Kultur Bestnoten in Deutsch

Ein Abend voller Sprachmagie. Sieben Lyriker wetteifern beim Münchner Poetry Slam im Volkstheater um die pfiffigsten Zeilen

Von Hannah Vogel

Wechselnde Gesprächspartner, Text an ungewöhnlichen Orten, ungeschützter Schriftverkehr", Meike Harms steigert sich in sprachliche Ekstase, kostet jedes Wort aus, scheint die Welt zu vergessen. Mit ihr die fast 600 Zuhörer im Volkstheater, vor denen sich die Poetin sprachlich entblößt. Erst beim letzten Satz lässt Harms den Blick übers Publikum schweifen, resümiert fast zärtlich: "Wir sind dir hier alle verfallen, dir und deiner Sprachmagie." Kaum ist sie verstummt, beginnt das Publikum frenetisch zu applaudieren.

Der alte Sieger ist auch der neue: Alex Burkhard im Münchner Volkstheater.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es wird nicht der einzige Begeisterungssturm bleiben, der sich beim 2. Münchner Poetry-Slam entlädt. Schließlich treten neun Profis an, ihre Nomination verdanken sie ihren Erfolgen in den vergangenen Monaten. Fast die Hälfte der Zuschauer sind dagegen Slam-Neulinge. Und so stimmen die Organisatoren Bumillo und Ko Bylanzky zu Beginn der Dichterschlacht zunächst das Applausometer ein, erklären die Slam-Grundregeln und begrüßen ihren Ehrengast Franziska Holzheimer. Angereist aus Hamburg, tritt die ehemalige Münchnerin außer Konkurrenz auf. In der ersten Runde slammen die Poeten in Dreiergruppen, im Finale dichten die Gewinner des Vorentscheids. Meike Harms rezitiert als einzige erotische Lyrik. Andere Texte provozieren. Alex Burkhard, Gewinner des 1. Münchner Poetry-Slams, trägt eine Abwandlung der Bubengeschichte von Max und Moritz vor. Darin degradiert er die sieben Streiche zu sieben Versuchen. Denn die Rotzlöffel scheitern in der heutigen Zeit an unserer korrupten, konsumorientierten Gesellschaft, die ihnen den Unfug nicht verübelt. Erst als sie tot sind, prangern die Geschädigten sie öffentlich an. Mit seinen Händen zeichnet Alex Burkhard Bilder in die Luft, verleiht einzelnen Wörtern mehr Bedeutung. Erst mit der letzten Zeile lässt er sie sinken. Im Publikum werden die Stifte gezückt. Ihre Wertung schreiben die sieben, zufällig ausgewählten Juroren auf einen Block, für die lyrische Leistung können sie null bis zehn Punkte vergeben. Ob sie sich dabei von den übrigen Zuhörern beeinflussen lassen, bleibt ihnen überlassen.

Die Punkte bitte: Beim Poetry Slam im Volkstheater sitzen die sieben zufällig ausgewählten Juroren im Publikum.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Wenn Werbung wirklich wahr wäre", dieser These geht Zita Lopram in seinem Text auf den Grund. Lässig steht er in Kapuzenpulli am Mikro, die Ruhe selbst, während das lachende Publikum nach Atem ringt. Jedes Szenario des Poeten übertrifft das vorhergegangene. Er bemängelt Landliebes Heimatidylle, Elitepartners fragwürdige Eliten sowie die fehlenden Früchte - und Zwerge - in Fruchtzwergen. "Wenn Werbung wirklich wahr wäre, wäre die lila Kuh an Farbvergiftung gestorben", frotzelt er weiter. Der Ablauf der sechs Minuten rettet das Publikum vor dem Erstickungstod.

Mit seinen 45,8 Punkten erreicht Zita Lopram das Finale, in dem er gegen Alex Burkhard und Dominik Erhard antritt. Es ist keine Frau dabei, bei einem Poetry Slam nicht ungewöhnlich. "Sehr oft bin ich die Quotenfrau", sagt Meike Harms später. Sie lacht, nimmt es gelassen. "Viele Frauen gehen ins Kabarett, da verdienen sie mehr Geld." Beim München-Poetry-Slam lockt nur die obligatorische Whiskeyflasche als Trophäe. Obwohl die Finalisten aufgeregt sind, merkt das Publikum nichts davon. Einer nach dem anderen tritt ans Mikro, routiniert tragen sie die entscheidenden Zeilen vor. Schließlich kürt der tosende Beifall des Publikums Alex Burkhard mit seiner Ode an das Schöne, Wahre und Gute erneut zum Sieger. Er scheint überrascht, kann es nicht fassen, reckt stolz die Whiskeyflasche in die Höhe, als wäre sie tatsächlich ein Pokal.