Hirst ist ein unabhängiger Entrepreneur - er schafft Installationen, fotografiert, filmt, produziert Musik und Bücher, er malt und war auch schon mal Restaurantbesitzer.

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Und nun gibt er im September neue, eigene Arbeiten bei Sotheby's selbst in eine Auktion und erhält dafür auch noch den Segen seiner Galerien Gagosian und White Cube, die eigentlich für den Verkauf zuständig sind.

Das Hauptlos der Auktion ist "The Golden Calf", ein Stier in Formaldehyd, dessen Kopf bekrönt wird von einer Scheibe aus massivem Gold. Das Auktionshaus taxiert das Kalb auf acht bis 12 Millionen Pfund. Der Titel des Werks ist auch eine self-fulfilling prophecy - ein bissiger Kommentar zur Kunstmarkt-Hausse.

Hirst bezeichnete den Markt in einem Interview mit der SZ einmal als "Naturgewalt", die man bezähmen müsse: Man müsse darauf achten, dass das Geld die Kunst jage, nicht umgekehrt.

In den Fünfzigern gab es einen Künstler, dessen Erfolg erstaunliche Parallelen zum heutigen Status von Hirst aufwies. Der Mann galt als teuerster Maler Europas und wurde schon zum Nachfolger Picassos ausgerufen.

Mit kaum zwanzig besaß er einen Exklusivvertrag mit einer Pariser Galerie. Dort zog er, wie Hirst, im Jahr 1958 binnen weniger Wochen 100 000 Besucher an - da war er noch keine dreißig. Und bald legte er sich ein Schloss beim Wald von Montmorency sowie einen silbergrauen Rolls Royce zu.

Dieser Mann hieß Bernard Buffet und malte zeit seines Lebens etwa 8000 Bilder - 1999 beging er Selbstmord. Der Existentialismus fand in ihm eine Galionsfigur. Warhol, Cocteau und Aragon rühmten ihn. Den Namen Buffet verbindet man mit dem "Miserabilismus". Er malte elendige, ausgemergelte Figuren, gefangen im immergleichen schroffen Umriss, in hartkantigen Lineaturen.

Golgatha und Prêt-à-porter

Flach sind diese Schemen, ohne Psychologie, aber immerhin noch erkennbar: Es war die hohe Zeit der Abstraktion, und Buffet, der unterschiedslos Eulen, Bentleys, Skylines, Harlekine, Christi Kreuzigung, Clowns, Kriegsgräuel und Nackte an der Côte d'Azur in die borstig-stacheligen Skelette seiner fleisch- und schattenlosen Kompositionen einsperrte, ging einfach stur seinen Weg gegenständlicher Malerei weiter - bis er gleichsam aus der Geschichte fiel: Die Elendsmalerei des Superstars, der nun Zahnarztpraxen mit Reproduktionen füllte, wurde in einer Reihe legendärer Verrisse gnadenlos in die Tonne getreten; Museen sperrten seine Arbeiten verschämt in die Giftschränke.

Dort hat ihn erst, nach einigen zaghaften Rehabilitierungsversuchen in den Neunzigern, das Frankfurter Museum für Moderne Kunst herausgeholt, das Buffets Œuvre noch bis zum 3. August ausstellt.

Woran scheiterte Buffet? Vielleicht vor allem an der himmelschreienden Beliebigkeit seiner Motive zwischen Golgatha und Prêt-à-porter. Sicher auch an seiner Unfähigkeit, sich künstlerisch weiterzuentwickeln, sowie an seiner Malmaschinerie, an der Marktüberflutung mit Nähmaschinen und Fischskeletten.

Doch vor allem durfte ein parvenühafter Schlossbesitzer damals nicht ausgerechnet das Elend der Nachkriegsjahre malen; er galt als unglaubwürdig -"Ausbeutung" hieß die Schmähvokabel.

Im Haifischbecken

Hirsts Reichtum macht ihm heute kaum jemand zum Vorwurf, im Gegenteil, er steigert seinen Ruhm. Er hat sicher auch schwache, dekorative Werke geschaffen.

Museen fassen bis heute sein Œuvre nicht mit der Kneifzange an - doch Hirst ist über den üblichen Weg musealer Nobilitierung längst hinaus. Er schließt Kunstgeschichte und Kunstmarkt einfach kurz - und beherrscht dazu noch die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien.

Langer Marsch durch die Institutionen? Nicht für ihn. Aber das alles wäre noch nicht ausreichend für seinen Erfolg - wenn Hirst nicht seine eigene Künstlerrolle immer genau reflektieren würde. Und wenn er, mit dem Hai, nicht so etwas wie das Kunstwerk der neunziger Jahre geschaffen hätte.

Wer ihn nur auf seine Marktstrategie reduziert, verkennt seinen künstlerischen Rang. Es dürfte auch in Zukunft schwer sein, ihm zu entkommen.

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(SZ vom 25.6.2008/mst)