Kunst Ideen aus der Schachtel

In Video-Arbeiten versuchte Melanie Gilligan schon das Wesen der Gefühle zu ergründen und arbeitete an einer Art Gefühlsprothese.

(Foto: Max Tomasinelli)

Künstlerin Melanie Gilligan hat mit Akademiestudenten eine Ausstellung konzipiert

Von Jürgen Moises

Was wäre, wenn wir die körperlichen Sinneseindrücke und Gefühle anderer Menschen direkt wahrnehmen könnten? Das heißt, nicht vermittelt über Sprache oder den Gesichtsausdruck, sondern körperlich und unmittelbar. Welchen Einfluss hätte das auf uns und unsere Gesellschaft? Um genau solche Fragen dreht sich "The Common Sense", die aktuellste, aus insgesamt 15 Teilen bestehende Videoarbeit von Melanie Gilligan. Dafür hat sich die 1979 in Toronto geborene Künstlerin, die aktuell in London und New York lebt, eine Technologie namens "The Patch" ausgedacht, die als eine Art technische Prothese den direkten Gefühlsaustausch zwischen zwei Menschenmöglich macht.

Sich Gedanken über technische und ökonomische Entwicklungen zu machen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft, das ist typisch für Melanie Gilligan, die derzeit als Gast-Professorin eine Projektklasse an der Akademie der Bildenden Künste leitet und die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit in den nächsten Tagen als eine Art "Work-in-Progress"-Ausstellung in der Akademiegalerie präsentiert. Was Gilligans Kunst außerdem auszeichnet, ist der bewusste Einbezug von "populären" Medien wie etwa das in den letzten Jahren stark boomende Format der TV-Serie. So ist auch "The Common Sense" im Wesentlichen wie eine Science-Fiction-Mini-Serie konzipiert. Warum sie bei ihren Arbeiten auf das Format der TV-Serie zurückgreift und warum ganz allgemein das Narrative dort eine so wesentliche Rolle spielt, das hat laut Gilligan verschiedene Gründe.

So hält die gebürtige Kanadierin, deren Werke bereits in London, New York, Amsterdam, Frankfurt, Kassel und auch schon im Münchner Lenbachhaus zu sehen waren, Video als zeitbasiertes Medium generell "für gut geeignet, um ökonomische Themen und deren gesellschaftliche Auswirkungen" zu verhandeln. Oder um zu zeigen, "wie bestimmte Ideen innerhalb der Gesellschaft transformiert werden". Ein anderer Grund ist der, dass sie sich bereits bei früheren Arbeit wie etwa "Crisis in the Credit System" von 2008 überlegt hat, wie sie auch Menschen außerhalb der Museen- und Galerien-Welt mit ihrer Kunst erreicht. Die erste Idee war, ihre Videoarbeiten kostenlos ins Internet zu stellen, wo man tatsächlich einen Großteil davon findet. Eine andere, auf derzeit populäre Medienformate zurückzugreifen, zu denen die Betrachter leichter Zugang finden. Eine ganz ähnliche Funktion erfüllt der Humor, der ebenfalls in ihren Videoarbeiten immer wieder auftaucht. Auch er ermöglicht einen leichteren Zugang, hat als Satire aber ebenfalls eine kritische Funktion. Etwa wenn Gilligan in "Crisis in the Credit System" die Schauspieler die Sprache und Gesten von Vertretern der Finanzbranche imitieren lässt und damit deren Schein-Expertentum entlarvt.

"Außerdem bietet mir die Satire die Möglichkeit, auf spielerische Art und Weise zwischen verschiedenen Themen und Motiven hin und her zu springen", so Melanie Gilligan. Auch die bisherige Projektarbeit an der Akademie enthielt spielerische Elemente. Etwa in Form des bekannten Detektiv-Spiels "Cluedo", das die Kanadierin als eine Art Rahmen für ihren Unterricht mit den 15 Kunst-Studierenden genutzt hat. Genauso wie dort hat sie den Studierenden bestimmte Charaktere zugewiesen und sie per Zufallsprinzip verschiedene Gegenstände aus einer Schachtel ziehen lassen. Diese mussten sie dann entweder konkret oder gedanklich in ihre Arbeiten mit einbauen. Im Falle einer Studentin war das etwa eine Zahnbürste, die sie nun in Beziehung zur ihrer Grundidee bringen muss, eine Arbeit über Flüchtlinge zu machen, die mit Fahrrädern von Russland nach Norwegen geflohen sind.

Gestoßen ist die Studentin auf das Thema beim gemeinsamen Brainstorming, das am Anfang des Workshops stand. Dabei haben sie zusammen mit Gilligan im Internet und in Printmedien nach aktuellen Themen gesucht und außerdem Texte von Walter Benjamin, Charles Baudelaire und anderen Autoren gelesen, die sich mit dem Phänomen der "Menschenmasse" beschäftigt haben. Eine andere Studentin, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hat das zu der absurd klingenden Geschichte eines russischen Gefängniswärters geführt, der 50 Kilometer von einer Straße geklaut haben soll. Ein Thema, das sich bei genauerer Beschäftigung gesellschaftlich "immer weiter ausgeweitet" hat. Wie die junge Künstlerin das Thema verarbeitet hat und welche Themen und Projekte sich noch im Workshop entwickelt haben, kann man in den nächsten Tagen in der Akademiegalerie sehen. Wenn Melanie Gilligan und die Studierenden ihren Workshop unter dem Titel "Algorithm of my Life" dort öffentlich fortführen, um dann am 16. Februar ihre endgültigen Ergebnisse um 19 Uhr bei einer Finissage zu präsentieren.

Projektklasse Melanie Gilligan: Algorithm of my Life, bis 16. Feb., Akademiegalerie in der U-Bahnstation Universität