie seit 2010 eine Professur für Malerei innehat. "Als Lehrerin möchte ich ihnen gerne die Gelegenheit verschaffen, genau das zu tun, was sie möchten, dass sie sich selbst finden" erklärt sie. "Sie sollen eine Atmosphäre vorfinden, in denen ihnen nichts peinlich sein muss. Vor allem will ich niemandem etwas aufdrücken."

Als richtiggehend "tragisch" empfindet Abts es, wie viel schwieriger es für heutige Kunststudenten geworden sei, jene Art von Auslandserfahrung zu sammeln, die für ihre eigene Entwicklung so wichtig war. Speziell London ist für Künstler einfach viel zu teuer: "Meine Studenten, die eine absolute Bereicherung für die Szene wären, können es sich schlicht nicht leisten, hierher zu ziehen. Manche gehen nach L.A. oder Brüssel, oder bleiben gleich im Ruhrgebiet. Aber London ist einfach keine Option. Es gibt keine Ateliers, keine Stipendien." Das sei kein Wunder in einer Stadt, in der sogar große Institutionen wie die Tate, um die Mittel kämpfen müssten.

Wie sieht sie also aus, die Zukunft der Kunst in London? Abts hat keine definitive Antwort auf diese Frage, aber eines erscheint ihr sicher: "London ist gerade dabei, sich seine eigene Blutzufuhr abzuschnüren. Der stimulierende Einfluss von Künstlern, die von außen herziehen, wird irgendwann fehlen. Dabei haben sie so viel dazu beigetragen, das Interesse an der Stadt als kreativem Zentrum zu fördern." Ein Werdegang wie der ihre könnte unter diesen Voraussetzungen einzigartig bleiben.