Kulturinstitutionen Das Ministerium für Ideen

Was macht das Haus der Kulturen der Welt in Berlin so besonders? Der Leiter und sein Team stellen die großen Fragen der Menschheit - und sie sprengen dabei die Fächergrenzen.

Von Jörg Häntzschel

Auf der Terrasse des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, gleich gegenüber vom Kanzleramt, brät im Schneesturm ein Ochse am Grill. Die Angestellten setzen die Messer an, auf einer Apparatur wie aus dem Schlachthof wandern die Stücke durchs Foyer, landen samt Brot, Essiggurken und Zwiebeln im Fleischwolf und werden den Besuchern endlich im Glas serviert. "Es geht um Metabolismus", erklärt Bernd Scherer grinsend, "wir bieten Ganzkörpererfahrungen, wir sprechen alle Sinne an." So werden hier wissenschaftliche Kongresse eröffnet.

Scherer ist seit 2006 Intendant hier. Er hat das Haus von einem Forum für die postkoloniale Welt zu einem Thinktank der Zeitgenossenschaft umgebaut - und zu einer der ambitioniertesten Kulturinstitutionen Deutschlands. Dennoch ist vielen nicht klar, was unter dem kühn gewölbten Dach eigentlich vor sich geht. Die einen halten es noch immer für eine Ethno-Oase. Die anderen glauben, es sei nur ein weiteres Forum für Debatten und Diskurse, die im Kulturbetrieb gerade in Mode sind.

Das kommt nicht von ungefähr: Scherer, der 60 ist, aber viel jünger wirkt, hat eine Institution erfunden, die es bislang nicht gab. Sie bewegt sich auf höchstem akademischen Niveau, ohne sich den akademischen Konventionen verpflichtet zu fühlen, sie zeigt Kunst, aber hat mit einem Museum nichts zu tun. Und sie kombiniert das eine mit dem anderen. "Innerhalb der alten Kategoriensysteme lässt sich die Welt nicht mehr verstehen", erklärt Scherer. "Man braucht eine neue institutionelle Form von Wissensproduktion." Deshalb betrachtet er Bilder, die noch nicht verstanden wurden, testet neue Begriffe, stellt Verknüpfungen her zwischen Dingen, die keinen Sichtkontakt hatten. Er handle mit "ideas in the making", sagt er gerne.

Ein Thema über zwei Jahre verfolgen? Davon können viele andere Institutionen nur träumen

Wie hier Ideen gemacht werden, kann man erleben, wenn Scherer mit seinen Kuratoren konferiert. In zwei Stunden geht es um Flüchtlinge in Berlin, um eine Band aus Mali, denen die Islamisten die Musik verboten haben, um Punk in Jugoslawien, um Radiohören im Schützengraben und darum, wie es das Singen verändert hat. Es geht um die Erfindung des Vocoders als Verschlüsselungstechnologie, um Ratingagenturen und das chinesische Urheberrechtgesetz, um die Abschaffung des Bargelds und Negativzinsen in Japan, um Reformpädagogik und den Umgang mit Nichtwissen, um die Nähe von Technologie und Spiritualität in Russland und das Eisenbahnsystem im Osmanischen Reich.

Scherer schafft es, lauter Beziehungen zwischen diesen Themen zu finden. Wie auch zwischen Wohnen und Gentrifizierung, dem Thema der letzten großen Konferenz, und Big Data, dem Gegenstand der eben eröffneten Ausstellung "Nervous Systems". Beide Bereiche gehen zurück auf die Zeit des Ersten Weltkriegs.

Scherer kennt die heutige Welt ganz gut. Vor seiner Zeit am HKW leitete er die Goethe-Institute in Karatschi und Mexico City. Doch noch wichtiger für die jetzige Arbeit war sein Semiotik-Studium. Ihn interessierte, "wie mit Sprache Realität geschaffen wird", sagt er. "Es gibt immer wieder Situationen, wo die Zeichen die Realität nicht mehr adäquat abbilden. Das ist unsere Lage."

Das Haus der Kulturen der Welt bietet heute schon die Internationalität, für die das Humboldt-Forum einmal stehen soll.

(Foto: Sebastian Bolesch/HKW)

Es dauerte ein paar Jahre, bis es Scherer gelang, seinen Anspruch durchzusetzen. 2013 war es so weit. Immer mehr Geologen konstatierten damals, dass es auf der Welt keinen Ort mehr gebe, der nicht von Spuren des Menschen gezeichnet sei. Sie riefen ein neues Erdzeitalter aus: das Anthropozän. Als Scherer davon hörte, war ihm klar, dass das kein Thema nur für Geologen und Klimaforscher sei. Ja, der Mensch rodet seit Langem Wälder und vergiftet Flüsse, doch der alte Dualismus von "Natur" und "Mensch" überdauerte bislang auch dessen schlimmsten Verwüstungen.

Nun müssen wir uns von der tröstenden Vorstellung einer Natur verabschieden, die dem Menschen als unbezwingbare Instanz immer gegenübersteht, und damit von der Grundlage unseres Weltbilds. Der Mensch ist heute die Natur. Es gibt nichts mehr jenseits der Zivilisation. Scherer warf alle Ressourcen des HKW auf dieses Thema, brachte führende Forscher zusammen, beauftragte Fotografen und Künstler. Das Ergebnis war das zweijährige "Anthropozän-Projekt" - ein Vorhaben, das in dieser Komplexität und Tiefe beispiellos ist.

Die meisten Kulturinstitutionen hecheln von Projekt zu Projekt. Ein Thema über zwei Jahre zu verfolgen, davon können sie nur träumen. Die Großprojekte sind aufgefaltet in etliche Unterprojekte. Für die wiederum bietet das HKW alle denkbaren Formen und Medien auf: Zur Ausstellung kommt die Konferenz, zur Konferenz die Akademie, zur Akademie der Workshop. Und begleitet werden diese von Fotoprojekten, historischen Forschungen, von Installationen wie dem erwähnten Fleischspektakel vom Berliner Raumlabor oder dem Showroom in "Nervous Systems", wo Experten des Tactical Technology Collective die Besucher über ihren "digitalen Schatten" aufklären. Disziplin-Grenzen sind obsolet: Schriftsteller reichen Klimaforschern das Mikro, Architekten arbeiten mit den Mitteln der Forensik.

Und damit sind noch nicht die Publikationen erwähnt, die im HKW gleichrangig sind mit den Veranstaltungen. Allein zur Ausstellung "Wohnungsfrage" vom letzten Herbst wurden 13 veröffentlicht, darunter Neueditionen wichtiger Texte. "Grain Vapor Ray", eine der vielen Anthropozän-Publikationen, umfasste drei Bände und war so komplex, dass ein vierter nötig war, das "Manual". Und da es um das Materielle und seine Aggregatzustände geht, wurde jeder Band auf anderem Papier gedruckt.

Das überfordert manche. Doch damit können Scherer und seine Kuratoren leben. "Wir haben hier die Chance, Standards in Sachen Komplexität zu setzen", meint Anselm Franke, der für die Kunst zuständig ist. "Zu mir kommen ständig Kollegen und sagen: In meinem Museum könnte ich das nie machen! Aber in Berlin gibt es ein Publikum, das Hunger danach hat."

Man könnte die Geschichte des Hauses gut als Fallstudie in einer von Frankes Ausstellungen erzählen. Gebaut wurde die Kongresshalle 1957 - als mauernahes Symbol der Pax Americana in West-Berlin. Gewerkschaftskongresse fanden hier statt, Kennedy sprach, auch der Bundestag tagte hier, zuletzt am 21. Mai 1980. Aus Ärger darüber ließen die Sowjets ihre Militärjets im Tiefflug über die Halle donnern. Am selben Tag stürzte das Dach des Baus in sich zusammen - Materialermüdung.

Blick über das Geländer deutscher Kulturförderung: Bernd Scherer leitet das Haus der Kulturen der Welt.

(Foto: Regina Schmeken)

Neun Jahre später wurde er neu eröffnet - unter der neuen Plural-Flagge. Das HKW sollte als Forum für nicht-westliche Kultur dienen, als eine Art Goethe-Institut mit umgekehrtem Vorzeichen. Die meisten Mitarbeiter waren Goethe-Veteranen, die aus dem, was sie in Asien, Afrika oder Südamerika erlebt hatten, nun Programme in Berlin machten. Einige sind bis heute legendär, so "China Avantgarde", bei der viele der chinesischen Künstler zu sehen waren, die heute Weltstars sind.

Doch der Geburtsfehler war offensichtlich: Deutsche Kuratoren führten Regie, aber der eigene Standpunkt wurde nicht hinterfragt. "Solange der nicht zur Disposition steht, sondern nur der des anderen, gibt es kein Gespräch auf Augenhöhe."

Mitte der Neunziger wechselte man die Richtung. Nun organisierten nicht-europäische Kuratoren einen Großteil des Programms. Postkolonialismus wurde das große Thema. Das HKW verstand sich als "Plattform" für alle von der westlichen Kulturhegemonie an den Rand Gedrängten. Doch das erwies sich als ebenso problematisch. "Dahinter stand eine Art umgekehrter Eurozentrismus", so Scherer. Das HKW war Reservat für Exoten, der Anschluss zur deutschen Debatte fehlte.

Als Scherer das HKW 2006 übernahm, war die Welt schon wieder weiter. Die Künstler aus China stellten jetzt im Hamburger Bahnhof in Berlin aus. Europa fühlte sich kleiner und marginaler an. "Man versteht unsere Gesellschaft nicht mehr, ohne die restliche Welt mitzudenken." Man kann - wie in "Wohnungsfrage" - nicht über Gentrifizierung in Berlin sprechen, "ohne sich mit der weltweiten Kapitalisierung und Kommodifizierung des Wohnens zu beschäftigten. In Berlin greifen Investoren aus China in den Wohnungsmarkt ein. Gleichzeitig fliehen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten hierher."

Das Heute begann mit dem Ersten Weltkrieg, so Scherer. Sein Projekt nennt er "100 Jahre Gegenwart"

Anfangs litt auch das HKW an der Kurzatmigkeit des deutschen Kulturförderwesens. Das endete mit einer politischen Allianz wie aus dem Märchen. Auf der Suche nach Geld sprach Scherer auch beim Hamburger CDU-Abgeordneten Rüdiger Kruse vor, der als Kulturverantwortlicher im Haushaltsausschuss sitzt. Der Ausschuss kann den Kulturetat nach Gutdünken erhöhen - mit Geldern für Projekte, die die Abgeordneten wählen. Als Scherer Kruse von dem Anthropozän-Vorhaben erzählte, war er begeistert, gab 3,3 Millionen und machte das heutige HKW damit erst möglich.

Kruse versteht das HKW auch als Dienstleister der Politik. "Hier sitzen wir: Reichstag, Abgeordnetengebäude, Kanzleramt, und mittendrin ist das HKW. Es soll ein Denkraum für uns sein, wo man gesellschaftspolitische Prozesse diskutieren kann wie in einem Labor. Wo wir Input bekommen über das Tagesgeschäft hinaus."

Seitdem hat der Bundestag nicht nur 27 Millionen Euro für die Sanierung des Hauses und einen Anbau bewilligt, sondern auch das Geld für Scherers seit 2015 laufendes Großprojekt. Sogar die Idee stammte von Kruse. Er hatte Scherer 2013 vorgeschlagen, etwas zum Ersten Weltkrieg zu machen. Der winkte ab, entmutigt von den über 1000 geplanten Gedenkveranstaltungen. Doch dann begann er zu recherchieren: "Damals gingen die alten Ordnungsprinzipien kaputt. Der Nationalstaat war wieder da, die Empires zerfielen. Neue Systeme wie der Völkerbund entstanden. Im Krieg kehrte eine Barbarei, wie sie zuvor nur in den Kolonien stattfand, nach Europa zurück. Europas Zivilisationsprojekt war diskreditiert. Sogar der Zeitbegriff änderte sich! Man kann unsere Welt in diesem Kontext neu verstehen." Scherer erfand den Titel "100 Jahre Gegenwart", Kruse gab ihm 15 Millionen.

Nur wenige Hundert Meter vom HKW, auf der Baustelle des Stadtschlosses, wird gerade aus Beton Barock gemacht. Jahrelang wurde über den Bau gestritten. Doch über das, was hier passieren soll, wenn 2019 das Humboldt-Forum einzieht, wird kaum gesprochen. Als das Forum beschlossen wurde, war Scherer einer der Ersten, die als mögliche Leiter gehandelt wurden. Doch das ist Jahre her. Inzwischen hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters Neil MacGregor mit Hermann Parzinger und Horst Bredekamp als "Gründungsintendanz" für das Humboldt-Forum installiert. Inhaltlich ist man indes keinen Schritt weiter. Es fehlen Ideen. Dabei gibt es das Humboldt-Forum ja schon. Es heißt Haus der Kulturen der Welt.