Kultur Olympiareif

Kapitalismuskritik als ganz große Zirkusnummer mit viel Musik und Menschen, Tieren, Sensationen: Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" als Sommerspektakel des Theaters Wasserburg

Von Egbert Tholl

Seine Uraufführung erlebte Brecht nicht mehr. Bertolt Brecht schrieb "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" 1941 im finnischen Exil; uraufgeführt wurde das Stück erst 1958 in Stuttgart, und sieht man von ein paar, dann aber Furore machenden Inszenierungen seitdem ab, machen die meisten Theater einen großen Bogen um diese seltsame Parabel, nicht nur, weil ihnen naturgemäß die Brecht-Erben im Nacken sitzen, sondern weil das Ding einfach ungeheuer sperrig ist und sich außerdem auch den Vorwurf der Vereinfachung gefallen lassen musste.

Brecht vereint hier zwei völlig unterschiedliche Eindrücke: Das Gangstermilieu, von dem er auf seiner USA-Reise in der Mitte der 1930er-Jahre erfahren hat, und den Aufstieg Hitlers zum Reichskanzler und Diktator. Nach dem Krieg wusste man von den extremen Auswüchsen der Nazi-Herrschaft mehr als Brecht 1941 in Finnland; revidiert hat er sein Stück nie, auch weil es ihm darin nicht unbedingt um die ganzen Gräuel geht, sondern viel mehr um die Mechanismen der Macht. Brecht hantiert dabei mit einer mehr oder weniger deutlichen Parallelisierung von Al Capone und Hitler, der Aufstieg des Verbrechers Ui zur Macht vollzieht sich in ähnlichen Schritten wie der von Hitler: Unterstützung durch das Großkapital, Gier, Geschäfte, Beseitigung einstiger Mitstreiter, zu vergleichen mit dem sogenannten "Röhm-Putsch".

Uwe Bertram macht daraus Sommertheater in einem Zirkuszelt. Ist der Leiter vom Theater Wasserburg von allen guten Geistern verlassen? Nun, eigentlich geht er ganz schlüssig vor: Brecht legte immer Wert aufs Zeigen, und gezeigt wird hier viel. Und von den vielen verschlungenen Pfaden, auf dem sich die Handlung in krachender, halbwegs gebundener Sprache bewegt, wählt er den, der heute noch gültig ist: Handel macht Macht. Und wenn es darum geht, wie Geschäfte die Politik beeinflussen, ist aktuell das Beispiel Amerika noch viel schlüssiger als es Brechts Gangsterklamotte damals vermuten ließ.

Gespielt wird am Inn, im Zelt des Circus Boldini, dessen Inhaber, die Familie Frank, auch eifrig mitspielen. Der Sohn ist ein Turner von olympischen Gnaden, seine Schwestern schweben in Liebreiz über der Zirkusarena, der Papa führt Kamele spazieren. Vier Kamel-Damen wohnen neben dem Zelt, manchmal grunzen sie freudig in der Nacht, manchmal laufen sie Galopp in der Arena. Das Bild des Ausstellens, die Metapher der Überrumpelung, das Offenkundige der Kunst- und Schurkenstücke, all das ist klug und kommt so überhaupt nicht intellektuell daher.

Dazu spielt ein echte Kapelle - die schon Bertrams Tom-Waits-Unternehmungen befeuerte - eine aparte Zirkusmischung aus Waits, Tiger Lillies, Balkanpolka und Überhaupt, begleitet als akustisches Bühnenbild die Darsteller. Die Aufführung ist Revue, Zirkus, Drama, Parabel und Krimi gleichermaßen.

Das Hochkapital - bei Brecht ein obskurer Blumenkohl-Trust - stakst auf Stelzen durch die Arena, trainiert von der Gruppe "Die Stelzer", die Figuren sind grell und scharf geschnitten. Hilmar Henjes ist ein mit Inbrunst singender Ui, der gleich selbst das ganze Stück ansagt. Er hat eine Gehilfin, eine Killerin, ungemein sexy und faszinierend cool - Regina Alma Semmler. Noch viel schöner als Henjes singt Andrea Merlau, da wird die Revue zur Oper. Susan Hecker seziert und zerlegt präzise Brechts Sprache, die anderen bauen sie wieder zusammen. Das alles, Sprache, Theater, Zirkus, Musik, rauscht mit Tempo durch, so dass man schon aufpassen muss, denn schade wäre es, ein Detail bliebe unentdeckt. Ja, es ist Sommertheater. Aber eines, das sich nicht viele Festivals so trauen würden. Und Brecht hätte seine Freude dran.

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Wasserburg, Do.-So., bis 6. August