Rundgang Amüsiert euch endlich!

Die Skulpturprojekte in Münster und Marl erkunden den öffentlichen Raum. Früher waren sie umstritten. Tut Gegenwartskunst heute noch irgendjemandem weh?

Von Kia Vahland

So sehr sie sich auch bemüht: Die Gegenwartskunst ist kein Schmuddelkind mehr. Nicht hier, nicht in Münster. Am Eröffnungswochenende der "Skulptur Projekte", der Großveranstaltung für Kunst im öffentlichen Raum, stehen die Leute Schlange. Rentner krempeln beige Sommerhosen hoch, Jurastudentinnen schürzen die Röcke, um auf Einladung von Ayşe Erkmen über Wasser zu wandeln. Die frühere Professorin der Münsteraner Akademie hat ein Gitter in das Hafenbecken montieren lassen, sodass man beim Gang von einem Ufer zum anderen nur knietief nass wird. Sein derbes Ambiente hat der Hafen längst verloren, Cafés und Restaurants säumen das Ufer. Gefährlich und verstörend ist die Kunst hier nicht, poetisch aber und beflügelnd. Sie lockt die Menschen aus ihren Höhlen, bringt sie aufs Fahrrad und führt sie in einer Schnitzeljagd durch die Stadt. Es erschiene folgerichtig, würden neben Banken und der Bundeskulturstiftung auch Krankenkassen die Skulptur Projekte fördern, als gesundheitliche Vorsorgemaßnahme.

Früher haben die Münsteraner sich gewehrt gegen die alle zehn Jahre stattfindende Veranstaltung. Die ersten beiden Editionen 1977 und 1987 waren von massiver Kritik begleitet; so viel Moderne schien die Behaglichkeit zu stören, welche die nach dem Krieg wiederaufgebaute kleine Großstadt ausstrahlt. Inzwischen umarmen die Münsteraner und Scharen von Gästen die Skulptur Projekte, so wie das ganze Land sich gerade sehnt nach dem Hauch von Anarchie, physischer Präsenz und angeblicher Kommerzfeindlichkeit, den staatlich geförderte Gegenwartskunst verströmt.

Die Kunst bäumt sich auf dagegen, um nicht erdrückt zu werden - aber den alten Widerwillen vermag sie nicht mehr zu erzeugen. Thomas Schütte setzt einen Mini-Atombunker in die Grünanlagen, und dessen Rostrot harmoniert mit dem blühenden Garten. Alexandra Pirici vereinnahmt den historischen Ratssaal, in dem der Westfälische Frieden 1648 verkündet wurde. In nachgestellten Bildern erinnern ihre sechs jungen Performer an dieses und andere prägende Ereignisse bis hin zu den Versammlungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Gäste goutieren das, nicken, machen Fotos von der Darstellergruppe vor holzgetäfelter Kulisse. Die Weltgeschichte ist auch nur eine Touristenattraktion.

Der Ausflug der Projekte nach Marl steigert die Selbstzufriedenheit ins Obszöne

In dem Tattoo-Studio des Amerikaners Michael Smith bekommen Interessenten ab 65 Jahren Rabatt. Die Generation, die ihren Kindern früher noch zu viele Ohrlöcher verboten hat, soll sich nun selbst stechen lassen. Die angebotenen Motive sind nicht gerade schmeichelhaft: "Older Lady" steht auf einem Schriftzug, "nicht reanimieren" auf einem anderen. Doch nicht einmal diese Altersdiskriminierung schützt die Kunst vor Begeisterung. Geduldig stehen ältere Herrschaften vor dem Geschäft an.

Kasper König, Großkurator aller bisherigen Skulptur Projekte, weiß um die Gefahr, dass eine zu satte Kunst bedeutungslos werden könnte. "Die Kunst ersetzt keine Zahnbürste", schnodderte er auf der Pressekonferenz, was wohl heißen sollte: Erst kommt das Fressen (und Zähneputzen), dann die Moral. Das kann nur vergessen, wer keine Sorgen hat. Deshalb bespielt diese Ausgabe der Skulptur Projekte auch das benachbarte darbende Industriestädtchen Marl, das seine große Zeit in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren hatte. Damals entstand hier ein avantgardistisches Ensemble aus Rathaus, Museum, Einkaufszentrum neben einem See, den Skulpturen der Moderne säumen. Heute reicht das Geld nicht einmal für das Wasser im Brunnen vor dem Rathaus. Dass die Münsteraner nun ihre alten Entwürfe der früheren Skulptur Projekte im Museumskeller abstellen und ein paar Plastiken nach Marl abgeordert haben, hilft der Stadt auch nicht. Hier zeigt sich, wie klug es von der Documenta war, in diesem Jahr Athen nicht nur als Nebenspielstätte zu Kassel zu verstehen, sondern als gleichberechtigten Ort. Diese Entschiedenheit fehlt den Skulptur Projekten. Die Gäste kommen für einen Nachmittag nach Marl und erleben kaum mehr als einen wohligen Schauer: So also wirken ein halb leer stehendes Einkaufszentrum und ein Museum, das sich nicht einmal anlässlich eines Großereignisses neue Werktafeln gönnt.

Es ist eine Fähigkeit von Kunst, Leute an realen Orten zusammenzubringen

Die Aktion konterkariert die Münsteraner (und allgemeiner: westdeutsche) Selbstzufriedenheit nicht, sie steigert sie ins Obszöne. Wie viel überraschender wäre es gewesen, Marl zum zweiten Hauptort zu machen. Ja, man bekommt dort kein gutes Essen, kann seine Koffer am Bahnhof nicht einschließen, findet kein Kino. Das hätte sich bei zwei gleichberechtigten Schauplätzen wenigstens einen Sommer lang ändern müssen. So kann man es den Marlern nicht verdenken, dass sie im Gegensatz zu den Münsteranern nicht in Massen herbeiströmen. Die Videoarbeiten, die man in einer benachbarten Schule sieht, sind so bemüht und zweitklassig gegenüber den starken Werken in Münster, dass der Eindruck entsteht, hier sei ein Hegemon glücklich über das regionale Gefälle.

Münster profitiert derweil von dem Skulpturenaustausch. Ludger Gerdes' Neonschriftzug "Angst" mit Golfspieler und Kirchturm hängt normalerweise am Marler Ordnungsamt, jetzt prangt er in Münster gegenüber vom logistischen Zentrum der Skulpturen Projekte, dem LWL-Museum für Kunst und Kultur. Auch das lässt sich lesen als Seufzer: Wie herrlich revolutionär waren die Zeiten, als die Welt und die Stadt die ästhetische Moderne noch fürchteten. Jetzt droht Kunst-Entertainment, dem selbst Gregor Schneider erliegt, der Meister des Unheimlichen: Sein in die Außenseite des Museums eingebautes Türenlabyrinth bietet Leuten, denen Geisterbahnen zu dumm sind, ein paar handhabbare Gruselmomente.

Nun ist es eine Fähigkeit von Kunst, Erlebnisse zu schaffen und Leute an realen Orten zusammenzubringen. Dass dies ohne kommerziellen Druck geschieht, zeichnet die Skulpturprojekte vor Veranstaltungen wie Fußballspielen oder Freizeitparks aus. Sie ermöglichen es Künstlern wie Besuchern, neue Formen im öffentlichen Raum auszuprobieren. Etlichen Werken in Münster gelingt dies auf zauberhafte Weise. Der Amerikaner Oscar Tuazon errichtet im Hafen eine Feuerstelle zum Selbstnutzen. Die Argentinierin Mika Rottenberg entführt die Besucher eines Asia-Shops in die überbordende Plastikwelt der Chinaläden an der mexikanischen Grenze. Und Hervé Youmbi aus Kamerun hängt aus Glasperlen gestickte Tafeln in die Bäume über einem alten Friedhof. Sie behaupten keine vorkoloniale Unberührtheit, sondern zitieren popkulturelle Motive wie die von Edvard Munchs "Schrei" inspirierte Maske aus dem Horrorfilm "Scream".

Am eindrücklichsten interveniert der Franzose Pierre Huyghe im Stadtraum. Er hat den Boden der verlassenen Eissporthalle aufgerissen. Eine urtümliche Lehmlandschaft tut sich auf, sie wird bevölkert von Bienen, Pfauen und einem Apparat, in dem sich angeblich menschliche Krebszellen teilen, was wiederum Auswirkungen auf ein kleines Aquarium haben soll. Es ist, als probe Huyghe das Leben nach Ende der menschlichen Zivilisation. Und das ist nun wirklich eine neue Erfahrung.

Skulptur Projekte, bis 1. Oktober in Münster und Marl, Katalog: 15 Euro, www.skulptur-projekte.de.