Kunst Ein Leben für die Malerei

Adolf Fleischmann verdiente sein Geld mit menschlichen Gebrechen. Der Durchbruch als Künstler gelang ihm erst im Alter von 60 Jahren

Von Sabine Reithmaier, Ingolstadt

Adolf Fleischmann war wohl ziemlich unbeirrbar. Lebenslang hat dieser Maler (1892-1968) seinen Stil, seine Formensprache fortentwickelt. Zwei Weltkriege hat er erlebt, viele gewollte und ungewollte Ortswechsel, Geldnot und zigmal die Suche nach einem Job. Berühmt wurde er erst in den Sechzigerjahren, als er Rechtecke zu schmalen, rhythmisch strukturierten Streifen zerfallen ließ, Kreise in Luftgittern verwandelte und seine Bilder auf eigentümliche Weise zu flirren begannen.

Gezeichnet hat er immer, auch in französischen Internierungslagern, von denen er gleich mehrere kennenlernte. Die Skizzen aus dem provisorisch errichteten "Camp de Saint-Nicolas", wo er im August 1940 in der Nähe von Nimes festsaß, zeigen Männer, ins Gespräch vertieft. Der Maler Max Ernst könnte darunter sein oder der Fotograf und Maler Wols, deutsche Künstler, die seit Jahren schon im Exil lebten und jetzt - nach der französischen Kapitulation - extrem gefährdet waren. Keiner wusste, ob die Franzosen sie nicht doch an die Nazis ausliefern würden. Angesichts dieser Situation muten die weißen Rundzelte in Fleischmanns damals entstandenen Aquarellen nahezu märchenhaft idyllisch an, die Bleistiftzeichnungen aber halten den Stacheldrahtzaun fest.

Ungeheuer plastisch: Adolfs Fleischmanns Moulage Nr. 417 mit der Diagnose "Struma recidivans" (1918-1927).

(Foto: Bernhard Strauss, Moulagenmuseum der Universität Zürich)

Die bisher unveröffentlichten Skizzen sind nur ein kleiner Mosaikstein der großen Adolf-Fleischmann-Ausstellung in Ingolstadt. Die Schau ist ein sehr gelungener Versuch, die Biografie dieses fast vergessenen Künstlers umfassend darzustellen. Dank der Kooperation zwischen dem Medizinhistorischen Museum und dem Museum für Konkrete Kunst wird nicht nur der Maler präsentiert, sondern auch der Moulagenbildner, der Wachsmodelle kranker Körperteile fertigte. Bis ins Detail so naturgetreu, dass man schaudernd vor den Geschwulsten und Tumoren steht. Dagegen wirken die histologischen Zeichnungen, mit denen er in Tusche mikroskopische Befunde festhielt, abstrakt, erinnern an zart gemusterte Steinscheiben.

Besonders gemocht hat Fleischmann seinen Brotberuf nie. 1892 in Esslingen geboren, wollte er Künstler werden und steuerte dies geradlinig an: Gymnasium, drei Jahre Ausbildung an der Königlichen Kunstgewerbeschule, Studium an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Nur drei Gemälde aus dieser Zeit sind erhalten, alle ein wenig impressionistisch angehaucht. Frustriert von der akademischen Malerei konzentriert er sich nach dem Abschluss 1913 auf angewandte Grafik, verdient sein Geld als Zeichner im städtischen Ausstellungsamt für Gesundheitspflege.

Adolf Fleischmann

"Gemälde sind kein Produkt von Lineal, Kompass und präziser Planung, sondern die Variation einer mentalen Skizze, die ich beim Malen an die Wirklichkeit anpasse."

Dann die erste Zäsur: Der Erste Weltkrieg. Fleischmann meldet sich freiwillig, kehrt 1915 schwer verwundet von der Ostfront zurück. Erst probiert er es wieder mit Gebrauchsgrafik, gestaltet Buchumschläge, entwirft Plakate. 1917 zieht er nach Zürich und findet eine Stelle als Mouleur und medizinischer Zeichner an der Chirurgischen Universitätsklinik. Zehn Jahre arbeitet er dort, hört aber nie auf, nach seinem eigenen künstlerischen Weg zu suchen, im Expressionismus, mit kubistischen Formen, gelangt von "Kubistischen Komposition mit Tierelementen" (1921) zu den wunderschönen "Stürzenden Fische" (1927). Bei seinen Holzschnitten mit Tierdarstellungen steht unstrittig Franz Marc Pate.

1927 beschließt er, sich ganz der Kunst zu widmen. Er verlässt die Schweiz, sucht sich ein Atelier in Berlin und reist durch ganz Europa. 1933 ist seine erste Einzelausstellung in Deutschland geplant, sie wird kurzfristig abgesagt, die Nazis sind da. Fleischmann verlässt das Land. Malt erst Landschaften und Stillleben in Palma de Mallorca, flüchtet sich über Italien 1938 nach Paris. Dass er sich mit Delaunay, Braque und Kandinsky auseinandersetzt, ist in seinen Gemälden nicht zu übersehen. Zunehmend ordnet er geometrische Formen an, spielt sich mit Linien, die Farbe gewinnt an Gewicht.

Nach den Internierungslagern, aus denen er wegen Krankheit entlassen wird, versteckt er sich von 1942 an in Graulhet in der Nähe von Toulouse. Dort lernt er in den letzten Kriegstagen seine spätere Frau Elly Abendstern kennen. Zurück in Paris stellt er fest, dass all seine Bilder, die er bei der überstürzten Flucht im Atelier zurückließ, durch Wasser vernichtet wurden. Und er hat kaum Geld, um Farben zu kaufen. Der Wiederanfang ist mühsam, die Existenzsorgen sind groß. Fleischmann entwirft Halstücher, Glasfenster, erhält keine Arbeitserlaubnis, bleibt auch künstlerisch ein Außenseiter. Die Informel-Künstler verhöhnen die geometrische Kunst als reine Dekoration.

1952 zieht er, 60 Jahre alt, nach New York. Wieder ein mühsamer Anfang: Fleischmann spricht zwar fließend Französisch, aber kein Englisch. Die ersten Dollars verdient er, indem er Moulagen repariert. Er findet einen Job als Labor­Assistent an der Columbia University. Und malt wie besessen; die Stadt, vor allem die Hochhäuser inspirieren ihn: kurze Querstreifen, vor denen vertikal schmale Stäbe schweben, mal in leuchtenden Farben, dann wieder in dunkel schimmernde Tönen. Das Spiel mit Licht und Farbe kommt an, weil die Betrachter das spüren, was Fleischmann 1955 schreibt: Dass die Gemälde nicht "ein Produkt von Lineal, Kompass und präziser Planung" sind, sondern "die Variation einer mentalen Skizze, die ich beim Malen an meine Wirklichkeit anpasse." Es ist spannend, die ungeheure Bandbreite dieses Malers zu entdecken.

Surfaces. Adolf Fleischmann - Grenzgänger zwischen Kunst und Medizin; Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt; bis 28. Februar; Zur Ausstellung ist ein Katalog im Kerber Verlag erschienen