Der Traum vom Eigenheim: Schnee von gestern - heute träumt man von höheren Dingen. Wie uns die Kultur aus der Krise holt.
Ein frommer Geist ist in das landläufige Gerede über die Wirtschaftskrise eingezogen, und die Frömmigkeit dient scheinbar: der Kultur. "Fragt man, was macht dich zufriedener, ein Auto oder die Fähigkeit, eine Fremdsprache zu sprechen, dann sagen die meisten: die Fremdsprache", erklärt der Jurist und Volkswirt Meinhard Miegel in der FAZ vom Mittwoch. "Das gilt auch im Vergleich: große Wohnung oder Fähigkeit, ein Instrument zu spielen. Das Instrument macht zufriedener."
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Laut Volkswirt Meinhard Miegel macht es die Menschen zufriedener, ein Instrument zu spielen als eine große Wohnung zu besitzen. (© Foto: dpa)
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Nun sagt Meinhard Miegel, mehr als zwanzig Jahre lang Leiter eines eigens für ihn geschaffenen Forschungsinstituts für "Wirtschaft und Gesellschaft", seit geraumer Zeit, es könne so nicht mehr weitergehen - mit den Renten, dem Sozialstaat, mit den Idealen des stetig sich vergrößernden Wohlstands. Dass den Lesern nun gleich der offenbar vom Wirtschaftsleben befreite kulturelle Lebensraum der "norditalienischen Städte" als Alternative angeboten wird, offenbart indessen eine neue Qualität in der angeblich anstehenden Überwindung einer "durchmonetarisierten, auf Wachstum fokussierten Gesellschaft".
Das Bekenntnis zur einer von den Übertreibungen der Geldwirtschaft befreiten Kultur gründet auf einer Annahme, die bei einem Wirtschaftswissenschaftler überrascht: "Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn das Wirtschaftsvolumen in Deutschland auf das Niveau von 2005 zurückgeht?" Gewiss, das war kein schlechtes Jahr, es gab zum Beispiel genügend neue Autos und Wohnungen für alle, die sich welche leisten konnten, und auch in die norditalienischen Städte konnte man reisen. Abenteuerlich, um es vorsichtig auszudrücken, ist jedoch die in dieser rhetorischen Frage steckende Behauptung, nur eines dieser Güter werde produziert, damit ein persönlicher Bedarf gedeckt werde.
Nein, der praktische Nutzen und das wirtschaftliche Angebot sind zwei grundverschiedene Dinge, und beide kommen nur zusammen, falls sich der Nutzen dem hinter dem Angebot stehenden Gewinninteresse fügt. Denn wenn man mit Autos kein Geld mehr verdienen kann, werden schlicht keine mehr hergestellt - was das unter anderem für die Menschen bedeutet, die diese Autos vor vier Jahren noch bauten, lässt sich gegenwärtig an den rasant wachsenden Zahlen der Kurzarbeiter und Arbeitslosen beobachten. Und wer wollte nun hingehen und diesen Leuten empfehlen, lieber Italienisch zu lernen oder Klavier zu spielen, anstatt das Leben mit Arbeit zu vergeuden?
Geld ist Geistesverwirrung
Meinhard Miegel befindet sich zur Zeit in wohlmeinender Gesellschaft. Es müsse den durchschnittlichen Deutschen nicht schmerzen, erklärte jüngst der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Uchatius in der Zeit, "wenn das Bruttoinlandsprodukt mal ein paar Jahre lang nicht wächst. Es tut ihm nicht weh, wenn Opel weniger Autos baut." Wenn er sich da mal nicht irrt. Denn was bedeutet es, wenn das Bruttoinlandsprodukt nicht mehr wächst? Dass die Waren im Lager liegenbleiben, was wiederum bedeutet, dass man mit ihnen kein Geld mehr verdienen kann. Und das hat zur Folge, dass die Unternehmer auf die Produktion an diesem Ort, in dieser Branche, in diesem Land verzichten und ihr Geld dahin tragen werden, wo es noch etwas zu verdienen gibt. Das wird nicht hier sein. Wie seltsam ist es, dass es neuerdings studierte Volkswirte gibt, denen man die Grundlagen der freien Marktwirtschaft erklären muss, weil sie den Kapitalismus für eine Art Geistesverwirrung halten.
Aber so sei das doch gar nicht gemeint, werden diese Ökonomen antworten, es gehe doch gar nicht um den Einzelnen. "Wir" alle müssten umdenken, "die ganze Gesellschaft ist gedopt" (Meinhard Miegel). Und selbst wenn das so wäre: Wie wollte man das ändern? Leicht ist es, das Volk zur Bescheidenheit zu mahnen. Aber das Volk ist hier der falsche Adressat. Wer indessen ginge nun los, um Dieter Zetsche davon überzeugen, mit Daimler keine Rendite mehr erzielen zu wollen - und selbst wenn dieser zum Mitmachen bereit wäre, was wäre dann mit Fiat und Ford, mit BMW und Volkswagen, mit Indern, Chinesen und russischen Staatskonzernen?
Vernichtendes Kapital
Nein, werden die Herren dieser Firmen erklären, falls sie sich nicht gleich an die Stirn tippen und davongehen, Geld kostet Geld, und weil das so ist, ist das Kapital, das sich nicht vermehrt, ein vernichtetes Kapital. Der Traum vom Fremdsprachenlernen und von Norditalien trug daher bis vor zwei, drei Jahrzehnten einen anderen Namen. Er hieß "Revolution". Was nicht heißt, dass kulturfromme Ökonomen nun auf die Barrikaden gehen wollen.
Ende der achtziger Jahre machte der Philosoph Odo Marquard auf sich aufmerksam, als er angesichts eines geringer werdenden öffentlichen Interesses an der Kultur empfahl, diese zur Kompensation des "Sinndefizites" einzusetzen, das eine hochindustrialisierte Gesellschaft notwendig hervorbringe. Die neuen Ökonomen drehen nun den Gedanken um. Nicht das "Sinndefizit" der Gesellschaft soll jetzt durch Kultur ausgeglichen werden, vielmehr ein Mangel an Kapital. Wobei der Kultur hier zusätzlich die Aufgabe zukommen soll, ihre Anhänger über die allfällige Verarmung hinwegzutrösten. So sieht das große "Umdenken" tatsächlich aus. Und so reden kann nur einer, der selbst noch die Privilegien genießt, mit deren Abschaffung er für die kommende Generation schon einverstanden ist.
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(SZ vom 5.6.2009/bey)
Erst kommt das Fressen, dann kommt die .... Kultur!
Die menschenverachtende Denke eines Meinhard Miegel ist exemplarisch für die abgehalfterte Riege, die uns beherrscht.
Erst hat jeder "eigenverantwortlich" selbst schuld, der ökonomisch abgehängt wird. Jetzt wo die allen produktiven Mehrwert der Gesellschaft abschöpfenden DDR-2.0-Bonzen den Karren richtig gegen die Wand gefahren haben und ihre Kapitalvernichtung auf die Allgemeinheit sozialisieren heißt es plötzlich: "Geld und Kapital ist doch eh nicht so wichtig."
Eine ähnlich abgehobene Verhöhnung der arbeitenden, leistenden und dennoch nicht mehr auf einen grünen Zweig kommenden Menschen, wie die unseres Sparkassendirektors Köhler: "Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt."
Aber solch privilegierte Kreise gab und gibt es in der Historie ja immer wieder. Eine aus diesen Kreisen soll es ja vor einigen hundert Jahren bereits so ausgedrückt haben: "Wenn ihr kein Brot habt, esst doch Kuchen"
Aber die Geschichte findet immer eine Antwort. Wenn die Entfremdung der Führungskaste von der Lebensrealität zu weit fortgeschritten ist, gibt es den Tag an dem sie wieder geerdet werden.
sprachlos