Kritiker zu Helene Hegemanns Plagiat Vom Wunderkind zum Dussel

Die Lobeshymnen der Literaturkritiker bugsierten das Romandebüt "Axolotl" der 17-jährigen Helene Hegemann auf die Bestsellerlisten. Dann kam raus: Plagiat! Was sagen die Damen und Herren jetzt?

Tobias Rapp, Der Spiegel:

Vorher: "Das Wunderkind der Boheme." (18.1.2010)

Nachher: "Die Qualität an Helene Hegemann ist sie selbst, als Figur, als Intellektuelle. Wenn ich schreibe, dass das Buch über weite Strecken unlesbar ist, dann ist das eben so. Helene kann nicht erzählen, aber sie hat etwas zu sagen. Bei vielen Menschen ist es genau anders herum. Sie hat mehr Ideen in der Minute als sonstwer - das, was sie in Axolotl geschrieben hat, getrennt von der Person Helene Hegemann zu betrachten, als rein literarische Analyse - das halte ich für unredlich. "

Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau:

Vorher: "Sie kippt uns eine ganze Wagenladung brennender Intensität vor die Füße, einen großen Haufen von dem, was man gleichermaßen als ihr Innerstes oder das Rauschen der Gegenwart verstehen kann." (3.2.2010)

Nachher: "Es ist und bleibt ein gutes Buch. Was es so erfolgreich gemacht hat, ist die Verlockung, die davon ausgeht, dass ein sehr junger Mensch alle Verwerfungen unserer Gegenwart erlebt. Es fühlt sich ganz anders an, das jetzt zu lesen. Dass das Buch zum Teil geklaut ist, wirkt sich auf die Einschätzung seiner Qualität aus. Ganz und gar dusselig sind alle Versuche, mit post-postmodernen Theorien den Diebstahl zu beschönigen."

Georg Diez, Süddeutsche Zeitung:

Vorher: "Sie hat ein Buch geschrieben, das einen überfährt. . . . Das Buch ist phänomenal." (23.1.2010)

Nachher: "Das ist und bleibt sie absolut. Ich bin schockiert über die Dummheit der Diskussion. Literatur richtet sich nicht nach Zutaten. Die Wahrheit der Sprache hängt nicht an jedem einzelnen Wort. Ich bin entsetzt, wie wenig recherchiert wird. Familienstrukturen werden öffentlich gemacht, die keinen etwas angehen. Dieser paternalistische Ton ist ekelhaft."

Dorothea Dieckmann, Neue Zürcher Zeitung:

Vorher: "Und doch beweist die Autorin Intelligenz und Stil - schon allein darin, dass sie neben aller akuten Slang-Mündlichkeit nicht von 'Sinn machen', sondern von 'Sinn ergeben' spricht." (4.2.2010)

Nachher: "Ich halte Klauerei für absolut unverschämt. Auf der anderen Seite aber haben wir hier eine Autorin, die sich explizit auf Kathy Acker bezieht - so hat sich Hegemann das Recht aufs Plagiieren ausbedungen."

Maxim Biller, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

Vorher: "Ich bin hier nicht für Klatsch und das Verbreiten von Verlags-PR zuständig, sondern für große, unvergessliche Literatur." (24.1.2010)

Nachher: Maxim Biller möchte sich nicht an der Diskussion beteiligen und auch nicht zitiert werden.

Ursula März, Die Zeit:

Vorher: "Und es gibt literarische Debüts, bei denen ein Anfänger aus dem Stand heraus voll in die Tasten haut." (21.2.2010)

Nachher: "Ich habe mir zuerst gesagt: Auweia! Aber nur deshalb, weil man dieses Wunderkind nun ausschöpfen kann. Dann kam der rein mütterliche Schutzinstinkt: Sie ist doch zu jung, um den Vorwurf zu schultern! Und schließlich habe ich meine eigene Urteilskraft in Frage gestellt: Hätte ich nicht kritischer sein müssen? Ich denke, es war naiv von ihr. Aber was sie gemacht hat, ist nicht verwerflich. Es ist Teil unserer Literatur-Welt."

Verena Auffermann, Vorsitzende der Leipziger Buchpreis-Jury:

Vorher: "Diese junge Frau ist . . . extrem begabt."

Nachher: "Sie hat einen großen Fehler gemacht, aber sie bleibt begabt. Und das ist sie, weil sie einen ganz bestimmten Blick bietet, der sich eben im Netz abspielt."

Ijoma Mangold, Die Vorleser, ZDF:

Vorher: "Nur gefallen wäre zu wenig. Ich bin geradezu überrannt." (5.2.2010)

Nachher: "Die Plagiatsvorwürfe ändern an meinem künstlerischen Urteil über das Buch nichts."