Kulturprojekt in Québec Missglückter Harmony Hop

Mit einer Rap-Hymne wollte ein kanadischer Minister dem ewigen Hin und Her zwischen englisch- und französischsprachigen Einwohnern Québecs ein Ende setzen. Aber statt sich zu versöhnen, sind die beiden Gruppen nun richtig sauer.

Von Peter Richter

Die kanadische Provinz Québec hat nicht nur ein interessantes Sprachenproblem - die französischsprachige Minderheit der Kanadier ist in Québec ausnahmsweise in der Mehrheit, so dass sich permanent beide an den Rand gedrängt fühlen: die Anglofonen in Montreal, das sie offiziell gefälligst mit Accent Aigu auf dem e zu schreiben haben, und die Frankofonen eben generell in einem überwiegend englischsprachigen Land, aus dem sich ja genug von ihnen am liebsten loslösen würden.

Es gibt in der Provinz Québec deswegen auch eine sogenannte Sprachen-Politik mit strikten Regelungen (Verkäufer müssen, nur zum Beispiel, immer zunächst einmal auf französisch nach den Wünschen fragen, bevor sie, wenn der Kunde das bevorzugt, ins Englische wechseln dürfen).

20.000 Dollar für die Einigkeit

Es gibt sogar einen französischsprachigen Minister, der für die englischsprachigen Einwohner zuständig ist. Dieser Mann heißt Jean-François Lisée und hatte jetzt die pfiffige Idee, für 20.000 Dollar aus der Staatskasse eine Hip-Hop-Hymne herstellen zu lassen, die beide Bevölkerungsteile zur Einigkeit mahnt.

Es gibt den Gangsta-Rap, der ist großmäulig, aggressiv und behauptet Dinge, mit denen Gleichstellungsbeauftragte nicht einverstanden sein können. Aber er ist halt irrsinnig erfolgreich auf dem freien Markt der popmusikalischen Meinungsäußerungen.

Und es gibt offensichtlich ein staatlich finanziertes Gegenstück dazu, den, tja, wie soll man das nennen - Harmony Hop? Aus irgendeinem Grund haben Regionalpolitiker aller Länder die bemerkenswerte Ansicht, dass unerwünschtem Verhalten irgendwie integrativ mittels Popmusik beizukommen wäre, also ausgerechnet mit einem der wichtigsten Differenzmarker, den gerade junge Menschen haben.

Lisée hat für seine 20.000 kanadischen Dollar (ungefähr 15.000 Euro) nun auch ein sehr liebes Stück Musik bekommen, das nun, eben wie eine offizielle Hymne, bei allen möglichen Gelegenheiten öffentlich gespielt werden soll. Die Gruppe The Honest Family aus Montreal hat sich wirklich viel Mühe gegeben, es geschmeidig klingen zu lassen, soulig, wie man wohl sagen würde, mit einer Hookline, die nicht nur beide Sprachen zusammenbringt - "Notre home" -, sondern auch mit dem Afrika-Benefiz-Schlager "We are the world" mithalten können will.

Dazwischen wird tatsächlich auch gerappt. Zeilen wie: "Living in a place that we wanna share / But now we're feeling like there isn't anyone who cares / So we're asking everybody ,qu'est-ce-qu'on va faire?'", sind jetzt vielleicht nicht auf dem Niveau von Jay-Z oder A.S.A.P. Rocky, aber das sollen sie ja auch nicht. Soll ja der Verständigung dienen. Allerdings muss man sagen, dass dieser Schuss bisher sehr zielstrebig nach hinten los gegangen ist.

Böse Schimpfwörter zu ein paar Beats

Wenn man sich anschaut, was in den Kommentarspalten auf Youtube seit der Veröffentlichung los ist, dann hat es der Minister geschafft, dass jetzt irgendwie alle maximal sauer sind. Die Frankofonen sagen: Bitte, wie immer, fast alles auf englisch, französisch kommt nur am Rande vor. Die Anglos sind ohnehin nicht glücklich, dass sie französisch lernen müssen und dann immer ihre Fehler vorgehalten bekommen. Und dann stellt sich noch die Frage, wo eigentlich die anderen Bevölkerungsgruppen in Kanada bleiben, die Einwanderer mit den ganz anderen Sprachen und (ganz sensibles Thema) die First Nations, die Abkömmlinge der Ureinwohner.

Für dermaßen viel Unfrieden sind 20.000 Dollar fast schon wieder billig. Das schafft man mit kontrovers gemeinten Stücken nicht so leicht.

Wenn das Französische schon die Sprache mit dem Underdog- und Arbeitertouch ist in Kanada, dann hätte Lisée vielleicht besser jemanden auftreiben sollen, der zu ein paar Beats die bösesten frankokanadische Schimpfwörter und Verfluchungen aufsagt. Das wäre dann vielleicht auch für die anglokanadischen Kids mal ein Anreiz gewesen, die Sprache mit dem vielen Efeu auf den Vokalen freiwillig zu studieren.

So wie es jetzt ist, kann man das ganze leider nur als Lehrstück nehmen und deutschen Regionalpolitikern zurufen: Bitte keine Steuergelder für Pädagogik-Schnulzen verplempern. Die machen nur unnötig aggressiv.