Von Fritz Göttler

"Miami Vice", ein neues Beispiel für das faszinierende, irrlichternde Undercover-Kino des Michael Mann.

Es lebe das Repertoire, das unverwüstliche Sammelsurium bewährter Tricks, von denen gerade die ältesten und dümmsten auch heute noch am wirkungsvollsten sind, in Zeiten, da selbst die kleinste Hinterwäldler-Gang mit entsprechendem Elektro-Equipment ihre Gegner einzuschüchtern versucht. Um ein paar dieser wildgewordenen Kleingangster auszuschalten, schleicht sich der kleine Polizei-Einsatztrupp, die Hände voller schwerer Präzisionswaffen, an den Trailer ran, wo ihre Kollegin gefangen gehalten wird. Dann klopft einer an die Tür, "Pizza Heimservice", und tatsächlich machen die trägen, verdutzten Typen im Trailer - Hast du Pizza bestellt? - die Tür auf ...

Miami Vice

Jamie Foxx als Ricardo Tubbs, links, und Colin Farrell als Sonny Crockett, in einer Szene von Miami Vice. (© Foto: ap)

Anzeige

Es ist fast alles beim Alten geblieben in der neuen, der Kinoversion von "Miami Vice" - die gewissermaßen selbst undercover daherkommt, sich erst im Nachspann mit ihrem Titel zu erkennen gibt. Dass nun, zwanzig Jahre nach der Serie, auch in Miami die großen Geschäfte im Rhythmus des Hip-Hop erledigt werden, war zu erwarten, die kriminellen zumal, die der Drogendealer aus Südamerika. Dass einige der Mitspieler, die sich zum global play gezwungen sehen, noch ab und zu aus dem Takt geraten, nutzt der Film durchaus ironisch.

Auch die Moral ist dieselbe geblieben wie in der Serie, die Michael Mann seinerzeit konzipiert hat, die Botschaft: Wenn Emotionen ins Spiel kommen, wird es unangenehm, und dann müssen eine Menge Leute sterben... Aber wie kann man Emotionen vermeiden bei dem Job, den Sonny Crockett (Colin Farrell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) ausüben, wenn sie sich einschmuggeln bei den Drogenbanden, um sich vorzuarbeiten zum Drogenkönig, dem unnahbaren Arcángel de Jesús Montoya. Das ist die Gefahr, wenn man undercover arbeitet, dass man den Weg zurück an die Oberfläche nicht mehr weiß. "Willst du damit sagen, ich bin so tief drin, dass ich das vergessen habe?", fragt Sonny, und Tubbs erwidert, ganz buddyhaft und genregerecht: "Ich habe nie an dir gezweifelt ..." Am Anfang sieht man, wohin das führen kann, die Undercover-Verzweiflung, wenn ein Informant, der durch eine schief gegangene Operation seine Liebe, seine Existenz zerstört sieht, Selbstmord begeht auf dem Highway.

Es ist ein neues, dunkles Miami, das es in diesem Film zu besichtigen gibt, das Miami nach der großen Pollution, der Luft- und Wasser- und Licht- und Genreverschmutzung im amerikanischen Kino. Die Transparenz fehlt, die die Serie zum Kult machte, das Pink der Flamingos, das Türkis des Meeres, die unglaubliche Leichtigkeit der Mädchen - nun gelten die brutalen und lustfeindlichen Cesetze der Mädchenschlepper. Und wo einst Coolness herrschte, sieht man nun lauter Leute, die sich bemüht cool geben - aber schon die Bärte der beiden Helden verraten sie als Prolls. Michael Mann filmt unerbittlich diesen Unterschied. Sein Film gibt sich als ein Blockbuster aus, aber er ignoriert dessen Gesetze. Man muss, im Gegensatz zur Serie, an Visconti denken statt an Antonioni.

Es ist ein merkwürdiger Familiengeist, der in Manns Filmen obwaltet, ein Hang zur Spießigkeit, den man hier auf beiden Seiten findet, sehr ritualisiert beim Drogenkönig, den wir im Doppelbett erleben, sehr viel rührender innerhalb der Polizeieinheit. Aus Leutnant Castillo ist ein bulliger Schwarzer geworden: Barry Shabaka Henley, der sich noch mehr um seine Jungs sorgt als seinerzeit der drahtige Edward James Olmos. Und dann die Liebesgeschichte, die mit einem Spiel im Spiel angeht, weil Crockett nach dem großen Deal bei seiner neuen Geschäftspartnerin Isabella, Gong Li, den Sonnyboy markieren will. Die Anmache, das sieht man schon an seinem Hüftwackeln, kommt übers Serien-niveau nicht wirklich hinaus, sie geht ungefähr so: Er: Darf ich Sie denn noch auf einen Drink einladen? ... Sie (mit Blick auf das am Kai liegende Schnellboot): Wie schnell ist dieses Ding denn? ... Er: Fährt sehr schnell ... Sie: Zeig es mir. Was trinkst du denn gern? ... Er: Ich bin verrückt auf Mojito ... Sie: Ich weiß, wo es den besten Mojito gibt ... Und schon sind die zwei unterwegs - nach Havanna!

Eine Naivität zeichnet die Helden in den Michael-Mann-Filmen aus, die sich reibt mit dem Jazz der Bilder, dem Geflacker der Farben und Formen - erneut hat er, wie schon in der Nacht von L.A. in "Collateral" mit der empfindlichen Digitalkamera gedreht. Der Serienfabrikant Michael Mann weiß sehr wohl, wie weit er mit seinem Handwerk kommt, aber dass die wahre Kinomagie in jenen Momenten entsteht, die kein Menschen-, nur das Kamera-Auge wahrnehmen kann. In den Blicken zum Beispiel, im infantilen Turteln von Sonny und Isabella, wo Koketterie und wahre Emotion sich mischen. Zwischen ihnen, durch die Tür der kleinen Bar, sieht man das verwitterte Gemäuer eines Bürgerhauses, ab und zu fährt ein schönes Fünfziger-Jahre-Cabrio vorbei. Hier in Havanna, auf fremdem Territorium, ist auch das alte Licht von damals zurück.

MIAMI VICE, USA 2006 - Regie, Buch: Michael Mann. Kamera: Dion Beebe. Musik: Klaus Badelt, John Murphy Organized Noise. Schnitt: William Goldenberg, Paul Rubell. Mit: Jamie Foxx, Colin Farrell, Gong Li, Naomie Harris, Ciaran Hinds. UIP, 132 Minuten.

Leser empfehlen 

(SZ vom 23.08.2006)