Es ist angeblich die "erste fundierte Darstellung des politischen Journalismus der heutigen Bundesrepublik" - doch da hat Buchautor Hachmeister den Mund etwas voll genommen.
Spaß macht es schon, sich die Eitelkeiten führender Politiker und Journalisten vor Augen zu führen, insbesondere die peinlichen Episoden. Lutz Hachmeister tut dies in seinem Buch "Nervöse Zone" genüsslich - und lässt Berliner Selbstdarsteller ziemlich schlecht aussehen: allen voran den Elefantenrunden-Gröler Gerhard Schröder, "Super-Horst" Köhler als mitregierenden Bundespräsidenten, die politik-darstellende Talkmasterin Sabine Christiansen und den so plötzlich ins Deutschtum verliebten Spiegel-Journalisten Matthias Matussek.
Lutz Hachmeister: Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, 288 Seiten, 16,95 Euro (© Foto: DVA)
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Auch der Rest des Berliner politjournalistischen Klüngels bekommt im Zuge vieler amüsant und sauber nacherzählter Geschichten sein Fett weg. Kurz gesagt: Man fühlt sich intelligent und kurzweilig abgeholt mit seinen eigenen Erinnerungen an filmreife Nach-Wahlabende, sonntägliche Schwatzbuden oder die politische Selbstentleibung eines bayerischen Ministerpräsidenten.
Nur: das war es dann auch.
Vergeblich sucht man in all den Geschichten die auf dem Buchrücken angekündigte "ersten fundierte Darstellung des politischen Journalismus der heutigen Bundesrepublik". Denn über eine Sammlung von Momentaufnahmen kommt Hachmeister nicht hinaus.
Angela Merkel und die Große Koalition finden nur in Nebenbemerkungen statt. Dass und wie sich Kolonnen von politischen Journalisten an der aktuellen Kanzlerin die Hände wund geschrieben haben, scheint für Hachmeister nicht relevant zu sein. Selbst bei den Schröder-Jahren bleibt Hachmeisters Darstellung lückenhaft. So wird die extrem volatile Beziehung des ehemaligen "Genossen der Bosse" zu Wirtschaftsführern nur mit wenigen Pinselstrichen gestreift.
Richtig enttäuscht aber wird der Leser, der fundierte Einordnungen zum derzeitigen Zustand des politischen Journalismus in Deutschland sucht. Hachmeister erweckt mit seinen Erzählungen eher den Eindruck, als würde die veröffentlichte politische Meinung allein von einem halben Dutzend Fernseh-Ansagerinnen und egomanischen Feuilletonisten bestimmt.
Einer wird in dem ansonsten in kulturpessimistischen Tönen gehaltenen Buch in geradezu kriecherischer Weise gelobt: Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, nach Hachmeisters eigenen Worten der "führende deutsche Intellektuelle am Beginn des 21. Jahrhunderts". Er und nur er bringe frischen Wind in die polit-publizistische Arena, er sei ein "romantischer Dekonstruktivist, während am Eingangstor der FAZ, der weiterhin Reporter und prägenden Journalisten fehlen, das amerikanische Baustellenschild hängen könnte 'Under Construction'".
Gegen Ende kommt das Buch an seinen ärgerlichsten Punkt an, der waberigen Journalismuskritik. Während der Autor die investigativen Leistungen einiger politischer Journalisten schlicht ignoriert, beklagt er - wie so viele vor ihm - eine mangelnde Distanz gegenüber den jeweils Mächtigen. Statt hier klar und schlüssig zu argumentieren, macht er umfassend Gebrauch von intellektualisierenden Wolkenworten wie "spätbürgerlichem Neojournalismus" oder "neoliberaler Presse", wie "Neo-Bourgeoisie" oder "neokonservativem Zentrismus".
Am Schluss steht die offene Frage, die man so oder anders in jedem Jammerbuch über den Niedergang der Publizistik lesen kann: "In welcher Gestalt der unabhängige Journalismus als Agent der Aufklärung, so wie wir ihn mitunter noch erleben, überhaupt kenntlich werden kann - und wozu man ihn, über die Ablenkung und das gelegentliche ästhetische Vergnügen hinaus, noch brauchen wird".
Antworten auf diese Frage hätte Lutz Hachmeister leicht finden können, beispielsweise im großen, weiten Internet. Aber das war ihm wahrscheinlich nicht "neo" genug.
(sueddeutsche.de)
Anfang der 70er Jahre, zu Beginn meines Volontariat bei der NW in Bielefeld, meinte ein Redaktionskollege lässig: "Willkommen in der Unterhaltungsbranche". Das hat mich irritiert. Heute stelle ich fest: Wir Skribenten haben keine Chance - also nutzen wir sie!
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Lieber Herr Matthäus,
Sie haben ein Buch gelesen, das ich nicht gelesen habe. Also können Sie es besprechen, ich nicht. Ich wünsche mir, Ihr Artikel setzte mich in die Lage zu entscheiden, ob ich es lesen will oder nicht. Aber Sie schildern keine Tatsachen und begründen keine Meinung. Sie sind flott. Ich lese:
" in geradezu kriecherischer Weise gelobt waberigen Journalismuskritik wird die extrem volatile Beziehung des ehemaligen "Genossen der Bosse" zu Wirtschaftsführern nur mit wenigen Pinselstrichen gestreift Statt hier klar und schlüssig zu argumentieren der Rest des Berliner politjournalistischen Klüngels Elefantenrunden-Gröler"
Wenn nun aber einer nicht Ihren Humor teilte, wäre dem das Buch zu empfehlen oder nicht?