Kunst Der Spieler

Eine Ausstellung in Frankfurt zeigt den Barockmaler Peter Paul Rubens als furiosen Verwandlungskünstler, der keine Grenzen kannte und sich Geschichte und Gegenwart einverleibte.

Von Kia Vahland

Der Mensch kann sich von einem Mann in eine Frau wandeln. Und ein Gott kann, im Fall Christi, zum Menschen werden. Dieser wiederum vermag die Züge eines Kentauren anzunehmen, des antiken Pferdemannes, der seine Kraft kaum bändigen kann. Solche Metamorphosen führt Peter Paul Rubens in seiner Ausstellung im Frankfurter Städel vor Augen, und die Freude, die dem 1640 gestorbenen Barockkünstler derartige Überblendungen, Entgrenzungen machten, ist noch heute in seinen Werken zu spüren. Die antike Bildhauerei, die Renaissancemalerei sowie die Politik, die Naturkunde und die Affektlehre seiner Zeit sind sein Rohmaterial.

Alles lässt sich zusammenführen, man muss es nur wollen. Wer in unverrückbaren Identitäten denkt, wer sauber trennen möchte zwischen dem Heiligen und Profanen, dem weiblichen und dem männlichen Eros, dem Animalischen und Menschlichen, dem Fiktiven und Realen, dem wird schwindelig werden in dieser so durchdachten wie beschwingt inszenierten Schau. Alles ist im Fluss auf den Bildern dieses Malers, der gar nicht erst versucht, Komplexitäten zu reduzieren. Deswegen galt er der Moderne und Gegenwart lange als vielleicht wirkmächtigster und fleißigster, aber auch als fremdester Barockmaler. Diese Historien! Diese kräftigen Helden, rundlichen Göttinnen, sterbenden Raubtiere! Rubens' Dramatik, sein Schwanken zwischen hochjauchzendem Glück und existenzieller Gefährdung schienen nicht zu passen in das zweckrationalisierte Dasein, das der Spätkapitalismus verlangt.

Peter Paul Rubens schuf nach einem Bild von Tizian "Venus und Cupido".

(Foto: Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Und so wagten sich die Museumsleute in den vergangenen Jahren nur mit Vorbehalt an das furiose Œuvre eines ihrer wichtigsten Schützlinge. Kustoden von Rubenssammlungen berichten, wie schwer es sei, manche Besucherinnen zu begeistern für all die Göttinnen, die sich mehr für ihr Begehren als für ihre Cellulite interessieren (und manchmal nach männlichen Modellen gearbeitet sind). Und eine Ausstellung in Brüssel vor vier Jahren verglich aus lauter Angst vor dem angeblichen Unverständnis des Publikums Rubens' Mythologien penetrant mit Actionfilmen und nahm ihnen so ihren Hintersinn.

Das Schöne nun im Städel ist: Die Kuratoren der Ausstellung, die vorher im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen war, denken gar nicht daran, ihren Protagonisten zu rechtfertigen. Sie betreiben klassische Stilgeschichte und schulen ihr Publikum im vergleichenden Sehen. Die Ausstellungsarchitektur gliedert das Werk in Themen, erlaubt aber Durchblicke von einem Bereich in den anderen und betont so die Querbezüge, von denen Rubens' Malerei strotzt. Zumeist steht in der Mitte eines Saalabschnitts eine Antike im Original oder Abguss. In der Malerei des Meisters verwandelt sie sich in Fleisch und Farbe.

Der Künstler lässt Venus und ihren Liebhaber verhandeln: Was ist wichtiger, Arbeit oder Genuss?

Die marmorne "Kauernde Venus" aus dem Archäologischen Museum in Neapel, geschaffen im ersten Jahrhundert nach Christi, verdeckt mit ihren Gliedern Scham und Brüste, und riskiert doch einen offenen Blick über die Schulter. Daraus wird bei Rubens zuerst die Rückenansicht einer "Venus frigida", einer frierenden Venus, die man am liebsten vor den warmen Ofen setzen möchte, so ergreifend ist ihre Gänsehaut. Auf dem nächsten Bild sehen wir die Hockende von der Seite, jetzt tief betrübt, denn sie beugt sich über ihren toten Liebhaber Adonis, der bei der Jagd starb.

Rubens schulte sich am antiken Laokoon.

(Foto: bpk | Staatliche Kunstsammlungen)

Das verweist auf das benachbarte Thema, das Verhältnis von Pflichterfüllung und Genuss. Ausgestellt ist Tizians Großformat aus dem kalifornischen Getty-Museum, das zeigt, wie Venus zuvor versuchte, den Geliebten von der Jagd abzuhalten. Im Rückenakt umschlingt sie seine Brust, will ihn in den Bildraum hineinziehen und verführen. Adonis aber wimmelt sie ab, schreitet auf den Betrachter zu; seine gierigen Hunde zerren schon an ihren Leinen.

Rubens bewunderte das Gemälde des Renaissancemeisters wie alle Werke des Venezianers. So tief fühlte der Flame sich in dieses eine Bild ein, dass ihm schließlich einfiel, wie sich das Werk noch übertreffen ließ: Er stellte seine Staffelei gedanklich im Hintergrund von Tizians Hügellandschaft auf und malte, was er von hier aus sehen würde. Dies war die unbekleidete Venus nun von vorne. In voller Schönheit greift sie nach dem Freund, der jetzt dem Betrachter seinen kräftigen bloßen Rücken offenbart.

Rubens bringt die beiden auf Augenhöhe; sein Adonis scheint tatsächlich einen Moment lang zu zögern, was er wählen soll: die Liebe oder den Kampf? Bei Tizian stand das Ergebnis schon fest, bei Rubens wird es erst noch ausgehandelt zwischen Mann und Frau. Und auch der kleine Amor will nun mitreden. Venus' Söhnchen zerrt am festen Oberschenkel von Adonis, wie es ein Kleinkind täte, das nicht einsieht, warum sein Vater ins Büro gehen will, wenn er doch auch mit ihm toben könnte.

Rubens verbeugt sich vor Kollegen und vermag doch aus ihrer Kunst etwas Neues zu schaffen

Diesen Witz, Figuren einfach umzudrehen, dem Publikum ihre andere Seite zu zeigen, erlaubt Rubens sich gern, etwa wenn er den antiken Laokoon in Untersicht zeichnet. Und ihn fasziniert Tizians Venus, die sich im Spiegel betrachtet. Der ältere Maler, der sich auch schon von den Bildhauern und ihrer Mehransichtigkeit herausgefordert sah, zeigt so auf dem flachen Bildträger zwei Ansichten einer Person. Er spielt auf den Topos an, in den Augen einer Frau (und in ihrem Abbild) spiegele sich ihre Seele. Rubens malt das recht getreu nach, bemüht sich aber, das Gesicht der Blonden noch lieblicher dreinblicken zu lassen als bei Tizian. Und er gibt ihr ein Untergewand mit, das sie über ihre linke Brust zieht - und sich so im kleinen Spiegel als bekleidet ansehen kann, obwohl sie doch zugleich den Bildbetrachtern ihre andere, nackte Brust offenbart.

Rubens verbeugt sich vor Kollegen wie Tizian, Leonardo, Caravaggio oder den antiken Bildhauern und vermag doch, aus ihrer Kunst etwas ganz Neues zu schaffen. Vergangenheit und Gegenwart ergänzen sich in seinem Denken organisch. Auch diese Vorstellung ist heutigen Zeitgenossen nicht mehr unbedingt vertraut, die gerne scharf trennen zwischen damals und heute, Kulturerbe und kultureller Praxis. Die Frankfurter Schau lädt ein, dies zu überdenken und zu Synthesen zu finden, wo scheinbar nur Gegensätze sind.

Rubens. Kraft der Verwandlung, bis 21. Mai im Städel Frankfurt, Katalog (Hirmer): 39,90 Euro.