Kritik Es grünt so grün

Zum Niederknien! Der Rostocker Marsimoto, bürgerlich Marten Laciny, zieht auch in München eine grandiose Show ab.

(Foto: imago)

Marsimoto lässt Nebel wallen in der ausverkauften Tonhalle

Von Dirk Wagner

In der 2015 erschienenen aktualisierten Ausgabe des selbst-erklärten "Standardwerks über die Deutsche Hip- Hop-Szene" von Sascha Verlan und Hannes Loh, das mittlerweile "35 Jahre Hip- Hop in Deutschland" heißt, wird der Rostocker Rapper Marsimoto nur in einer einzigen Zeile erwähnt, weil der Titel seines Albums "Grüner Samt" Bezug nimmt auf das legendäre Studioalbum "Blauer Samt" der Hip-Hop-Ikone Torch. Spätestens hier wird deutlich, dass manche Bücher neu geschrieben statt aktualisiert gehören.

Schließlich wird der Rostocker Rapper Marten Laciny längst schon in zwei Rollen gefeiert: als Marteria, dessen Bestseller "Zum Glück In Die Zukunft II" heuer für mehr als 200 000 verkaufte Exemplare mit Platin ausgezeichnet wurde, und als grünes Marsmännchen Marsimoto. Als solches verkleidet, taucht er die ausverkaufte Tonhalle in einen grünen Nebel, der gemäß seines neuen Albumtitels "Der Ring der Nebelungen" durchaus zu benebeln weiß. Dafür sorgen schon zahlreiche Fans, denen das Rauchverbot in der Halle ebenso schnuppe ist wie jenes Gesetz, das den Konsum von Marihuana untersagt. Wahrscheinlich hätte man jedem Gast einen persönlichen Ordner zur Seite stellen müssen, um dergleichen unterbinden zu können.

Im Gegensatz zu anderen Marihuana-Lobbyisten fordert Marsimoto aber nicht einmal dessen Legalisierung. Ganz im Gegenteil: "Illegalize it!", rappt er mit seiner ihm typischen Helium-Stimme. Schließlich haftet nur dem Konsum von verbotenen Drogen die Coolness des Widerstands an: "Willst du, dass jeder x-beliebige Spießer am Kiosk eine Weedbox kaufen kann?", fragt Marsimoto darum. "Gott bewahre", mag man antworten und weiß diesbezüglich Gott in der hiesigen Landesregierung vortrefflich vertreten. Auch, wenn ihre Drogenpolitik den Konsum offensichtlich nicht unterbinden kann. "Die autonome Zone beginnt in deinem Kopf", wäre eine mögliche Erklärung für jenes Unvermögen, die Marsimoto in einem anderen Song liefert. Doch wer wollte Textanalyse betreiben, wo Marsimoto großartige Songs statt Gedichte liefert? Früher oder später genießt man seine vielschichtigen Wortspiele ohnehin nur noch als witzige Klangspiele, die von einer großartigen Band musikalisch ummantelt werden.

"Alles begann, als der Anfang noch der Anfang war", rappt er zwar. Doch in Wahrheit begann alles schon vor dem Anfang: als Marsimotos spanischer DJ und Gitarrist Kid Simius das Vorprogramm in einer Weise gestaltete, die schon als eigenes Konzert gefeiert wurde. Begleitet von seinem Bruder auf E-Pads, Keyboard und Laptop nutzte der aus Granada stammende DJ für seine Klangkonstrukte auch das Theremin und die Gitarre. Letztere ließ er in den höchsten Tonlagen jaulen wie tags zuvor die US-amerikanische Blues-Legende Walter Trout in der nahen Theaterfabrik. Und wie einst Jimi Hendrix spielte Kid Simius die Saiten auch mal mit den Zähnen. Doch nur kurz wie ein verschmitztes Augenzwinkern durfte der Gitarrenexzess hier sich selbst feiern. Schon floss er mit einigen akustischen Veränderungen in den Gesamtklang der elektronisch generierten Musik ein, die eindrucksvoll das Kommen des "Gegrünten" vorbereitete. Kurz: Auch ohne Weihrauch wären diese beiden Konzerte zum Niederknien.