Kulturgeschichte der Geliebten "Madame sein ist ein elendes Handwerk"

Die Schwester der Königin Anne Boleyn (r., gespielt von Natalie Portman) und Mary Boleyn (Scarlett Johansson) in einer Szene aus dem Film "The Other Boleyn Girl - Die Schwester der Königin". Der Film beruht auf historischen Fakten und erzählt die Geschichte der Schwestern Anne und Mary Boleyn, die beide von König Heinrich VIII. als Mätressen erwählt werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Sturz des mächtigen CIA-Direktors David Petraeus über eine außereheliche Affäre wirkt heute geradezu altmodisch. Dabei waren viele Epochen in dieser Hinsicht erstaunlich tolerant. Im Barock etwa gehörte die Mätresse zum guten Ton - aber auch die Frauen genossen zeitweise Freiheiten.

Von Joachim Käppner

Als sie sich in der Cadet Chapel, einem neogotischen Meisterwerk mit Blick auf die weiten Ebenen, das Jawort gaben, da hatte er eine Frau ausgewählt, welche das Leben einer Army-Familie völlig verstand." So idyllisch beschreibt der Militärhistoriker Bradley T. Gericke in einem Buch die Hochzeit von David Petraeus und der Generalstochter Holly Knowlton 1974 in West Point. Am 9. November 2012 trat Petraeus, noch immer mit Holly verheiratet, als CIA-Direktor wegen der Liebschaft mit seiner Biografin Paula Broadwell zurück. Es ist eine sehr amerikanische Affäre - weil sein Seitensprung die Doppelmoral einer puritanisch moralisierenden, zugleich aber nach dem Blick durchs Schlüsselloch in die Gemächer der VIPs gierenden Gesellschaft zeigt.

Seit es Herrscher und Regierende gibt, gibt es bei ihnen auch Liebesaffären, die gegen den offiziellen Moralkodex von Sitte, Religion, Staatswesen verstießen - zu jeder Epoche. Und in den meisten Zeiten staunten die Menschen weniger über solche Affären als über Mächtige, die behaupteten, zu tugendhaft dafür zu sein.

Der römische Kaiser Antoninus Pius, der Fromme, ließ seine Frau Faustina vergöttlichen, als sie 140 starb. Er hat sie aufrichtig geliebt, der Faustina-Tempel auf dem Forum Romanum trägt ihren Namen, er war ein guter, friedfertiger Herrscher, der die Historiker genau deshalb ebenso gelangweilt hat wie seine Zeitgenossen. Der Kaiser lebte anscheinend nach dem Idealbild einer Hochkultur, die ihre "alten römischen Werte" in moralischen Erbauungsschriften rühmen ließ, ohne sich selbst daran im Mindesten gebunden zu fühlen. Übrigens hat das selbst Pius nicht getan, er behandelte seine Amouren nur diskret, statt nach Art seiner Zeitgenossen damit zu prahlen.

Roms strenge sittliche Normen dienten eher als ideologischer Überbau als für den Alltag. Werte wie Treue, Tugend und gerechte Lebensführung sollten das Imperium von der Nacht der Barbarei abheben, die nach offizieller Doktrin jenseits der Grenzfestungen lauerte. Der berühmte Dichter Horaz aber schmiedete Verse wider "die befleckenden Frevel des Ehebruchs" und stieg gleichzeitig Knaben niederen Ranges und griechischen Partyköniginnen von legendärem Ruf nach.

"Spröde und bissig"

Ehebruch war sogar strafbar. Kaiser Augustus erließ Gesetze von erheblicher Strenge wider den Seitensprung. Seit der frühen Republik hatten sich Roms Führer kinderreiche Paare gewünscht, um genug Nachwuchs für die Legionen zu haben. Faktisch flüchteten sich die Römer aber lieber ins Konkubinat - neben der Ehefrau mindestens eine Geliebte zu haben, war Usus, ganz abgesehen von der verbreiteten Prostitution.

Hadrian, der Philosoph auf dem Kaiserthron (117 bis 138), vermied sorgsam die Nähe seiner Gattin Sabina, wofür der Althistoriker Alexander Demandt ein politisch unkorrektes, aber erkennbares Verständnis zeigt. Die Gattin des Imperators, schreibt er, "wird als spröde und bissig geschildert", nur "mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit" ließ Hadrian sich nicht scheiden. Von Sabina, die ihrerseits den Schriftsteller Sueton als Geliebten gehabt haben soll, ist angeblich der Satz überliefert: "Ich habe Maßnahmen ergriffen, nicht von ihm (Hadrian) schwanger zu werden, seine Kinder könnten der Menschheit nur abträglich sein."

Hadrian opferte angesichts solcher ehelichen Dispute lieber am Grabe des Alkibiades, "des größten Frauenhelden der griechischen Welt" (Demandt), jährlich einen Ochsen, was Rückschlüsse auf sein Privatleben nahelegt. Bekannt ist seine Liebe zu dem Jüngling Antinoos, bei dessen Tod er öffentlich weinte; dies wurde allerdings allgemein als peinlich empfunden.