Kunst Afrika denkt sich selbst

Ein Afrotopia der produktiven Anarchie: Die Kunstbiennale in Bamako spiegelt alle zwei Jahre die Aufbruchstimmung eines Kontinents, der sich von Elends-Klischees befreit.

Von Jonathan Fischer

Wie kann der tägliche Kampf ums Überleben nur so anmutig erscheinen? Solche Gedanken kommen, wenn in Bamako Minibusse mit herzförmig ausgesägten Fenstern und bunten Konterfeis muslimischer Cheikhs, lokaler Rapstars oder Comicfiguren wie Tom & Jerry vorbeiknattern, wenn lachende und teetrinkende Hirten ihre Ziegenherden im Schatten von Smartphone-Reklamen zum Verkauf anbieten.

Nein, die Klischees vom schwarzen Elends- und Krisenkontinent wollen nicht so wirklich dazu passen. Nichts scheint hier besser zu gedeihen als der afrikanische Optimismus, den der Film "Black Panther" in diesem Jahr in einer überdrehten Comicversion in die Welt getragen hat. Und der sich in der Kunstbiennale "Rencontres de Bamako" hier schon seit 1994 in den Werken einer Künstlergeneration präsentiert, die sich längst von den Klischees der kolonialen und postkolonialen Jahre befreit und eine eigene, kosmopolitische Identität gefunden hat.

Das strahlen auch die Dutzend Porträts aus, die Fototala King Massassy im Nationalmuseum ausstellt: Ein Mann mit Helm und Schweißgerät macht sich an einem pittoresken Gerüst von Metallstreben zu schaffen. Eine Marktfrau posiert inmitten einer Auswahl an Plastikeimern. Und der Brillendealer thront hier auf einem königlichen Hochsitz über seinem Sortiment. Die Bilder erinnern an die stilisierte Porträt-Fotografie der malischen Legenden Malick Sidibé und Seydou Keita aus den Sechzigerjahren. Nur dass die Inszenierungen King Massasys ein halbes Jahrhundert später so gar nicht mehr zu den aktuellen Nachrichtenmeldungen über Mali - Wirtschaftskrise, Entführungen, dschihadistische Anschläge - passen wollen.

"Symbole der Hoffnung" seien seine Figuren, sagt King Massassy. Dass der 46-Jährige mit der Rasta-Frisur persönlich vorbeikommt: Ehrensache. Schließlich stellen die "Rencontres de Bamako" nicht nur die wichtigste Messe der afrikanischen Fotografie dar, sondern auch eine seltene Gelegenheit für malische Fotografen, als Künstler jenseits von Hochzeits- und Familienfotos wahrgenommen zu werden. Wenn sich rund um den Globus in den letzten Jahren eine Welle von Ausstellungen, Galerien und Biennalen moderner afrikanischer Kunst widmen, ja eine deutliche Verschiebung Richtung Süden die Kunstwelt bewegt, dann ist hier noch nicht viel davon zu spüren. Samuel Sidibé, der Direktor des Nationalmuseums von Mali, erklärt zwar, dass er die Rede des französischen Präsidenten Macron sehr schätze, in der dieser die Europäer dazu aufrief, die Verantwortung für den Kolonialismus zu übernehmen und ankündigte, geraubte afrikanische Kunstschätze aus Frankreich zurückführen. Aber, sagt Sidibé: "In welche Museen, bitte?" Seinem Haus stünden kaum Mittel zur Verfügung. Und in einem so armen Land wie Mali rangiere Kulturförderung auf einem der allerletzten Plätze.

Genau mit dieser Frage soll sich der senegalesische Wirtschaftsphilosoph Felwine Sarr in den nächsten Monaten beschäftigen. Er wurde zusammen mit der Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von Macron damit beauftragt, ein Konzept für die Rückgaben zu entwickeln. Von einem Buchtitel Sarrs stammt auch das Motto der Biennale, "Afrotopia". "Ich glaube, dass wir viel vom Erfindungsreichtum des afrikanischen Kontinents lernen können", sagt Marie-Ann Yemsi, die deutsch-kamerunische Kuratorin, "viele lassen sich heute von Afrika inspirieren, hier entstehen gerade nicht nur neue Ästhetiken sondern auch neue ökonomische und ökologische Modelle". Utopien interessierten sie nicht. Eher gehe es ihr mit Sarr darum, im Realen Möglichkeiten zu entdecken. "Afrika soll sich endlich selbst denken - und nicht durch die Brille des Westens hindurch". Immerhin seien die jungen afrikanischen Künstler mit demselben Internet, denselben Medienstars, derselben Musik aufgewachsen wie ihre westlichen Kollegen.

Was Yemsi am meisten an Sarrs "Afrotopia" inspiriert: "Er entwickelt diese Idee, dass Fortschritt in Afrika nicht dasselbe wie im Westen zu bedeuten hat." Wenn der Westen sich darauf festgelegt habe, dass das Heil in mehr Konsum, mehr Kapitalismus bestehe, könne Afrika alternative Denk- und Lebensmuster entwickeln. Auch was die Kunstwelt betrifft.

Was hindert Afrikaner daran, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?

Für King Massassy ist Afrotopia jetzt schon Wirklichkeit: Tag für Tag entfalte sich die Zukunft vor seinen Augen - etwa in der Spitzfindigkeit und Improvisation der Händler, Straßen-Mechaniker, Handwerker und Musikveranstalter. "Sag einem Afrikaner niemals, dass etwas nicht geht." Wenn das pessimistische Afrikabild des Westens stets den staatlichen Apparat in seiner ganzen Schwerfälligkeit und Korruption fokussiert, dann tritt hier eine beneidenswerte Energie auf. King Massassy selbst liefert das beste Beispiel. In jeder Hinsicht Autodidakt, stieg er in den Neunzigern mit seiner Band Sofa zum ersten Rapstar Malis auf, bestreitet mehrere Comedy-Fernsehserien, und hat sich die Fotografie nebenbei beigebracht. Seine Fotografenschule? "Jeden Tag schaue ich mir eine Stunde lang Fotos auf Instagram an."

Für seine auf der elften Biennale von Bamako präsentierte Serie "Anarchie productive" habe er ein paar seiner Bekannten gebeten, ihren Alltag mit ihrer Marktware oder ihrem Arbeitsgerät nachzustellen. "Diese Frauen und Männer wie der Elektriker, der hier jeden kaputten Fernseher zum Laufen bringt, verkörpern für mich die informelle Wirtschaft. Es ist der Motor Afrikas und er entwickelt sich in Lichtgeschwindigkeit."

Manche Möglichkeiten Afrikas erschließen sich erst durch den Blick auf die Vergangenheit: So präsentierte eine Einzelschau im Distriktmuseum von Bamako die afrikanische Aufbruchsstimmung kurz nach der Unabhängigkeit. Eine späte Wiedergutmachung für den ghanaischen Foto-Pionier James Barnor. Bevor er sich notgedrungen als Hausmeister und mit Hilfsjobs in London über Wasser hielt, hatte er in den Sechziger- und Siebzigerjahren Models, Musiker, Straßen- und Partyszenen in Ghana und der Londoner Diaspora festgehalten. Die Männer in Anzügen, die Frauen mit Minirock und modischen Bubikopf-Perücken. Eine naive Zuversicht weht durch diese Bilder.

Diese Unschuld ist dahin. In der panafrikanischen Ausstellung im Nationalmuseum dominiert der Geist einer hart erkämpften oder noch zu erkämpfenden politischen und gesellschaftlichen Teilhabe: Was hindert Afrikaner daran, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Und wie verändern Migration, Urbanisierung, Gewalt und Traditionsverlust die Rollenbilder unserer Gesellschaft? Da unterscheiden sich die Fragestellungen der vierzig meist jungen Fotografen kaum von denen ihrer westlichen Kollegen.

Besonders eindrücklich: Die überstickten Fotos von Joana Choumali. Kurz nach dem Attentat vom März 2016, bei dem Dschihadisten im Badeort Grand-Bassam an der Elfenbeinküste 19 Hotelgäste erschossen, hat sich die Fotografin auf Spurensuche gemacht. Ihre Bilder versuchen, das Unsagbare einzufangen. Spuren des Verlustes, die sich als gestickte Blutbahnen, Körperumrisse, weißer Niederschlag über die Szenerie eines tropischen Paradieses legen. Emotional stark sind auch Gabrielle Goliaths Videos. In "Personal Accounts" präsentiert die Südafrikanerin auf fünf Bildschirmen die Gesichter von fünf Vergewaltigungsopfern. Sie erzählen ihre Geschichte. Nur: Man hört sie nicht. Lediglich ein leises Klicken, Schmatzen, Räuspern bleibt vom Soundtrack bestehen.

Tatsächlich schafft es diese Biennale, den Blick auf Afrika zu dekolonisieren

Eine andere Form von Stigmatisierung macht der Ghanaer Eric Gyamfi zum Thema: In "Just Like Us" fragt er nach dem gesellschaftlichen Ort lesbisch-schwuler Gruppierungen in seinem Land und gestaltet dazu eine Art Pinnwand mit Bildern ausgelassener Schwulen-Pärchen, Orten an denen die LGBT-Community sich trifft, Zeitungsausschnitten, die Homosexualität als unnatürlich darstellen und kopierten Kommentaren aus sozialen Netzwerken. In einem Kirchen-dominierten Land wie Ghana streiten Aufklärer und Bibelfanatiker, während Post-Its von Besuchern das Thema meist dankbar mit "Endlich traut sich jemand" oder "Wir sind alle nur Menschen" kommentieren.

Freiräume statt Konventionen - darum geht es auch bei der Serie des Fotografinnen-Kollektiv Cairo Bats. Die Dächer von Kairo sind oft die einzigen Orte wo Frauen ungeschützt unter sich sein können. Die Fotografien zeigen denn auch keine Gesichter, sondern weibliche Figuren die sich halb hinter Parabol-Antennen verbergen oder nachts lediglich im Schein des Handy-Displays zu erkennen sind.

Tatsächlich schafft es diese Biennale, den Blick auf Afrika zu dekolonisieren: Viele Sujets haben eine globale Gültigkeit. Und dann kommt dem westlichen Besucher dieses Afrika manchmal überraschend nahe. Während in Europa das Wort Flüchtling mit Problemen assoziiert wird, gilt es vielen Afrikanern als Chance.

In diesem Sinne porträtiert der von den Komoren stammenden Künstler Mahmoud Ibrahim in seinem Video "Escale à Pajol" die erstaunliche Widerstandskraft einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge auf den Straßen von Paris. Man sieht ihnen zu, wie sie Plakate malen, Demonstrationen organisieren. Wie sonst könnten sie angesichts meist negativ eingestellter Medien Gehör finden? Es ist ein Lernen auf vielen Ebenen - und eine gelungene Aneignung demokratischer Umgangsformen.

"Egal, ob es um Migration, um sexuelle Identitäten oder Gewalt gegen Frauen geht", sagt Yemsi. "Es sind die Künstler, die die Grenzen auf dem Kontinent verschieben". Natürlich hätten auch dieses Jahr wieder manche Kritiker gezweifelt, ob es vernünftig sei, eine Biennale in einem Bürgerkriegsland zu veranstalten. "Ich entgegne ihnen: Gerade deshalb."

Nicht nur seien Terror-Attacken heute in Paris genauso wahrscheinlich wie in Bamako. Die Kultur müsse doch, wenn sie sich ernst nimmt, dorthin gehen, wo es brennt. So sei während der Biennale das Projekt Cinemobil durch die verschiedenen Armen-Viertel Bamakos getourt und habe vor begeistertem Publikum die Fotos und Videos der Biennale auf Häuserwände projiziert. "Diese physische Begegnung mit der Kunst kann man nicht ersetzen. Und die Diskussionen, die sie auslöst, ist die beste Schutzimpfung: Ein Widerstand gegen Fundamentalismen jeder Art".

Vor dem Nationalmuseum passieren wie jeden Abend Trauben aufgetunter Mofas ein gepanzertes Militärfahrzeug mit MG-Schützen auf dem Dach. Die wohl wirkungsvollere Anti-Terror-Waffe aber steht auf einer Plakatwand im Grünpark dahinter. Ein Riesenabzug von Joana Choumalis "Ça va". Das Leben lässt sich nicht aufhalten.