Die beiden Gegenspieler dieses Films, "Mann und Frau, vormals: Eltern" (Jelinek) auf der einen, Gott und der Antichrist auf der anderen Ebene, verhalten sich nicht antagonistisch zueinander, sondern eher so wie in der Physik Materie und Antimaterie. Sie sind gewaltsam und zerstörerisch, aber sie könnten ohne den jeweils andern überhaupt nicht existieren. Die politische Theologie, die Lars von Trier in seinem Film und Elfriede Jelinek in ihrem Text entwickeln, hat deshalb archaische, animistische Züge.
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Dem Fuchs, der das Chaos verkündet, sind noch ein Reh und ein Rabe beigeordnet. "Eine göttliche Dreieinigkeit", schreibt Jelinek, "in der es keinen Gott gibt, und dennoch sind die drei für mich Gott, der verloren hat, von Anfang an, der er ist. Anfang und Ende gleichzeitig. Und dabei hat er doch alles gemacht, der Herr Gott! Aber hier jedenfalls nicht. Ist er einer der drei Bettler, von denen im Film die Rede ist? ,When the three beggars arrive someone is going to die.' Kann auch sein."
Das Ende des unser Denken so lange beherrschenden monotheistischen Modells, von der Moderne und der Postmoderne intensiv propagiert, hat sicher mit der verstärkten Dominanz der Bilder in unserer Gesellschaft zu tun. Und mit der Diskussion, wer die Bilder bestimmt, die eine Gesellschaft produziert und zirkulieren lässt.
Wie die Gewalt der Männer den Frauen gegenüber zusammenhängen mag mit dem Erzählen, der Fabrikation von Fiktionen, hat Jelinek bereits phantastisch durchgespielt in einem Text zu ihrem Lieblingsfilm "Vertigo", der auf ihrer Homepage zu lesen ist - man sollte den neuen Text zu "Antichrist" als eine Art Fortschreibung dieses Textes lesen. Von allen unseren Autoren ist Jelinek jene, die das Kino am meisten liebt, am meisten braucht fürs eigene Schreiben, in dessen rastlosem Holterdipolter der Fluss der Filmbilder zu spüren ist. "Film ist eine Ausnahme zwischen Licht und Schatten, die man auch Aufnahme nennt", schreibt sie im "Antichrist"-Text. "Die Welt ist schon da, die Menschen sind von ihr ausgenommen, leere Flecken, die jeder füllen kann. Auch jemand wie Lars von Trier, der die Schöpfungsgeschichte beseitigen will, indem er sie in ihr Gegenteil verkehrt." Den Hexen saßen ihre Raben auf der Schulter, zu Einflüsterungen bereit. Lars van Trier hockt sein Rabe, auf den Fotos, die zur Promotion des Films verschickt werden, neben dem Stuhl, bei Fuß.
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(SZ vom 04.09.2009/jebe)
Im Artikel stehen folgende Sätze: "Das Ende des unser Denken so lange beherrschenden monotheistischen Modells, von der Moderne und der Postmoderne intensiv propagiert, hat sicher mit der verstärkten Dominanz der Bilder in unserer Gesellschaft zu tun. Und mit der Diskussion, wer die Bilder bestimmt, die eine Gesellschaft produziert und zirkulieren lässt." Mir sind die in diesen beiden Sätzen behaupteten Bezüge zwischen monotheistischem Denken und der Dominanz der Bilder schlicht nicht nachvollziehbar. Es mangelt an jeglicher Konkretisierung dessen, was gemeint ist. Genausowenig halte ich das monotheistische Modell für eines der Moderne oder der Postmoderne, viel mehr für ein biblisches. Das intelellektualistische Geschwurbel diese Textes ist das Gegenteil von verstehbar, es ist damit antiaufklärerisch.
Mir scheint hier benützen Menschen ihren Intellekt und ihre Bildung, um sich selbst und gegenseitig verrückt zu machen - im Kino, auf Papier, im Internet und in den eigenen vier Wänden.
Man möchte den Damen und Herren gerne empfehlen, einmal ihren Kopf zu verlassen und in die Welt hinauszugehen - eine frische Brise Luft in einem tatsächlichen Wald zu nehmen oder in einen kalten Bergsee zu springen oder auch nur selbst mal wieder zu "XXXXX" (huch, dieses Wort ist so unanständig, dass es mir sueddeutsche.de verbietet, es ist nur Frau Jelinek erlaubt), anstatt nur darüber zu schreiben wie es andere tun - und einmal für fünf Minuten den Götzendienst an ihrem eigenen Intellekt zu vergessen.
Ich habe ein Ausschnitt auf 3Sat Kulturzeit gesehen, und was ich sah fand ich -
Düster, geheimnisvoll, interessant.