Hätten indes die Betriebe ihrer Pflicht genügt, wäre die finanzielle Lage der Sozialkasse viel besser - sie könnte die Beiträge der Unternehmen deutlich senken! Vor allem aber verkennt die Abschaffungsforderung, dass die Wirtschaft selbst Teil des Problems ist, das sie so gerne loswerden möchte, ja sie verkennt generell die längst symbiotisch gewordene Zusammengehörigkeit von Wirtschaft und künstlerischem Schaffen.
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Zum einen: So sinnvoll die Unterscheidung von angestellten und freien Künstlern und Publizisten nach wie vor ist, so scheinheilig ist sie in vielen Fällen. Natürlich entspricht es seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Selbststilisierung des Künstlers, autonom zu sein. Nicht nur autonom als Genius und Schöpfer seines Werkes, autonom auch in seiner Existenz jenseits der bürgerlichen Kultur oder gar Kulturindustrie.
Das war stets nur eine romantische Idee, aber genau als solche hat sie eine mächtige Wirkungskraft entfaltet. Ihre geradezu aggressive Rechtfertigung fand sie durchgehend bei Baudelaire, Karl Kraus, Paul Valéry bis hin zu Adorno und im herrschenden Selbstverständnis der Nachkriegszeit. Wenn Richard Sennett noch heute von der "provokativen Gegnerschaft" des Künstlers zur Gesellschaft redet, spricht er wohl noch vielen dieser Spezies aus dem Herzen.
Freie Abhängige des Systems
Trotzdem, spätestens mit der Etablierung der Massenkultur neben und anstelle der Hochkultur seit den fünfziger und sechziger Jahren ist der Abgrund zwischen abhängiger und freier künstlerischer Arbeit in den meisten Fällen eine pure Fiktion. Ob Designer, Werbetexter, Essayisten, Drehbuchautoren, Kameraleute oder Software-Entwickler angestellt sind oder nicht, berührt schwerlich den ästhetischen Rang ihrer Arbeit.
Wenn darum Zeitungen, Sender, Museen, Filmstudios immer mehr auf freie Kulturschaffende zurückgreifen, dann tun sie dies nicht, weil sie dort die genialischeren Köpfe finden, sondern weil sie damit sehr viel flexibler unterschiedliche kreative Potenzen einkaufen können und weil sie die Honorare je nach Marktlage sehr viel tiefer drücken können als bei innerbetrieblicher tariflicher Bindung.
Wenn es ihnen daher zum eigenen Vorteil gereicht, die künstlerische Potenz "outzusourcen" und erst recht ganze Kreise von Künstlern auf diese Weise von sich abhängig zu machen, ohne sie anzustellen, dann ist es ihre Forderung auf Abschaffung der Sozialkasse, die systemwidrig ist: Sie wollen die abhängigen Freien, also müssen sie auch deren Freiheitsrisiko mitfinanzieren.
Ehemals verfeindete Pole
Nun muss man die freien Künstler gewiss nicht nur bemitleiden, schließlich wählen viele die ungebundene berufliche Existenz als Schaffens- und Lebensform in vollem Bewusstsein ihrer unschönen Risiken. Abgesehen davon entsteht nach und nach eine kunstschaffende und publizistische Klientel, die nichts von der Rolle des künstlerischen "Bettlers der Neuzeit" wissen will, sondern ein neues Selbstbewusstsein der sich formierenden "creative class" ausbildet. Um sich auf dem freien Markt für kreative Leistungen durchzusetzen, entwickeln sie Sekundärtugenden der Selbstvermarktung, deren Kreativität der eigentlichen künstlerischen im Zweifel nicht nachsteht.
Zum anderen: Immer schneller ändert die Wirtschaft selbst ihren Charakter und wird in einem Maß "kulturell", das selbst viele Unternehmer noch gar nicht nachvollziehen. Nicht dass sich die Differenz von wirtschaftlicher Rationalität und ästhetischem Eigensinn verlöre. Doch seit Unternehmen nicht mehr Waren, sondern Konsumstile, Symbole und Distinktionsgewinne verkaufen, seit sie nicht mehr simple Hierarchien, sondern "Unternehmenskulturen" entwickeln, seitdem die digitale Revolution vorrangig Wissen und Kommunikationsformen prämiert - seitdem integrieren sich die beiden ehemals so verfeindeten Pole auf immer neue Weisen ineinander.
Daniel Bell hat schon vor 30 Jahren die "kulturellen Widersprüche des Kapitalismus" deshalb beklagt, weil kulturelle und ästhetische Standards angeblich bereits die Ökonomie dominieren. Ganz so weit ist es doch noch nicht, aber die Richtung der Entwicklung ist benannt. Würde sich also die Wirtschaft wirklich von ihrer Mitverantwortung für die Finanzierung des Lebensrisikos der freien Kreativen verabschieden, würde sie auf einen historischen Stand zurückfallen, aus dem sie die Kreativen längst herausgeholt haben.
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(SZ vom 20.12.2007/ihe)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Sind Übersetzer Künstler? Sind Website Programmierer Künstler? Erfolgreiche Künstler sind sowieso nicht in der KSK versichert - sondern in der Privaten. Für mich ist die Sache klar: Woimmer möglich werde ich keine Künstler mehr beschäftigen.
Ich kann einige Argumente der Wirtschaft durchaus nachvollziehen. Wer zahlt schon gern.
Allerdings gibt es leider für freischaffende Künstler mit einem Durchschnittseinkommen von unter 1000 kaum andere Möglichkeiten der sozialen Absicherung.
Denn wenn man sich freiwillig gesetzlich versichert, wird bei der Beitragsbemessung nicht vom realen Einkommen ausgegangen, sondern es wird ein auf Grundlage des Existenzminimums berechnetes fiktives Einkommen zugrundegelegt. Dies liegt derzeit bei um die 2000 . Darauf zahlt man dann seine 14-15%. Dies führt, auf das reale Einkommen bezogen, dann manchmal zu absurden Beitragshöhen, nämlich durchschnittlich 30%. Ich habe selbst auch schonmal 100% KV-Beitrag gezahlt, als es schlecht lief. Das kann einen dann schon an den Rand des Ruins treiben oder in die Hände des Arbeitsamtes. Und da zahlt dann wieder der Staat, und damit jeder
Und private Versicherungen sind auch nicht viel günstiger, besonders wenn man Kinder hat.
Gerecht wäre, wenn die Beitragsbemessungsgrenze für Besserverdienende fallen würde, private Versicherungen nur als Zusatz zur Grundversorgung gebucht werden könnten und JEDER eine gesetzliche Grundversicherung zahlen müsste. Aber das würde der" Wirtschaft" auch nicht gefallen.
Die Künstlersozialkasse mag einen sinnvollen Zweck verfolgen - allerdings ist die gegenwärtige Regelung alles andere als sinnvoll: Zahlen für diese Versicherung müssen auch Kunden von Künstlern, die von anderen Behörden wiederum als Nicht-Künstler bezeichnet werden. Wenn ein Programmierer beispielsweise für ein Grafikagentur einen Server einrichtet - dann muss nach deutschen Behördenwahnisinn auch auf diese Leistung 5% an die Künstlersozialkasse abgeführt werden. Dies gilt auch, wenn die Mitarbeiter der Grafikagentur gar nicht bei der Künstlersozialkasse versichert sein dürfen und - weil sie nach Ansicht des Finanzamts keine Künstler - Gewerbesteuer zahlen müssen. Fazit: Es ist leider Willkür - und ohne einen Rechtsexperte sollte man werder künstlerisch noch nichtkünstlerisch Tätig werden.
Es ist tatsächlich so, dass die KSK und VG Wort/Bild Errungenschaften sind, die zentrale Funktionen erfüllen für den gesellschaftlichen Pluralismus. Es ist ein Witz - und hier ist der Artikel sehr treffend - dass die, die die Bedingungen unzumutbar gestalten für Freie - auch diese Institutionen angreifen.
Die teilweise Extravaganz von Künstlern verhindert auch, dass sie kollektiv dagegen angehen. So wird diese gewollte Atomisierung auch noch ausgenutzt.
...wundert mich, dass Kunst und Kultur überhaupt in diesem seelenlosen Land so lange überleben konnte. Traurig aber leider schließt sich hier der Kreis, Stillos und äußerlichkeit im Doppelpack, auf Kosten der letzten Kreativen in diesem Land.