Kunst Friedhof der Datenträger

Das Kunstpalais Erlangen hat eine neue Chefin. Und weil in der fränkischen Universitätsstadt einst der MP3-Player erfunden wurde, hat Amely Deiss diesen zum Ausgangspunkt einer Ausstellung erkoren

Von Olaf Przybilla, Erlangen

Amely Deiss hat ihre ersten Monate in Erlangen genossen. Das sagt jeder, der in eine neue Stadt kommt. Erst recht, wenn man dort eine Institution wie das Kunstpalais übernimmt. Die 34-Jährige aber spricht so emphatisch über ihre neue Heimat, dass man ihr die Begeisterung abnehmen muss. "Ich bin verliebt in Erlangen", schwärmt sie und schiebt umgehend diverse Attribute nach, damit Zweifel gar nicht erst aufkommen können. Die neue Chefin des Hauses erlebt die fränkische Universitätsstadt "so pittoresk, lebendig, angenehm offen und kulturell vielfältig", dass ihr ganz warm ums Herz geworden sei in den ersten Monaten. Ihre erste selbst verantwortete Sammelausstellung heißt "Save the data!", sie sollte unbedingt etwas mit Erlangen zu tun haben, fand Deiss.

Das hat sie nun auch, immerhin war es Erlangen, wo der Siegeszug des MP3-Formats begonnen hat. Der aber ist für Deiss nur die Chiffre für den Datenträger an sich und dessen rasanten Wandel. Klingt trocken, hätte sperrig werden können, ist aber eine Premiere geworden, mit der Deiss gleich zu Beginn ihrer Amtszeit andeutet, dass sie in dieser Stadt, wie man so sagt, angekommen ist. "Save the data!" wirkt im Kern akademisch, das passt zu Erlangen. Nähert sich dem Thema aber entspannt, und das passt auch zu der Stadt.

Da ist zum Beispiel Aram Bartholls Arbeit "Home Entertainment", das der DVD - die war ja kürzlich auch noch angesagt - ein bizarres Denkmal setzt. Zu sehen bekommt man am Bildschirm keine Filme, sondern ein Sammelsurium visueller Schnipsel, von denen man vor dieser Ausstellung noch nicht wusste, wie sehr sie einen quälen. Tun sie aber: Bartholl collagiert Videos aus Copyright-Warnungen, Anti-Piraterie-Aufrufen und Home-Entertainment-Logos, all das also, was zu sehen ist, bevor der eigentliche Film beginnt. Das Beklemmende daran ist, dass man diesmal weder überspulen noch wegklicken kann. Die Arbeit löst Reflexe aus wie beim Pawlowschen Hund, nur dass der Speichel nach diesem Reiz vergeblich fließt. Mehr als eine halbe Stunde lang bekommen Betrachter Appetitanreger zu sehen, sobald sie damit durch sind, geht die Qual von Neuem los. Man lernt dieses Werk zu hassen. Und hört sich lachen darüber.

Amüsant auch die schmale Arbeit von Via Lewandowsky, für die einer der größten Räume des Hauses gerade richtig ist. Tritt man ein, öffnet sich unvermittelt das Deck eines Kassettenrekorders der Marke ITT. Wie oft glaubt man, diesen "SL 500", ein Wahnsinnsding, vor sich gehabt zu haben, um die Schlager der Woche auf Band konservieren zu können? Wie erniedrigend fühlte es sich an, wenn der Radio-Ansager wieder ohne Warnung in die Musik quatschte? Oder, in Ermangelung eines Überspielkabels, am Ende das Rauschen stärker war als der Hitparadensong?

Aus dem Deck des Rekorders steigt farbiger Disco-Nebel empor, währenddessen beginnen Guns N' Roses zu spielen. Alles scheint zu funktionieren, nach 35 Sekunden aber ist nur noch der Lärm von Fans zu hören. Wenige Augenblicke später schließt sich die Klappe wieder, die Musik verstummt, die Kunst verschwindet so unvermittelt, wie sie kam. Nur ein wenig Rauch bleibt im Raum zurück und das Gefühl, einem Déjà-vu beigewohnt zu haben.

Weniger flüchtig ist die Kunst von Joep van Liefland. Er hat für die Erlanger Schau einen Video-Palast gebaut, mit Außenwänden aus überdimensionierten Covern von VHS-Hüllen. Lieflands Raum-im-Raum weckt noch gemischtere Gefühle als Lewandowskys schrammelnder Retro-Rekorder. Einerseits stapeln sich im Inneren dieses Kunstwerks Videokassetten sogenannter Kultfilme, begehrte Ware seinerzeit. Andererseits wirkt diese hermetische Hölle aus Zombiemotiven, veralterter Videotechnik und Schummerlicht wie der Keller einer Kindheit in den Achtzigerjahren. Man will raus und ist doch fasziniert.

Interessanterweise ist diese Sammelschau, an der elf Künstler mitwirken, dort stark, wo sie sich mit Vergangenem beschäftigt. Und bleibt dort eher beliebig, wo sie im Jetzt ankommt. Viktoria Binschtoks Arbeit "Cluster Series" etwa kommt ohne erläuternde Handreichung kaum aus. Sie hat aus ihrem privaten Archiv Fotografien ausgewählt und in die Google-Bildsuche eingespeist. Dieses spuckt Aufnahmen aus, die den eingespeisten Bildern ähneln. Mit diesem Material schafft Binschtok dann Neues, mitunter Dekoratives, nicht aber Erleuchtendes. Dem Beitrag von Florian Meisenberg wiederum ist "ein Upload-Link" beigefügt, den von ihm gestalteten Ausstellungsraum ziert eine überdimensionale URL-Adresse, mit der sich der Betrachter Daten herunterladen kann. Aber will man das in einer Ausstellung?

Wissenswertes über Erlangen: Amely Deiss, Kunstpalais-Chefin.

(Foto: Werner)

Allein die Aufnahmen von Timo Arnall schaut man sich gerne an. Aufgenommen hat er sie in einem der größten Rechenzentren weltweit, das vom Telekommunikationsriesen Telefonica betrieben wird. Die Kamera zeigt eine monumentale, aber beliebig wirkende Fassade, sie fährt durch leere Flure an Kabeln entlang. Aha, dort also liegen unsere Daten, so banal geht es da zu. Immerhin: Arnalls Werk, im letzten Ausstellungsraum platziert, liefert die perfekten Bilder zum Ausstellungsthema.

Am besten nach Erlangen aber passt Gebhard Sengmüllers Werk, von diesem zeigen sich sogar Fraunhofer-Forscher, die Erfinder des MP3, fasziniert. Sengmüller hat einen Apparat entwickelt, mit dem man sich Videos mithilfe von Schallplatten hätte anschauen können. Wohlgemerkt: Hätte, denn erfunden wurde das Ding nie. Es hätte aber erfunden werden können. Heute braucht den Apparat keiner mehr, aber das dürfte dem MP3 ja auch blühen.

"Save the data", bis zum 22. November im Erlanger Kunstpalais, Marktplatz 1