Von Lutz Lichtenberger

Als Schiffsschreiber war der Autor Matthias Politycki ein halbes Jahr lang auf der MS Europa unterwegs. In seinem neuen Roman verreißt er die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes.

Im Vorwort seines neuen Buches "In 180 Tagen um die Welt" berichtet Matthias Politycki, tatsächlich ein halbes Jahr lang auf Luxusreise mit der MS Europa verbracht zu haben.

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Sein Buch aber gibt sich als Roman aus und besteht aus gut 180 Tagebucheinträgen eines Mannes, der ebenso viele Tage an Bord eines Kreuzfahrtschiffes mit dem Namen MS Europa verbracht hat.

Politycki bedankt sich im Vorwort bei einer Reihe von Personen, die er auf seiner Fahrt kennen gelernt hat und die Eingang in das Buch gefunden hätten, so zum Beispiel bei Silvia Hirsbrunner, die im Text "Silvia" heiße.

Abseitigkeiten

Die Tagebucheinträge sind immer eineinhalb Seiten lang, jeweils mit einem Foto versehen, enthalten Daten über den jeweiligen Aufenthaltsort, das Wetter, den Seegang und die Temperatur.

Verfasst sind diese Skizzen von dem fiktiven Finanzbeamten Johann Gottlieb Fichtl aus dem bayerischen Oberviechtach. Die Lotto-Tipp-Gemeinschaft seiner Stammkneipe gewinnt eine beträchtliche Summe und schickt dafür aus nicht weiter erfindlichen Gründen Fichtl stellvertretend für die Gruppe auf die Reise. Seine Verpflichtung besteht lediglich im täglichen Bericht samt Bildnachweis.

Die Darlegungen vom Alltag an Bord des Luxusschiffs beschränken sich größtenteils auf nur lose zusammenhängende Schlaglichter, kleine Episoden und allerhand Abseitigkeiten.

Botox-gespritzte Füße

Frau Wack am Nebentisch beschwert sich bei einem der zahllosen Gala-Abendessen: "Was, kein Hummer dabei? Schweinerei." Früher hätte es so was an Bord nicht gegeben. Später ist zu erfahren, dass Frau Wack angeblich Botox-gespritzte Füße hat, um es länger auf Stöckelschuhen auszuhalten. Als Herr Drescher sein Hörgerät einmal in der Kabine vergessen hat, lässt er es sich von einem Steward bringen, überreicht auf einem Serviertablett.

Je platter Politycki seine Figuren dem Spott aussetzt, desto stärker wächst die Sympathie mit ihnen, und es stellt sich die Frage, was dabei gewonnen wird, wenn man sich so unnötig über ältere Damen lustig macht.

So überzeichnet sind sie kein Gegner für einen Roman. Möglicherweise soll das satirische Panorama reicher deutscher Rentner auf Kreuzfahrt ja etwas über die sonderbaren Folgen westlichen Wohlstands (fahrende Luxusherberge) in Zeiten der Globalisierung (die Weltreise führt auch durch ärmere Regionen dieser Erde) aussagen.

Wer aber über die "müde Dekadenz der westlichen Welt" ernsthaft nachdenken will, erfährt in den anregenden Essays Polityckis wie etwa "Weißer Mann, was nun?" sehr viel mehr. Und wer sich auf See vorzüglich unterhalten lassen will, lese David Foster Wallace' herrlichen Kreuzfahrt-Bericht "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich."

Überblick?

Über die Dauer der 180 Tage treten so viele Personen auf und ab, dass man trotz sechsseitigem Namensregister schnell den Überblick verlieren kann. Dafür gibt es so ausgefallene Namen wie Wästenkühler, Frunzke oder Kipp-Oeljekaus. Politycki muss ein Faible für dergleichen haben, der Held seines Romans "Herr der Hörner" hieß Broder Broschkus.

Gegen Ende der quälend langen Reise verdichten sich die Gerüchte, dass für die Dauergäste an Bord demnächst Champagnerduschen in den Kabinen installiert und die Heimtrainer mit Elektromotor ausgestattet werden.

Herrn Drescher, eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn, lässt diese Aussicht kalt: "Die einen spinnen so, die anderen so." Aber noch einmal zurück zum Vorwort. Da versichert Matthias Politycki "ausdrücklich", dass er seine "tatsächliche Reise im vorliegenden Buch nicht geschildert" habe. Sehr beruhigend. Die 180 Tage wären sonst reichlich verschwendete Lebenszeit gewesen.

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt. Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl. Mare Buchverlag, Hamburg 2008. 384 Seiten, 24,90 Euro.

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(SZ vom 13.05.2008/pak)