Kunst Das Wörtchen "queer": wunderlich, seltsam

Als der späte Neoklassizist Frederic Leighton 1885 seine im Zentrum des ersten Raums platzierte Aktbronze "The Sluggard" schuf - zu Deutsch: der Faulenzer -, gab es das Wort "homosexuell" noch nicht, so wie im Übrigen auch noch nicht den ebenfalls sehr neuzeitlichen Begriff "heterosexuell". Was es in England etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab, war das Wörtchen "queer": wunderlich, seltsam. Damals war das noch ein Schimpfwort. Was man über Leighton weiß: Er war unverheiratet und wohl kinderlos. Was zu der Frage führen mag, ob er ein "queer fellow" war, und wenn: inwiefern er seine Libido in den gähnenden Faulenzer, der seine makellose Nacktheit hier so aufreizend gen Morgensonne reckt, mit hineingoss. Das Kuratorenteam vermeidet Spekulationen, es stellt im Begleittext lediglich fest: Es ist auffällig, dass Leighton "The Sluggard" gerade zu jener Zeit schuf, als man in der Kunstgeschichte begann, sich für die Homoerotik im Werk des verehrten Michelangelo zu interessieren, dessen David Vorbild für Aktskulpturen dieser Art war.

Das kann man nun unbefriedigend oder gar unlauter finden. Wobei die Argumentation der Kuratoren durchaus verfängt - dass nämlich, sobald über die geschlechtliche Orientierung von Künstlern oder Künstlerinnen wenig bis nichts bekannt ist, mögliche oder gar naheliegende queere Lesarten ihrer Werke meist verschwiegen werden. Aus Angst, sie in ein falsches Licht zu rücken. Womit dann häufiger als nötig heteronormative Narrationen festgeschrieben werden.

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Und so wandert man dann durch die Tate Britain und bleibt vielleicht besonders vor jenen Werken stehen, denen homoerotische Sehnsüchte sehr subtil einkodiert scheinen. Ethel Sands (1873 - 1962) malte opulente Interieurs in Öl, eines mit leerem Chintz-Sofa. Ein Sonnenstrahl trifft es genau an jener Stelle, wo eine Person, die möglicherweise nicht gezeigt werden durfte, auffällig abwesend ist. Henry Scott Tuke (1858 - 1929) fing Pleinair-Szenen am Strand in Cornwall ein. Hübsche Jünglinge schwimmen oder liegen im Sand, teils nackt, teils bekleidet, sie werfen sich Blicke zu. Anzügliche, musternde Blicke? Der Titel, augenzwinkernd: "The Critics".

All-gender toilets gibt es jetzt auch in der Tate Britain

Einen Raum weiter gibt es Gluck (1895 - 1978) zu sehen: das Gemälde eines wunderbar arrangierten Fliederstraußes. Geboren als Hannah Gluckstein, legte Gluck Namen und weibliche Identität ab und wollte nur noch geschlechtsneutral adressiert werden - wofür es, wie die Wandtafel beweist, im Englischen durchaus eine Möglichkeit gibt: das "singular they", das Personalpronomen in der belebten dritten Person. Es ist laut Fowler's Dictionary of Modern English Usage seit dem 14. Jahrhundert in Gebrauch. Anders im Deutschen, wo man sich bei solchen Gelegenheiten immer noch um das so gar nicht passende "es" winden muss.

Dazwischen dann, fahlgelb und dick, die Original-Zellentür, hinter der Oscar Wilde von 1895 - 97 im Gefängnis Reading seine Strafe für "gross indecency", grob unsittliches Verhalten, absaß. Und noch etwas weiter, in einer Vitrine, wird die pinkfarbene Perücke des in den Dreißigerjahren scheinbar sehr populären englischen Damen-Imitators Jimmy Slater präsentiert. Es ist nicht verstiegen zu behaupten, dass in der Ausstellung insgesamt der Kunstbegriff ein wenig verqueert wird, in dem Sinne, dass hier Malerei und Skulptur mit sonst eher nicht so musealen Künsten wie Revue und Drag-Show zusammengebracht werden. Alles kann, nichts muss.

Der letzte Raum leitet mit Leinwänden von Francis Bacon und David Hockney in die Gegenwart über. Ein paar Meter weiter, im Gang zwischen den Damen- und Herrentoiletten, finden sich "All-gender toilets", die pünktlich zur Ausstellung installiert wurden. Wie hysterisch wurde über solche stillen Örtchen zuletzt in den USA und in Deutschland gestritten. Wie selbstverständlich kann man sie hier benutzen. Sie werden bleiben. So wie das Queere in der Kunst.

Queer British Art 1861 - 1967, bis 1. Oktober in der Tate Britain in London, Info: www.tate.org.uk

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