Kuba Ein Land, auf Lügen gebaut

Der 60-jährige kubanische Schriftsteller Leonardo Padura

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer Kuba verstehen will, muss Leonardo Padura lesen. Ein Treffen mit dem bedeutenden Schriftsteller, der zugleich ein Seismograf des Wandels ist.

Von Martina Scherf

Die Dämmerung senkt sich über Havanna, und die Vögel in den Kronen der alten Mangobäume beginnen ihr lautstarkes Palaver. Ein kühler Wind fegt durch den Patio eines in die Jahre gekommenen Hotels am Stadtrand und bläst die Schwüle dieses Januartages aus dem Gemäuer. Im Schatten der Baumriesen rücken Studenten ihre Stühle näher an Leonardo Padura heran. Sie wollen jedes Wort des Schriftstellers verstehen, möchten wissen, wie er denkt und schreibt, wie er die Zukunft Kubas sieht. Aus Tacoma, USA, sind sie mit ihren Professoren angereist. Eine kleine Gruppe Menschen als Symbol für eine politische Annäherung, die weltweit mit Spannung beobachtet wird. Politisch ist noch nicht viel geschehen, seit Raúl Castro und Barack Obama sich vor acht Monaten die Hände geschüttelt haben, doch der Kulturaustausch kommt voran - und Leonardo Padura ist der ideale Chronist der Veränderungen.

Wer Kuba verstehen will, muss Padura lesen. Der 60-jährige Schriftsteller ist ein wandelnder Seismograf für die Schwingungen der Insel. Was also kommt? Das wollen nicht nur die Studenten aus Tacoma wissen. "Was uns blüht, weiß niemand", verkündet das bärtige Orakel und zündet sich eine Zigarette an, die pechschwarzen Populares, neuerdings mit Filter, der Gesundheit zuliebe. Was soll er auch sagen? Ja, es gibt Veränderungen, ein paar öffentliche W-Lan-Netze in der Stadt, seine Bücher werden immerhin von den Literaturkritikern des Landes gewürdigt, und die Verfilmung eines seiner Werke wurde nach anhaltendem Protest der Intellektuellen im vergangenen Jahr doch noch in einem Kino in Havanna gezeigt. Das war's dann aber auch schon.

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Alltag herrscht nach wie vor Mangelwirtschaft. Verschärft durch den Tourismus, der stark zugenommen hat, weil jetzt jeder noch schnell das alte Kuba sehen will. Das Kuba der Oldtimer und lachenden Musiker, die Stadt ohne Macdonalds und Coca Cola. Doch während im Hafen von Havanna immer mehr Kreuzfahrtschiffe anlegen, gibt es in den Läden kein Wasser mehr zu kaufen. Ausländer schlürfen ihre Drinks am Hotelpool und lassen sich anschließend im alten Chevy durch die Altstadt kutschieren. Sie bewundern die restaurierten Kolonialpaläste, während in den Hinterhöfen Wohnhäuser einstürzen. Der Schutt bleibt einfach liegen, wen kümmert das schon. In der Calle Obispo, einst die prächtigste Einkaufsmeile der Stadt, verkauft ein junger Mann billige Waffeln an Touristen für Devisen, während eine alte Frau in löchriger Bluse den letzten Peso ihrer Rente zusammenkratzt, um sich wenigstens einen Churro, das beliebte Süßgebäck, zu leisten. Aus Hemingways Lieblingshotel, das Ambos Mundos, quillt Musik - sie ist noch immer der Stoff, der Fremde und Einheimische verbindet. Doch wer kann, verlässt die Insel. Viele Künstler und Intellektuelle aus Paduras Generation sind längst im Exil.

Padura blieb und schrieb wie ein Besessener gegen den Verlust der Freunde, der Kultur, gegen den Verrat und die enttäuschten Hoffnungen an. In einer Mischung aus Trotz und Melancholie. Zehn Romane hat er seit den Neunzigerjahren veröffentlicht, zahlreiche Erzählungen und Essays. Dank seines internationalen Ansehens kann er heute unangetastet arbeiten. 2012 erhielt er den kubanischen Staatspreis für Literatur, dennoch sucht man seine Werke in den Buchhandlungen der Altstadt vergebens - Schizophrenie des Sozialismus. Als ihm der spanische König im vergangenen Jahr den Prinzessin-von-Asturien-Preis verlieh, blieb dies in Kuba weitgehend unbemerkt. "Dabei sehe ich das auch als Auszeichnung für die kubanische Literatur", betont Padura.

"Wir brauchen ein freies Internet, sofort", wiederholt der Kubaner wie ein Mantra. "Und wenn ich zum Frühstück einen Joghurt essen möchte, will ich nicht erst durch die ganze Stadt fahren müssen, um welchen zu finden." Bücher ausländischer Autoren will er an der Ecke kaufen und nicht warten, bis sie ihm Freunde aus dem Ausland mitbringen. Die Sehnsucht nach Freiheit ist groß, doch es mischt sich Sorge darunter. Noch lässt die US-Regierung ihre Bürger nur zu kulturellen Zwecken nach Kuba reisen. Aber fällt erst das Wirtschaftsembargo, "könnte das eine Lawine auslösen", sagt er. "Schon jetzt erlebe ich häufig ein Déjà-vu: Wenn ich die Quinta Avenida runterfahre, sehe ich einen Kubaner im frisch lackierten Buick, Sonnenbrille im Gesicht und Zigarre zwischen den Lippen, umringt von fünf Yankees, die ihn fotografieren". Das ist nicht das Kuba seiner Träume.

Paduras Romane handeln vom Verlust: von einem Kuba der Kunst und der Solidarität, des freien Austauschs von Ideen in einer Stadt, deren Hafen das Tor zu Europa war. Langsam, aber sicher ist diese Kultur im Sozialismus verhungert. Was blieb, ist die Überlebenskunst der Kubaner, das "resolver" und "inventar", das Erfinden von Lösungen für fast alle Probleme im Alltag.

Auch Mario Conde, der Kommissar in Paduras Kriminalromanen, ist so ein Typ. Als Polizist steckt er seine Nase in alle Schichten der angeblich klassenlosen kubanischen Gesellschaft und deckt ihre Lügen auf. Das "Havanna-Quartett" (wie alle deutschen Ausgaben der Romane beim Unions-Verlag Zürich erschienen) ist weit mehr als Unterhaltung. Die vier Bücher fächern ein breites gesellschaftliches Panorama auf. Gerade wurden sie fürs spanische Fernsehen verfilmt. Und schon steht auch ein US-Sender in den Startlöchern, um sie fürs Kino zu adaptieren, mit Antonio Banderas in der Hauptrolle. Gedreht wird, so der Plan, noch in diesem Jahr in Havanna.

Noch vor kurzem ein Ding der Unmöglichkeit. Mit seinen folgenden historischen Romanen hat sich der Kubaner, geprägt von seinen nordamerikanischen Vorbildern, Ernest Hemingway oder J. D. Salinger, dann endgültig in die Weltliteratur eingeschrieben. "La novela de mi vida" ("Der Stern und die Palme") verknüpft die Auseinandersetzungen um die kubanische Unabhängigkeit von Spanien im 19. Jahrhundert mit dem Kampf um persönliche Identität in Zeiten des sozialistischen Kollektivs. Fünf Freunde, einst ein Club der toten Dichter an der Uni von Havanna, treffen sich nach Jahren wieder und erzählen von der Sehnsucht nach der verlorenen Zeit, von Liebe und Verrat und der Traurigkeit des Exils. Es entsteht ein Strudel der Gefühle, während im Hintergrund die Wellen an die Mauern des Malecón schlagen. An jene Uferpromenade, die für die Habaneros Fluch und Verheißung zugleich bedeutet. Einer hat ein Manuskript von José María Heredia, Kubas erstem Dichter und Unabhängigkeitskämpfer, entdeckt. Der wurde einst ebenfalls verraten und starb verbittert im mexikanischen Exil. "Siehst du, José María, dieses Land ist ein Jahrmarkt, ein Zirkus, ein Lügengemälde von einem Land", sagt sein Weggefährte, und jeder weiß, dass damit nicht nur das Kuba von 1825 gemeint ist.

Padura ist ein Meister der Metaphern und Dialoge. Er kann Havannas Gerüche auf einer ganzen Buchseite beschreiben, die des Mülls und der Parfums, der streunenden Hunde und der Mangos in den Auslagen, des Meeres und der feuchten Mauern. Vor allem variiert er aber hundertfach die ewige Frage: Wie überlebt ein freier Geist in einem totalitären System?

"El hombre que amaba a los perros" ("Der Mann, der die Hunde liebte") handelt von Leo Trotzki, den Stalins Schergen bis nach Mexiko verfolgten. Die Geschichte ist in Kuba bis heute tabu, "gerade deshalb hat sie mich so gereizt", sagt der Autor. Es ist Paduras dichtestes, konsequentestes Buch. Eine Reflexion darüber, wie die wichtigste Utopie des 20. Jahrhunderts pervertiert wurde, "die Utopie, der die Menschen folgen, seit es Menschen gibt", sagt der Romancier. "Herejes" ("Der Ketzer", 2015) behandelt die gleichen Fragen an anderen Schauplätzen: Ein Rembrandtgemälde taucht auf einer Londoner Auktion auf, es gehörte einst einer jüdischen Familie, die es auf der Flucht am Vorabend des Zweiten Weltkrieges nach Havanna brachte. "Das Versiegen unserer Sehnsüchte und Sorgen führt zum Tod", sagt im Buch der weise Lehrer dem jungen Elias, der so gern Schüler von Rembrandt wäre. Havanna spielt stets die Hauptrolle in Paduras Werk, ihre Traurigkeit, aber auch ihr Humor und ihr Überlebenswille. Der Puls der Stadt ist seine Stimulanz, "ich könnte nirgendwo anders schreiben", sagt er, und zückt sein Handy: Heute Morgen hat ihm eine Englischlehrerin aus der Provinz eine Textnachricht geschickt. "Bei allem Respekt vor Ihrer Literatur: Ich bin 57 Jahre alt, und es ist, als hätten Sie mein eigenes Leben beschrieben."

Dafür schreibt er, sagt er, zu wissen, dass er einer Generation eine Stimme verleiht.

Die Nacht hat sich gesenkt über dem Hotel von San Alejandro, die Studenten verabschieden sich. Bald werden sie Padura in Tacoma wiedersehen, für ein weiteres Literaturseminar. Jetzt steigt er in seinen alten Subaru und braust durch die schwarze Nacht nach Hause.