Kritik Überwältigende Datenflut

Zukunftsmusik: der Performer Jörn J. Burmester im Schwere Reiter.

(Foto: oh)

In dem Stück "One More Pioneer" wird das Orakel von Delphi durch Google ersetzt

Von Dirk Wagner

Der Futurologe Alvin Toffler beschreibt die Menschheitsgeschichte in drei Wellen: das Agrarzeitalter, das Industriezeitalter und das Informationszeitalter. Weil diese sich überlappen, ergeben sich Spannungen. So war der Kolonialismus das Aufeinanderprallen von nomadischen Kulturen des Agrarzeitalters mit westlichen Kulturen des Industriezeitalters. Heutige Gesellschaften sind indes noch auf Industriezeitalter geeicht, statt sich den Herausforderungen des Informationszeitalters zu stellen.

In "One More Pioneer" beschreiben die Komponisten und Instrumentenerfinder Marion Wörle und Maciej Sledziecki eine gleichzeitige Technik-Euphorie und -Skepsis. Dabei wagen sie auch die Frage des Mathematikers Theodere Kaczynskis, wie denn eine nach-technologische Gesellschaft aussähe. Alternativ nämlich hätten längst die Maschinen die Herrschaft übernommen. Das Orakel von Delphi wurde entsprechend durch Google ersetzt.

Spannend und witzig gelingt den Machern ein digitales Musiktheater als Summe aus Hörspiel, Musik, visueller Kunst, Video und Theater. Der Schauspieler Jörn J. Burmester steht dabei einem technoiden Totempfahl gegenüber, der die Instrumente türmt: ein 16-töniges Glockenspiel, ein automatisiertes Akkordeon, eine Trommel und ein Banjo, das elektromagnetisch zum Klingen gebracht wird. Alle Instrumente werden über einen Computer aktiviert. Ihre mechanisch bewirkten Klänge werden über ein Mikrofon einem zweiten Computer zugeführt, der sie digital verändert. Gäbe es das Stück nicht, das die Instrumentenerfinder im Grunde nur ersonnen haben, um ihren Instrumenten eine Bühne zu bieten, wären die Zuschauer im Schweren Reiter Zeuge eines wirklich außergewöhnlichen Konzerts. Weil aber auch das Stück einem solchen Konzert gerecht wird, ist man am Ende von einer wunderbaren Datenflut überwältigt.

One More Pioneer, Samstag, 20. Juni, 20.30 Uhr, Schwere Reiter, Dachauer Str. 114