Kulturgeschichte der "Generation C 64" Alte Hacker verklären sich selbst

Was haben die ersten Computer-Hacker aus den frühen Achtzigern mit Wikileaks und Twitter zu tun? Und waren die Nerds nicht schon immer zu arrogant, um dem Rest der Welt zu erklären, was sie eigentlich wollen? Journalist Christian Stöcker erzählt von der "Generation C 64" - und vergisst dabei die Selbstkritik.

Von Franz Himpsl

Christian Stöcker, der das Spiegel Online-Ressort "Netzwelt" leitet, hat den Versuch unternommen, die letzten dreißig Jahre technologisch induzierten gesellschaftlichen Wandels Revue passieren zu lassen. Herausgekommen ist mit "Nerd Attack!" zum Glück kein technophiles Computerkompendium, sondern eine durchaus lebendige, autobiographisch angereicherte Zeitreise.

Unterhaltsam dürfte das Buch vor allem für alle sein, die in den Achtzigern aufwuchsen und gerne in Erinnerungen an die Frühphase des Personal Computer schwelgen: Eben jene nach dem 1982 eingeführten Commodore-Rechner benannte "Generation C 64", von der Stöcker sagt, sie sei die erste gewesen, die von Anfang gewöhnt war an das heutige Tempo des technischen Wandels.

"Nicht alle können dieses Tempo mitgehen", meint der Autor und verweist auf das, was er als Spaltung der Bevölkerung wahrnimmt: Während die einen sich schlafwandlerisch durch die digitale Welt bewegen, haben die anderen ihr Misstrauen gegen die Computer nach wie vor nicht abgelegt. Überhaupt herrsche in Deutschland immer noch "Indifferenz, Ignoranz und Ablehnung" gegen das Medium Internet vor. Das mag zutreffen; gleichwohl wirkt es nicht so, als sei der Autor selbst sonderlich darum bemüht, die von ihm apostrophierte digitale Spaltung zu kitten. Dazu verklärt er zu freimütig die eigenen nerdigen Ideale.

Die Sympathie Stöckers für die Cracker-Szene etwa, ein lockerer Zusammenschluss männlicher Teenager, die sich "mit der Computerspielindustrie, den Telefongesellschaften und den Postdienstleistern" zugleich anlegte, ist unübersehbar. Die nostalgischen Gefühle scheinen hier so manchen Zweifel an der Ehrenhaftigkeit der Motive der Akteure von damals zu überdecken. Warum man den Kopierschutz von Spielen umging? Weil man es eben konnte - so lautet die wenig moralische Moral.

Von den Ursprüngen der Hackerbewegung schlägt der Autor eine Brücke zu den aktuellen Phänomenen der digitalen Welt. Twitter-Revolution, Wikileaks, Vorratsdatenspeicherung: Netzthemen sind heute in vielerlei Hinsicht Politika. Da ist es, wie Stöcker zu Recht hervorhebt, frappierend, dass es gerade den politischen Entscheidungsträgern oft an den grundlegenden Computer- und Internet-Kenntnissen fehlt. Und doch bleibt einem die Häme darüber im Halse stecken, denkt man daran, dass die Ignoranz der einen nicht zuletzt dem Unwillen der anderen, der Technikkundigen, geschuldet ist, aus dem exklusiven Kokon der Eingeweihten auszubrechen und sich in geduldiger digitaler Entwicklungshilfe zu üben.

"Nerd", das war einmal ein Schimpfwort für Computerfreaks mit Sozialdefizit. Heute ist vieles aus der Subkultur des Nerdtums im Mainstream angekommen. Und das liegt, wie man anhand von "Nerd Attack!" sehen kann, auch daran, dass der alltägliche Gebrauch avancierter Technologie die Nische der Spezialisten längst verlassen hat. Umso befremdlicher wirkt es, wenn viele in der Szene im alten Hacker-Elitismus der Achtziger verhaftet bleiben - zumal deren Pochen auf die alleinige Deutungsmacht in Fragen digitaler Kommunikation beinahe ebenso gestrig wirkt wie die Sturheit der Computer-Komplettverweigerer.

Was sagt es eigentlich über eine Zeit aus, wenn sich selbst die technische Avantgarde darin gefällt, mit verklärendem Blick auf die guten alten Zeiten zurückzuschauen?

Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C 64 bis zu Twitter und Facebook. DVA, München 2011. 320 Seiten, 14,99 Euro.

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