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Kunst Auflösen und Verschwinden

"Germanga" bezeichnet Reiner Heidorn in Anlehnung an die japanischen Comic-Darstellungen seine großformatigen Ölgemälde, hier "Tamao", benannt nach dem Pokémon auf dem Bild.

(Foto: Reiner Heidorn)
Von Weilheim nach Atlanta: Der Maler Reiner Heidorn hat in Amerika den Erfolg, der ihm bisher in Deutschland versagt blieb. Derzeit stellt er in der Pasinger Fabrik aus
Von Sabine Reithmaier

Es klingt wie ein Märchen. Ein amerikanischer Galerist entdeckt auf Facebook die Gemälde Reiner Heidorns. Die Werke mit ihren seltsamen Manga-Figuren gefallen ihm; er beschließt, sie in seiner Galerie auszustellen. Auf seine Kosten lässt er 30 Bilder von Weilheim nach Atlanta transportieren, manche der zwei auf drei Meter großen Ölgemälde sogar rahmen. Und er schickt dem Künstler, den er bei der Vernissage unbedingt dabei haben möchte, sogar noch 1000 Dollar für einen schicken Anzug.

Acht Tage hat Reiner Heidorn eben in Atlanta verbracht, jetzt sitzt er in seinem kalten Weilheimer Atelier und erzählt von seinen Erlebnissen: von der riesigen Galerie und den reichen Menschen, die er dort kennenlernte. Von dem ungewöhnlichen "Business-Modell" des Galeristen: Am Tag nach der Eröffnung packte Bill Lowe die Hälfte der Gemälde in einen Truck und startete eine Rundfahrt zu seinen allerreichsten Kunden, die keine Vernissage besuchen, weil sie Angst haben, entführt zu werden. "Er hängt die Bilder in deren Häusern auf und acht Tage später fährt er wieder vorbei und fragt, was sie behalten ." Ob dieses Modell erfolgreich ist? Trotz der Zuversicht des Galeristen ist Heidorn noch skeptisch.

Verständlich, schließlich ist er bislang mit Aufmerksamkeit nicht gerade verwöhnt worden. Aber als plötzlichen Späterfolg will der 50-Jährige die amerikanische Anerkennung auf keinen Fall verstanden wissen. "Ich habe zeitlebens Bilder verkauft, habe meine Kunden." Klar male er für ein Nischenpublikum. Aber in der Nische gebe es eben auch Möglichkeiten, sich ein Standbein aufzubauen. "Meine Bilder sind jetzt nicht besser als vor zwei Jahren." Trotzdem würde er - auch wenn er sich sofort als naiv schilt - doch gern glauben, dass die Qualität des Werks für sich spricht, der Blick auf die Vita zurücktritt - "die ist bei mir einfach grottenschlecht".

Als Maler ist Heidorn Autodidakt. Begonnen hat er als 16-Jähriger mit Aquarellen, auf denen sich extrem dürre Figuren tummelten, Beleg dafür, dass er ein "wahnsinniger Fan" (Heidorn) Schieles war. Von den frühen Werken existiert aber keines mehr. Mit Kunstgeschichte hat er sich intensiv auseinandergesetzt, er redet gern über Martin Kippenberger, Hans Hartung oder Dieter Roth. Oder Ernst Ludwig Kirchner. Im Vergleich dazu stuft er sich als "dekadenten Bengel" ein. "Trotzdem war der Expressionismus der Weg, den ich einschlagen wollte."

Geld verdient er nicht nur mit Bildern, sondern auch als freiberuflicher Kunstpädagoge, er ist als Erzieher ausgebildet. Er schwärmt von seiner Arbeit mit Kindern. Die Begegnungen mit ihnen an hunderten Maltischen während der vergangenen 30 Jahren hätten ihm eine gewisse Leichtigkeit verliehen, im Sehen und Agieren, vor allem aber im Auflösen von Formaten. "Kinder sind da ziemlich perfekt."

Auflösen und Verschwinden - das sind seine Themen. Seine stark reduzierten Figuren sind knöchellos, haben weder Hände noch Füße, Augen ohne Wimpern, jede Individualität ist ihnen abhanden gekommen. Aber es gibt ein Modell: Vor fünf Jahren hielt Heidorn zum ersten Mal seine Pokémonfiguren liebende Tochter Selma im weißen Nachthemd auf einem Gemälde fest. Eigentlich sei sie seither auf jedem Bild zu sehen, sagt er.

Im Atelier stehen auch monochrome Farbflächen, Landschaften, die sich in dunklen Farben auflösen. Heidorn hat eine spezielle Technik entwickelt, um seine Handschrift hinter Tropfen und Sprenkeln verschwinden zu lassen. Er legt die ausgemalten Bilder auf den Boden, rührt in den jeweiligen Farben Terpentin-Leinölsuppen an und sprüht oder schüttet diese auf die Leinwand. "Das schaut aus wie die Plastikplane auf dem Lastwagen, aber genau das wollte ich." In einer anderen Ecke stehen Fotoübermalungen, die er zusätzlich in Klarsichtfolie wickelt.

Kontakte mit deutschen Galeristen verliefen bislang eher negativ. Er werde nie wieder um eine Ausstellung bitten. "Lieber vergammle ich hier", sagt er und beschreibt dezidiert einen Berliner Galeristen, der vor seinen Augen die Unterlagen angewidert mit dem Kugelschreiber über den Tisch in den Papierkorb schob. "So was Erniedrigendes passiert mir nie wieder."

Inzwischen hat er sein Einmann-Unternehmen ganz ins Internet verlegt, all seine Kontakte so geknüpft. Natürlich kassiert er auch hier gelegentlich Absagen, aber sogar die seien nett formuliert, sagt er. Im Juni ist eine Ausstellung in New York mit einem anderen Galeristen geplant. Und Bill Lowe hat bereits weitere Bilder bestellt. Kleinere Formate, alles mit Manga-Figuren. "Sieht doch tatsächlich so aus, als wäre ich auf den deutschen Kunstmarkt nicht mehr angewiesen."

Reiner Heidorn: White Canoe ; Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, bis 28.Mai