Kunst Frei wie ein Kind

Tom Seidmann-Freud, die Nichte von Sigmund Freud, war als Bilderbuch-Illustratorin weltbekannt. Nach dem Krieg wurde sie vergessen. Eine traumhafte Wiederentdeckung.

Von Catrin Lorch

Es spricht der Fisch: ,Komm mit, die Welt ist weit und viele Ufer sind!'" Das Bild zeigt einen Goldfisch, er ist groß wie ein Hai, fast zerquetscht er den kleinen Jungen, der ihn eben noch stolz im Glas durch die Stadt getragen hat. Der Tonfall und die Bilder des Buchs "Die Fischreise" erinnern an die großen Klassiker der Kinderliteratur, an "Alice im Wunderland", an "Little Nemo" oder Maurice Sendaks "Wo die wilden Kerle wohnen". Dass "Die Fischreise" schon vor 90 Jahren erschienen ist, sieht man den Seiten nicht an: Sie sind schlank gezeichnet. Die Mütze von Peregrin ist kaum mehr als ein knappes Dreieck, seine Hosenbeine rechtwinklig wie hellblaue Bauklötzchen. Und der Riesenfisch leuchtet in einem so strahlenden Rot, dass man mit dem Finger über die Buchseiten fahren will.

Die Weltreise führt direkt in eine Utopie. In eine Stadt der Kinder aus bunten freundlichen Häusern in der "jeder tut, was ihm Freude macht, darum wird es so gut", und Geld unbekannt ist. Wie aufmerksam es in jedem Detail und jeder Zeile formuliert und ausgemalt wurde, kann nachvollziehen, wer die aquarellierten Skizzen betrachtet, die jetzt in Kassel auf der Documenta 14 in einer Vitrine ausliegen. Man ahnt, dass hier um jede Kontur und jede Zeile gerungen wurde. Wie kann es da sein, dass Tom Seidmann-Freud, so der Name auf dem Umschlag, so unbekannt ist?

Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Pseudonym die Tochter einer prominenten Familie: Martha Gertrud Freud, Nichte des Begründers der Psychoanalyse, eine der bedeutendsten Kinderbuch-Autorinnen der Zwischenkriegszeit. Eine, die vergessen wurde, obwohl ihre Bücher verlegt, verkauft und von den Feuilletons gepriesen wurden, nicht allein in Deutschland, sondern auch in Schweden, den Niederlanden und Großbritannien, in Tel Aviv und New York. Und das, obwohl ihre Werke, vor allem ihre Bilderbücher, so ganz anders waren als die klassische deutsche Märchensammlung oder der "Struwwelpeter"; nie belehrend, sondern verspielt, verträumt und so aufwendig gestaltet und hergestellt, dass die Seiten der originalen Bücher als Kunstdrucke durchgehen können. Wie kann so eine Künstlerin verschwinden?

Tom Seidmann-Freud war in der Nachkriegszeit fast ein Mythos - dass Blätter aus ihrem Nachlass jetzt auf der Documenta 14 wieder ausgestellt werden, dass es kleine Wiederauflagen ihrer Werke gab, ist unter anderem das Verdienst der Münchnerin Barbara Murken. Die Kinderbuchforscherin erinnert sich noch daran, wie sie in den Siebzigerjahren zufällig im Antiquariat auf die im Jahr 1892 in Wien geborene Tom Seidmann-Freud aufmerksam wurde. Angezogen durch den eigenwilligen Stil und die Biografie begann sie, sich mit der Autorin zu beschäftigen. Zunächst schien es, als teile Tom Seidmann-Freud das Schicksal so vieler jüdischer Autoren, die das NS-Regime nicht überlebten und deren Werk in der Nachkriegszeit in Vergessenheit geriet. Doch die Geschichte war komplizierter. Und sie endet schon im Jahr 1930, als sich Tom Seidmann-Freud, nur wenige Monate nach dem Freitod ihres Mannes und Verlegers Jankew Seidmann, in Berlin das Leben nahm. Die Familie Freud schien die Tochter von Sigmund Freuds jüngerer Schwester Marie (Mitzi), die im Jahr 1942 in Treblinka ermordet wurde, vergessen zu haben. Ihr einziges Kind Angela galt als verschollen, ihr Erbe als verloren.

Doch Angela, die beim Tod ihrer Eltern erst sieben Jahre alt gewesen war, lebte unter dem Namen Aviva in Israel. Sie war als 16-Jährige mit der Jugendbewegung "Youth Aliya" nach Palästina ausgewandert. Der große Überseekoffer, in dem ihre Familie Skizzen, Briefe, Zeichnungen, den gesamten Nachlass ihrer Mutter für sie verwahrt hatte, blieb ein halbes Leben lang ungeöffnet. Auf Briefe von Barbara Murken aus Deutschland antwortete sie nicht. "Immer wieder habe ich sie angeschrieben", erinnert sich die Forscherin im Gespräch, "und betont, dass ich ihrer Mutter zu einem Andenken in Deutschland verhelfen will, aber sie hat lange nicht geantwortet." Erst auf Vermittlung von Gershom Scholem, einem Religionsphilosophen, der einst Nachbar und Freund von Tom Seidmann-Freud war, gab Aviva nach: Einen Nachmittag, drei Stunden, wollte sie der Forscherin aus Deutschland geben, um den Inhalt des Koffers anzusehen. Murken, die inzwischen schon fast alle im Umlauf befindlichen Ausgaben verwahrt und studiert hatte, erinnert sich noch genau an diese eine Gelegenheit. "Ich glaube, Aviva hat selbst nie vorher diesen Koffer geöffnet, die Erinnerung an ihre Mutter war zu schmerzhaft."

Der Fund war überwältigend: Zeichnungen, Gemälde, Studien, Probedrucke, Aquarelle und Spielfiguren. Das Werk, das ausgebreitet vor ihnen lag, war faszinierend. Von den ersten Anfängen wie dem Buch "Das Wölkchen", das die Künstlerin für ihren zwölf Jahre jüngeren Bruder Theodor geschrieben hatte und das noch zierlich und ornamental gezeichnet an den Jugendstil erinnert, entwickelten sich Stil und Erzählkunst rasant. Martha Gertrud, die jüngste von drei Schwestern, das "hässliche Entlein der Familie", wie ein Cousin sie nannte, galt schon früh als eigensinnig und introvertiert, gleichzeitig war ihre Begabung unübersehbar.

Dass sie im Alter von 15 Jahren zum letzten Mal ein Blumenstillleben mit "M. Freud" signierte, um danach den männlichen Vornamen Tom anzunehmen, scheint die Familie einfach akzeptiert zu haben. Ihr Onkel Sigmund Freud erwähnte die 22-jährige Nichte in einem Brief: "Ich halte den sonderbaren Tom für ein recht braves und begabtes Kind. Sie schafft so aus dem Vollen harmlos und absichtslos aus einer großen Zärtlichkeit, deren Objekt der kleine Bruder war." War die fürsorgliche Schwester unglücklich mit ihrem Geschlecht oder wollte sie sich - wie ihre Enkel sagen - in einer von Männern dominierten Kunstwelt durchsetzen? Ihre Cousine, die Kinderpsychologin Anna Freud, war eindeutig: "Sie hasste es eher weiblich zu sein und änderte deswegen ihren Namen in einen männlichen."

Die sonderbare Tom wurde von ihrem Vater, den sie häufig auf Geschäftsreisen begleiten durfte, als Künstlerin rückhaltlos gefördert. Sie durfte in London eine Kunstschule besuchen, wo sie ihre Vorliebe für Aquarellmalerei ausbildete. Es ist zu vermuten, dass sie dort die originellen Meisterwerke der britischen Kinderliteratur wie "Peter Rabbit" oder "Alice in Wonderland" entdeckte. An der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin-Charlottenburg, wo sie sich mit 19 Jahren einschrieb, bildete sich Tom Seidmann-Freud dann gezielt als Illustratorin fort. Ihre ersten Bücher "Das Baby-Liederbuch" und "Das neue Bilderbuch" erschienen, als sie nach München zog, um dort "als echte Bohemienne", wie sich ihr Nachbar Gershom Scholem erinnert, für einige Jahre zu leben.

Die "Kleinen Märchen" waren dann das letzte Werk unter ihrem Mädchennamen Tom Freud, im Sommer des Jahres 1921 heiratete sie Jankew Seidmann, einen Autor, Übersetzer und Verleger. Ein Jahr später wurde die Tochter Angela geboren, das Ehepaar, das in Charlottenburg lebte, gründete den Peregrin-Verlag. Auch die "Kleinen Märchen" wurden bald übersetzt, von niemand Geringerem als Chaim Nachman Bialik, der heute als Nationaldichter und Wegbereiter der hebräischen Sprache verehrt wird. Jankew Seidmann fühlte sich dem Hebräischen verpflichtet, außerdem lebten viele Emigranten in Berlin, schon deswegen gab Seidmann auch russische Versionen in Auftrag.

Die ersten Bilderbücher, die bei Peregrin erschienen, waren die "Hasengeschichten" und "Die Fischreise", die von einem Kritiker als "kommunistischer Zukunftstraum" gepriesen wurde, in dem zionistische Ideen, christliche Ideale und die Suche nach dem irdischen Paradies zusammenfließen. Genauso ungewöhnlich sind die "Hasengeschichten", eine Sammlung von Märchen und Fabeln aus aller Welt. Der Tonfall der Erzählungen darf exotisch bleiben, die Bildtafeln sind experimentell und zeigen zuweilen das ganze Märchen auf einem Blatt, was an die Bilderzählungen mittelalterlicher Buchmalerei erinnert oder an frühe Comics. Zudem sind sie höchst aufwendig in einem Schablonenverfahren gedruckt, bei dem die einzelnen Farben nacheinander aufgetragen werden und eine erstaunliche Brillanz entfalten.

Auch andere Verleger suchten die Zusammenarbeit mit der Künstlerin, etwa der gleichaltrige Herbert Stuffer, mit dem sie aufwendige Verwandlungsbücher wie "Das Wunderhaus" oder "Das Zauberboot" erfand, in die - in Handarbeit - Drehscheiben, Fenster und Ausklapp-Bilder eingeklebt wurden. Und dem sie ihr wohl berühmtestes Projekt vorschlug, die "Spielfibel", über die Walter Benjamin später schrieb: "Wenn etwas dies Elementarbuch aus der Reihe aller bisherigen hebt, so ist es die seltene Vereinigung gründlichsten Geistes mit der leichtesten Hand."

Ausdrücklich weist der Klappentext die Eltern darauf hin, die Bücher nicht zur Unterrichtung zu verwenden, sondern sie den Kindern einfach zu überlassen, damit die sich mit Schablonen beschäftigen, hinter denen Text aufscheint, und mit roten Plastiklinsen versteckte Bilder aufspüren. Bilder und Wörter erscheinen hier wie zum freien Gebrauch ausgelegt.

Im Stil sind die schnörkellosen Bilderbücher und Fibeln ganz der Neuen Sachlichkeit verpflichtet. Und in einer Zeit, die für Mädchen und Jungen gewaltige Unterschiede in der Erziehung vorsieht, kann man bei Seidmann-Freud kaum unterscheiden, ob sie Jungen oder Mädchen gezeichnet hat, Schulkinder, Teenager oder junge Zwerge: Alter und Geschlecht spielen in ihrem Kosmos keine Rolle, ihre Charaktere sind bereit, jede Rolle einzunehmen, die das lesende Kind sich erträumt.

Doch der Peregrin-Verlag ist nicht profitabel, als ein Geschäftspartner Jankew Seidmann sitzen lässt, gerät er in finanzielle Not. Sigmund Freud schreibt Ende der Zwanzigerjahre an die Familie: "Er war ein ehrlicher, liebenswürdiger und kluger Mann, aber er hat versucht, was dieser Tage unmöglich erscheint, nämlich einen Verlag aufzubauen ohne Geld zu haben." Jankew Seidmann nahm sich im Oktober 1929 das Leben. Die vollkommen ahnungslose Tom Seidmann-Freud stürzte das in eine Depression. Nur wenige Monate später starb sie in einem Krankenhaus in Neukölln an einer Überdosis Tabletten.

Als jüdische Autorin wird der Verkauf ihrer Bücher wenige Jahre später von den Nationalsozialisten boykottiert, und wie so viele Künstler der Zwanzigerjahre, die verboten und verfolgt werden, ist sie vergessen, als der Zweite Weltkrieg endet. Die autoritäre und restaurative Nachkriegszeit hat keinen Bedarf für eine so freie, experimentelle Kinderliteratur. So rahmen Konjunktive dieses Werk - wäre, hätte, könnte. Zweifellos: Hätte sich die Kunst von Seidmann-Freud über Jahrzehnte entfalten können, sie wäre sicher eine der ganz großen Autorinnen der Kinderliteratur geworden, wie Erich Kästner, Astrid Lindgren, Maurice Sendak. Doch zu einem Klassiker muss ein Buch Generation für Generation wachsen, das lässt sich nicht nachholen, auch wenn ihr Auftritt auf der Documenta die Bedeutung ihres Werks unterstreicht und womöglich Neuauflagen in der ursprünglichen Qualität zur Folge hat.

Doch das Werk von Tom Seidmann-Freud, das jetzt sichtbar wird, auch weil ihre Enkelkinder es nun in seinem ganzen Umfang erschließen, erinnert in seinem gewaltigen Anspruch an einen großen pädagogischen Aufbruch, an eine Zeit, in der Erziehung das Kind und seine Kompetenz vorbehaltlos in den Mittelpunkt stellte, ihm entgegenkam, um ihm die Zukunft, diese große Utopie, anzuvertrauen. Dass dieses Werk fast mit einem Überseekoffer verschwunden wäre, ist unvorstellbar.

Das "Buch der Hasengeschichten" erschien im März 2017 in einer Neuauflage im Verlag Werner Bokelberg.