Kunst: Biennale 2011 Wir sind alle Roma

"Dein Land existiert nicht": Auffallend viele Künstler dekonstruieren auf der Biennale in Venedig die Idee der Nation. Unter besonderer Beobachtung steht, wer nah an Naturkatastrophe, Menschenrechtsverletzung oder Revolution arbeitet.

Von Catrin Lorch

Der Auftritt in den Farben des Sternenbanners beginnt mit einem klassischen Aufschwung, Brücke und Handstand, die ganze überdrehte Grazie, Pflicht und Kür einer turnenden Olympionikin im blau-roten, weiß bestrassten Elastikanzug, auf ihrer Schulter prangt das Emblem "USA". Vor der Tür trabt ein Läufer in der Junihitze, auch er ist ehemaliger Olympia-Champion.

Doch was sind das für Disziplinen: Das Laufband dreht sich auf den Ketten eines sandfarbenen Panzers, der umgedreht ratternd daliegt wie ein gestrandeter Käfer, und die Turner wirbeln nicht über Matte, Schwebebalken und Pferd - ihre Geräte sind Skulpturen aus bemaltem Holz, exakte Kopien der Komfort-Schlafsessel aus den Business-Class-Kabinen von Delta und American Airlines.

Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla haben Bild-Schablonen übereinandergelegt, die zwar fugenlos passen, jedoch nicht wirklich zusammengehören: Krieg. Geschäftsreise. Olympischer Wettstreit. Es geht um Repräsentation, um das Versprechen statischer Ruhe bei 800 Kilometern pro Stunde. Um fairen Kampf und sauberen Krieg. Um nationale Leistung. Darum, dass Fortschritt immer auch mit Weiterkommen zu tun hat, mit Landnahme. Und die Biennale von Venedig, die älteste Weltkunstschau überhaupt, ist die Kulisse, vor der die endlosen Exerzitien in aller Gnadenlosigkeit aufgeführt werden, monatelang.

Dass der 1971 auf Kuba geborene Guillermo Calzadilla nicht einmal einen amerikanischen Pass besitzt und mit der drei Jahre jüngeren Amerikanerin Jennifer Allora seit Mitte der neunziger Jahre in Puerto Rico lebt und arbeitet, spiegelt, was sich in Venedig schon lange abzeichnet: Dass Künstler zwar gerne zur Großschau anreisen, dort aber ihre Vorbehalten gegen deren wesentlichen Elemente - die Pavillons und den Gedanken der Nation - formulieren.

Salman Rushdie, er ist auf der Künstlerliste des Pavillons der Roma aufgeführt, formulierte es während seiner Lesung: Die Kunst und die Künstler seien prinzipiell staatenlos und so die Avantgarde der Gegenwart: "Wer nicht verwurzelt ist, muss sich auf neue Weise erfinden, eine andere Person sein - nennt ihn glücklich oder verflucht, er ist das Massenphänomen unserer Zeit."

Die Welt der Kultur rotiert unter den Füßen der Wandernden - und wo man nicht auf der Stelle tritt, ist diese Reibung der pure Energiegewinn. Yael Bartanas Beitrag setzt genau dort an - indem sie das fiktive "Jewish Renaissance Movement in Poland" gegründet hat, eine Bewegung, die zur Rückkehr des jüdischen Volkes nach Polen aufruft.

War man im Vorfeld erstaunt, dass ausgerechnet Polen, das immer noch am Image des nationalistischen, konservativ-katholischen Landes krankt, eine israelische Künstlerin nominiert, so ist das Ergebnis atemberaubend: Eine Videotrilogie malt die Scharade im Stil des Propagandafilms aus, man sieht entschlossene Kerle und junge Frauen mit Kopftüchern, die versuchen, innerhalb von 24 Stunden in Warschau eine Siedlung zu bauen.

Als gälte es, die Wüste urbar zu machen, wird gegraben, gehämmert, geschleppt. Aus grobem Holz errichten sie in der Großstadt Baracken, Wachturm, Zaun - ein Camp, das aussieht wie eine Kreuzung aus Kibbuz und Konzentrationslager. Der anschließende Film zeigt eine Feier, für die Bartana Hunderte Statisten in Warschau versammelt hat, keine platte Inszenierung, die das Pathos solcher Aufmärsche ironisiert, sondern eine Gratwanderung voll bewegender Momente. Ihr Beitrag spielt mit dem Trauma des polnischen Antisemitismus wie mit der zionistischen Landnahme in Palästina, wo die Araber derzeit fordern, dass die Israelis "nach Europa zurückkehren" sollten.

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