Künstlerdrama Der doppelte Eros

Rodin (Vincent Lindon) war besessen von der Vorstellung, seinen Skulpturen echte Lust und Leidenschaft verleihen zu können.

(Foto: Wild Bunch)

Der französische Film "Auguste Rodin" ist ein beeindruckendes Drama über die unheimliche Macht der Kunst und das Atelier als heiligen Ort.

Von Rainer Gansera

"Ich habe mich für die Hölle entschieden, damit ich viele kleine, nackte Figuren machen kann, die das Höllentor übersäen sollen!" Ein herausforderndes Lächeln schickt Auguste Rodin (Vincent Lindon) seiner Bemerkung hinterher. Er will sehen, wie die hübsche Mademoiselle Camille Claudel (Izïa Higelin), seine Gehilfin, reagiert. Sie stehen in der weiten, mit zahllosen Skulpturen angefüllten Atelierhalle. 1880 endlich hat der Vierzigjährige, immer noch um Anerkennung ringende Rodin seinen ersten staatlichen Auftrag erhalten. Für den Eingang eines geplanten Museums fertigt er, inspiriert von Dantes "Göttlicher Komödie", sein "Höllentor", und es interessiert ihn nur die eine Frage: Sind die Figuren, die er bislang am Tor angebracht hat, auch "lebendig"?

Es ist die große Frage, die ihn immerzu umtreibt, der archimedische Punkt seines Schaffens: Ob seine Skulpturen und Figurengruppen, diese in Leidenschaft und Verzweiflung verschlungenen Körper, von echtem Leben erfüllt sind. Er fragt Camille, sie beruhigt ihn, in den Figuren stecke "viel Feuer". Sie ist nicht nur Rodins Gehilfin, auch seine Schülerin, deren Talent er anerkennt und fördert. Es entsteht zwischen ihnen eine Komplizenschaft und auch eine Liebesgeschichte, über zehn Jahre hinweg. Die fruchtbarste Schaffensphase Rodins.

Jacques Doillons faszinierendes Porträt des Auguste Rodin (1840 - 1917), gedreht zu seinem 100. Todestag, will nicht in üblicher Biopic-Manier Lebenslinien nachzeichnen oder melodramatisch ausmalen. Doillon erzählt das Drama des schöpferischen Prozesses. Wie Rodins Skulpturen in immer neuen Annäherungen entstehen, so tastet sich Doillon an die knorrige, bärtige von Vincent Lindon souverän verkörperte Rodin-Gestalt heran. Dem Rhythmus der Inspirationen und kreativen Energien folgend, entsteht ein Diskurs über Materie und Transzendenz, über die Form, die sich aus dem Tun ergibt. Doillon macht das Atelier zum zentralen Schauplatz, denn das Atelier ist der heilige Ort, an dem sich die Offenbarung des schöpferischen Augenblicks ereignet. Er folgt dem Arbeitsprozess, dem Dialog von Auge und Hand, dem Blick, der das Modell erfasst, und der Hand, die den Ton knetet, den Stein haut.

"Schau, wie der Marmor lebendig wird", flüstert er nachts seiner Geliebten Camille zu

Einmal nachts zelebrieren Rodin und Camille ihre Verliebtheit. Sie betrachten eine marmorne Frauenstatue, die nur von flackerndem Kerzenlicht beleuchtet wird. "Schau, wie der Marmor lebendig wird", flüstert Rodin, "eine Gestalt, die ganz aus Küssen und Zärtlichkeiten geformt ist." In der Arbeit des Bildhauers soll sich die doppelte Geste des Eros manifestieren: zarte Berührung und zupackendes Begehren.

Sieben Jahre benötigt Rodin, um zur gültigen Form seiner Balzac-Skulptur zu finden. Die Suche danach zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Episoden. Wenn die Auftraggeber im Atelier aufkreuzen, um eine frühe Version der Skulptur zu begutachten, sind sie von der kreatürlichen Darstellung schockiert. Sie wollen den größten aller Dichter in Pathospose sehen, nicht nackt. Rodin aber, der sich eine Schwangere als Modell geholt hatte, um Balzacs kugelrunden Bauch fachgerecht zu formen, entgegnet: "Ich will nicht gefallen, ich will wahrhaftig sein!".

Die wenigen Szenen außerhalb des Ateliers sind Begegnungen mit Zeitgenossen wie Cézanne, Monet, Rilke gewidmet. Knapp geschilderte Treffen, in denen Rodins distanziertes, verschlossenes Wesen spürbar wird. Obsessiv ist er auf seine Arbeit konzentriert: "Nur in der Arbeit finden wir die Schönheit, ohne Arbeit sind wir verloren!" Bitter bekommen das die Frauen zu spüren: seine Lebensgefährtin Rose, die er wie eine Dienstmagd behandelt und erst in seinem letzten Lebensjahr heiraten wird, und Camille, die sich nach zehn Jahren von ihm trennt. Doillon urteilt nicht darüber, will Rodin nicht verantwortlich machen für Camilles Tragik, aber zeigt, wie seine Unfähigkeit, sich zu ihr zu bekennen, auch sein Lebensglück zerstört. Dagegen hält er die Erinnerung an die Zeit des schönen Einverständnisses, als beide miteinander ihr Lebendigsein entfalten konnten.

Rodin, Frankreich 2017 - Buch und Regie: Jacques Doillon. Kamera: Christophe Beaucarne. Mit: Vincent Lindon, Izïa Higelin, Séverine Caneele. Wild Bunch, 121 Minuten.