Kulturpolitik Ausgebucht

Die Public Library in New York ist groß und berühmt. Aber auch tief in der amerikanischen Provinz hängt viel von den Bibliotheken ab.

(Foto: Mike Segar/Reuters)

Die öffentlichen Bibliotheken sind für Amerikas Bürgergesellschaft unendlich wichtig. Eine Bildungsreise durch die USA.

Von Franziska Augstein

Amerikanische Bibliothekare sind vergleichbar mit der Zunft der europäischen Drucker und Setzer vor dem Zweiten Weltkrieg: So wie diese haben sie ein gutes Selbstbewusstsein, sie pochen auf ihre Unabhängigkeit, sie setzen sich für die Meinungsfreiheit ein. Das heißt heute: Sie wollen nicht, dass die Vorlieben ihrer Leser von staatlicher Seite im Namen der Terrorbekämpfung überwacht werden. Die American Library Association (ALA), in der rund 2000 Institutionen und 56 000 Einzelne zusammengeschlossen sind, hat sich hinter die Firma Apple gestellt, die das Handy eines Terror-Mörders nicht entschlüsseln mag, damit nicht daraufhin alle Apple-Nutzer von staatlicher Seite ausgeforscht werden können.

Sari Feldman, sie lebt in Ohio und hat bei der ALA eine leitende Position inne, erklärt das so: Staatliche Schnüffelei könne zur Terrorabwehr nichts Vernünftiges beitragen. Und, schlimmer noch: "Das widerspricht der Verfassung."

Die Abneigung amerikanischer Bibliothekare gegen Spitzelei ist ihr Ethos. Das geht weit über Fragen hinaus, die auf der großen Weltbühne spielen. Dank der unterschiedlichen Gesetzgebungen in den einzelnen US-Bundesstaaten können die Büchereien sich mitunter über Vorgaben aus Washington hinwegsetzen. Das gilt zum Beispiel für den Bundesstaat Ohio. Sari Feldman leitet einen großen Verbund von Lokalbibliotheken in und um Cleveland. Zusammen mit ihrem Vorstand hat sie beschlossen, auf Fördergeld aus Washington lieber zu verzichten, als einen gewünschten antipornografischen Internet-Filter für Kinder und Jugendliche in den Bibliotheken zu installieren: "Das würde bedeuten, dass es keine Information über Brustkrebs gäbe, weil das Wort ,Brust' vorkommt."

Amerikanische Bibliothekare nehmen es mit der Meinungsfreiheit wirklich ernst. In diesen Tagen haben sie ihren deutschen Kollegen viel zu erzählen. Die ALA ist zu Gast in Leipzig, da gibt derzeit einen Kongress für Bibliothekare. Er findet seit Montag parallel zur Leipziger Buchmesse statt, die an diesem Mittwoch eröffnet wird.

Ein Besuch bei Frau Feldman in Ohio zeigt, dass sie neben der staatlichen Überwachung noch ganz andere Probleme hat. Die Cuyahoga County Public Library ist in einem Vorort von Cleveland angesiedelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Cleveland eine reiche Stadt, die Stahlbranche florierte. Davon zeugen viele imposante Gebäude, die sich heute freilich vor allem als Kulisse für die vom Tage ausgespuckten, einsamen Menschen empfehlen, wie einst Edward Hopper sie malte. In den Vororten ist die Arbeitslosigkeit noch höher als in der Innenstadt. Im Schnitt haben dreißig Prozent der Erwachsenen in den USA einen mehr oder minder nützlichen College-Abschluss. Im Umfeld der Cuyahoga County Public Library sind es nur 16 Prozent. Um die Bildung der Kinder steht es schlecht. Sari Feldman und ihre Leute wollen an den Kindern wettmachen, was die Eltern versäumt haben.

Wie viele öffentliche Büchereien in den USA übernehmen die Einrichtungen unter Feldmans Obhut verschiedenste Aufgaben, die in Deutschland auf mehrere Institutionen verteilt sind. Amerikas öffentliche Bücherhallen fungieren als Volkshochschulen, Kindertagesstätten, Sozialämter - und, ja, man kann dort auch Bücher und Filme ausleihen.

In Ohio ist das alles möglich, weil die Bürger vor etlichen Jahren per Volksentscheid beschlossen haben, die Büchereien zu finanzieren. Der Bibliotheksverbund, dem Sari Feldman vorsteht, erhält ein Drittel seines Geldes aus der Grundsteuer; der Rest aber kommt von der Steuer, welche die Bürger sich selbst auferlegt haben. Nicht in allen amerikanischen Bundesstaaten ist das so, aber in vielen.

Umso mehr fühlen amerikanische Büchereien sich ihren Gemeinden verpflichtet. Bill und Melinda Gates wollten vor einiger Zeit in kleinem Stil in die Fußstapfen des Stahlbarons Andrew Carnegie treten, der in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerlei Büchereien begründet hat: Die Stiftung des Ehepaars beauftragte das unabhängige PEW-Meinungsforschungsinstitut in Washington, herauszufinden, was die Amerikaner von ihren Lokalbibliotheken halten.

Das Ergebnis schildert Lee Rainie, früher war er Journalist, heute arbeitet er für das PEW-Institut. Die große Mehrheit der Befragten meinte, die Büchereien seien sehr wichtig für die Gemeinschaft. Viel weniger Befragte gaben an, sie selbst zu besuchen. Die Bibliothekare, sagt Rainie, stünden derzeit unter Stress. Sie wüssten nicht genau, worauf es vornehmlich ankomme. Seien sie nun Bibliothekare, oder seien sie Lehrer und Jugendarbeiter? Außerdem fehle es vielen Büchereien an Geld. "Da herrscht viel Unsicherheit." In einem seien die amerikanischen Bibliothekare sich aber einig: Für die Leute da zu sein und die Freiheit der Leser vor der staatlichen Neugier zu schützen. "Ich liebe Bibliothekare!", ruft Lee Rainie am Ende der Unterhaltung.

Chancen durch Bildung: Amerikanische Bibliothekare müssen viel Enthusiasmus haben

In den USA ist Begeisterung nötig. Wer im Beruf nicht Enthusiasmus an den Tag legt, muss eigentlich gar nicht erst aus dem Haus gehen. Gleichwohl ist der Elan vieler Bibliothekare beeindruckend, denn er ist echt. Nick Buron, stellvertretender Direktor der öffentlichen Büchereien im New Yorker Stadtteil Queens, ist seit mehr als 25 Jahren Bibliothekar. Queens ist traditionell ein Stadtteil, in dem Einwanderer sich niederlassen. 1,3 Millionen Menschen leben dort. Die Hälfte aller Einwohner spricht zu Haus nicht Englisch, sondern Spanisch, Chinesisch, Russisch, Bengali und andere Sprachen.

Dem will die Queens Library gerecht werden, indem sie Bücher und DVDs in vielen Sprachen anbietet und möglichst viele Leute beschäftigt, die fremde Sprachen beherrschen. Die Bibliothek ist großzügig: Auch Alkoholiker und Obdachlose sind willkommen. Machen sie Krach, werden sie freundlich zurechtgewiesen. Machen sie weiter Krach, wird die Polizei geholt. Die Queens Library ist stolz, keine bewaffneten Sicherheitsleute zu beschäftigen, wie es, sagt Nick Buron, in Brooklyn üblich sei.

Besonders gern erzählt Buron, was sich zutrug, als der Hurrikan Sandy 2012 über Queens hinwegzog. Viele Wohnungen waren damals wochenlang ohne Strom. Als Erste, gleich nach den Feuerwehrleuten, seien die öffentlichen Büchereien zur Stelle gewesen: mit Decken und anderen Hilfsgütern. Das habe sich gelohnt: "Seither sind unsere Büchereien dort viel besser besucht als früher."

Digitalisierung? Ja, natürlich. Aber Leser lieben einfach Papier, alte wie junge

Ebenso wie die Deutschen fragen auch die Amerikaner, ob die Leute künftig überhaupt noch Bücher lesen wollen, ob sie sich nicht vielmehr vor einem Bildschirm wohler fühlen. Die Columbia University in New York, eine der besten des Landes, hat dazu alle möglichen Studien gesammelt. Das Ergebnis: Leser mögen Papier, Leser jeden Alters. Längst hat die Columbia University begonnen, ihren Fundus zu digitalisieren. Die Idee ist, dass er auch Leuten zugänglich sein soll, die jenseits New Yorks leben. Man macht das aber vorsichtig: Von den mehr als zwölf Millionen Büchern sind bisher erst 75 000 digitalisiert. Das liegt auch daran, dass noch völlig unklar ist, wann digitalisiertes Material kaputtgeht, quasi verschimmelt.

Die öffentlichen Büchereien in Amerika sind vielen in der Bundesrepublik insofern voraus, als die Bibliothekare seit Langem verstanden haben, dass es nicht genügt, hinter dem Tresen zu stehen. Die Amerikaner müssen diesen Vorsprung haben: Ihre Finanzstruktur erfordert das. Das bringt auf der anderen Seite mit sich, dass sie auch allerlei Kram machen müssen und zum Beispiel Spielzeug hochhalten: Mittlerweile gibt es 3-D-Drucker für ziemlich wenig Geld zu kaufen, die mangelhafte Produkte erzeugen. Amerikanische Büchereien zeigen jedem Besucher ihre 3-D-Drucker. Daneben stehen dann kleine 3-D-gedruckte Köpfe von George Washington herum, oder auch winzige Teekannen.

In den USA stehen Wahlen an. Die American Library Association äußert sich dazu nicht. Alan Inouye in Washington, ein Chef der ALA, zuständig für "Information Technology Policy", hält sich bedeckt. Eines sagt er aber: Die Regierung von George W. Bush habe wenig Interesse an den amerikanischen Büchereien gehabt. Unter Obama habe sich das wegen der Finanzkrise wenig geändert. Heute hofft die ALA, die kommenden Wahlen in den USA möchten jemanden ins Weiße Haus bringen, der oder die ihre Anliegen endlich ernst nimmt.