Kritik am Film "Antichrist" Gegenwart des Bösen

Etwas, vor dem es sich zu fürchten lohnt: Die Schriftsteller Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann reiben sich an Lars von Triers Film "Antichrist".

Von Fritz Göttler

Lars von Trier kann wahrlich zufrieden sein, eine Woche bevor sein neuer Film in unseren Kinos startet. Die Diskussion, die den "Antichrist" begleitet, seitdem er im Mai im Wettbewerb von Cannes erstmals für Schrecken und Zähneklappern gesorgt hatte, hat nun in den Feuilletons die höheren Weihen erhalten. Nach hitzigem Für und Wider unter Filmkritikern und in Filmblogs quer durch Europa, nach Verdacht auf Depressionsklamauk und Scharlatanerie und auch auf mögliche Frauenfeindlichkeit des Filmemachers, haben nun zwei deutschsprachige Literaten ihre Verstörung angesichts des Films mitgeteilt und essayistisch ausgeweitet - Elfriede Jelinek in der Septembernummer der Zeitschrift Cargo und Daniel Kehlmann in der neuen Zeit. Kehlmann hat die Gegenwart des Bösen in diesem Film zu spüren bekommen, und den typischen Trierschen Umkehrschub, den er aus "Dogville" und "Manderlay" kannte: "Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?"

Dass ein Film derart fundamentalistische Effekte hervorrufen kann, und das bei versierten Denkern und Erzählern - liegt das an seiner schockierenden Tiefgründigkeit oder vielleicht bloß daran, dass Intellektuelle hierzulande den Umgang mit dem Kino, seinen Formen und Formeln, nicht besonders intensiv pflegen? Lars von Trier hat jedenfalls ein gewisses Ironie-Potential durchaus eingebaut, man sieht ihn da auf einem schweren Stuhl thronen und vor ihm, bei Fuß, hockt ein Rabe. . Ihm sitzt der Rabe zu Füßen, bei Fuß sozusagen, den Hexen aber saß er gewöhnlich auf der Schulter. Diesmal lässt er keinen Zweifel daran, was im "Antichrist" Sache ist und im Kino allgemein: "Das Chaos regiert", sagt einer der heimlichen Protagonisten im "Antichrist", ein Fuchs.

Ein Chaos ist das, dem man mit Beschreibung und Erklärung zu begegnen versuchen könnte. "Ein Ehepaar fickt", fängt Jelinek ihre ekstatische Filmbeschreibung an, "und derweil fällt der kleine Sohn, der die Tür seines Laufstalls öffnen konnte, aus dem Fenster, seinem Teddy hinterher, und stirbt. Die Welt stürzt ein. Hätte Satan die Welt nicht geschaffen, sondern Gott, wäre das nicht passiert."

Das ist ungeheuerlich und lakonisch zugleich, bestürzend und grotesk. Jelinek hat schon immer ihr Erzählen selbst zur Schau gestellt, verhehlt nicht, dass jede Beschreibung, jede Erklärung verkürzt und deformiert und verfälscht. Das ist ihr großes Thema, in ihren eigenen Texten und in der Fiktion allgemein: dass die Welt keinen Sinn macht und dass man deshalb nie aufhören darf, ihr einen Sinn zuzuschreiben. Der Film von Lars von Trier geht ihr nahe, weil ihr die Absurdität, die Dialektik von Aufbau und Zerstörung, von Geburt und Vernichtung, die er so intensiv entwickelt, als Frau sehr selbstverständlich ist. Daniel Kehlmann sieht das nur als eine Schauerlichkeit, als Hexenspuk und Perversion: "Auch Paranoide können Feinde haben, sagt ein altes Scherzwort, und so könnte man hinzufügen: Auch Menschen mit Angstneurosen haben manchmal etwas, vor dem es sich zu fürchten lohnt."

Für Jelinek hat das Perverse in "Antichrist" durchaus seine Produktivkraft. Die Frau (Charlotte Gainsbourg) reagiert auf den Tod des Kindes mit Verstörung, Rückzug, Traumatisierung. Der Mann (Willem Dafoe) versucht die Ordnung wiederherzustellen, die Frau zu heilen. Er ist Therapeut, zieht mit ihr in die Waldeseinsamkeit. Er ist sich der Gefahr nicht bewusst, der er sich aussetzt, die von der Frau ausgeht, der Natur, dem Antichrist. Er muss erfahren, dass die Frau sich mit der Geschichte der Hexenverfolgung und -verbrennungen befasst hat.

Die Beziehung der Geschlechter, bei Daniel Kehlmann läuft das, kaum überraschend, mal wieder auf Strindberg hinaus, bei Jelinek ist es immer eine politische Beziehung - es gibt keine rein natürliche Beziehung zwischen Mann und Frau, es ist immer Macht im Spiel dabei, und dieses Spiel wird in seinem Hin und Her im "Antichrist" von Jelinek brutal skizziert: "Aus dem Tod eines Kindes ist etwas geboren, eine unbedingte Ohnmacht, die an den Antichrist abgegeben wurde (die Macht steht ja nur Gott zu), was gar nicht nötig war, denn er hatte sie ja ohnedies, die Macht, welche die Ohnmacht ist als die Mittelmäßigkeit aller Menschen."

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