Krimikolumne Donna Leon "Stille Wasser"

Zum 26. Fall schickt Donna Leon den Commissario Brunetti auf Ermittlung. Dieser Kriminalroman ist wie einer der Wasserbusse, die in Venedig den öffentlichen Verkehr besorgen.

Von Thomas Steinfeld

Manchmal ist ein Kriminalroman wie einer der Wasserbusse, der "vaporetti", die in Venedig und Umgebung den öffentlichen Verkehr besorgen. Es sind robust gebaute Fahrzeuge, man kann ihnen Lasten verschiedenster Art anvertrauen: Kinder, die morgens zur Schule fahren, ältere Damen unterwegs zum Supermarkt auf dem Lido, fliegende Händler aus dem Senegal, Polizisten auf dem Weg ins Amt sowie viel zu viele Touristen mit ihren Rucksäcken und Rollkoffern.

Der sechsundzwanzigste Kriminalroman, den die amerikanische Autorin Donna Leon ihrem ganz allmählich alternden Helden, dem venezianischen Kommissar Brunetti widmet, trägt indessen seltenere Lasten durch die Lagune: eine Naturgeschichte in der Manier des Plinius, die Schilderung einer fernen Gegend nach Art des Herodot, eine Dorfgeschichte und ein ökologisches Pamphlet. Und während das Vaporetto rumpelnd unterwegs ist, von Haltestelle zu Haltestelle, dabei immer wieder an den Anleger kracht und schwarzen Ruß ausstößt, treten die ungewöhnlichen Gäste der Reihe nach auf und erzählen, was ihnen aufgetragen ist.

Es ist Juli, eine schwüle Hitze liegt über Venedig, und es geht Commissario Brunetti nicht gut. Er ist müde, er ist seiner Arbeit ebenso überdrüssig wie seines Vorgesetzten, das Wetter macht ihm zu schaffen, und das alles setzt ihm so sehr zu, dass er einen eher lästigen Zwischenfall im Büro ausnutzt, um sich in die Erholung schicken zu lassen. Die Reise führt ihn nicht weit, nur nach Sant' Erasmo, einer der großen Inseln in der Lagune, wo noch heute Wein, Spargel und Artischocken angebaut werden. Dort fällt er, in einem kleinen Landsitz mit einem Blumengarten untergebracht, für ein paar Tage aus der Gegenwart wie aus dem städtischen Leben. Angeleitet vom Verwalter der Villa, kehrt er in die Sommer seiner Kindheit zurück, lernt wieder rudern, spricht mit den Fischern im alten Dialekt und verzehrt die reifen Aprikosen, die ein Starkregen vom Baum schlug. Doch wie das bei modernen Idyllen oft so ist, wohnt in ihrer Mitte ein giftiges Ungeheuer, und es dauert nicht lange, bis es sein hässliches Haupt erhebt. Es geschieht in der Mitte des Buches, und die erste Hälfte ist der schönere Teil.

Ein Venezianer steht in seinem flachen, leichten Boot. Das Ruder liegt in einer kunstvoll gewundenen Gabel, die man "fórcola" nennt, und wenn die Lagune still daliegt, kommt man schnell voran: "Nach vorn beugen, das Ruder nach hinten stoßen, drehen und aus dem Wasser heben, sich dabei etwas aufrichten, wieder eintauchen, nach vorn geneigt Schub geben, das Ruder drehen und anheben."

Als das Ungeheuer sich zu regen beginnt, sterben zuerst die Bienen

Die Landflächen sind von Schilf gerahmt, Löffelreiher und Stelzenläufer sind unterwegs, und auf manchen kleinen Inseln leben Bienenvölker. So geht der Teil des Romans, der an die "Naturgeschichte" des Plinius erinnert, an das Buch, das Commissario Brunetti abends zu lesen versucht, bevor ihn nach zehn Minuten der Schlaf übermannt. Und wenn ihm Herodot gegenübertritt, dann in Gestalt der Fischer und Bauern, die auf Sant' Erasmo leben, am östlichen Horizont und von der Stadt abgewandt, miteinander so vertraut, im Guten wie Bösen, wie mit Ebbe und Flut sowie mit dem Ziehen der Wolken. Es gibt sie noch, diese Welt in der Lagune, und Donna Leon hat sie aufmerksam betrachtet, einschließlich der Flugzeuge, die im Abstand von wenigen Minuten starten und landen, auf einer Bahn, die in die Lagune hineingeschüttet ist.

Als das Ungeheuer sich zu regen beginnt, sterben zuerst die Bienen. Bald zeigt sich, dass das Monstrum nicht nur schon lange in der Lagune wohnt, sondern von gewaltigen Ausmaßen ist, größer vielleicht noch als der hydraulische Damm namens "Mose", der am östlichen Rand der Lagune errichtet wird und eines Tages Venedig vor dem Hochwasser schützen soll, aber eigentlich dazu da ist, den Reichen beim Geldverdienen zu helfen.

An diesem Punkt ändert das Buch seine Richtung, auch wenn es seinen ruhigen und relativ unblutigen Charakter behält. Plinius und der Garten, Herodot und das Ende der Welt mitsamt der kleinen Gemeinde der Fischer bleiben allmählich zurück und grüßen nur noch gelegentlich in die Stadt hinüber. Der Kriminalroman und das ökologische Pamphlet treten hervor, und die Welt wird plötzlich groß. Commissario Brunetti betritt ein Postamt; Marghera, der Industriehafen Venedigs, und seine unselige Geschichte kommen vor, ferner ein teures Altenheim auf dem Festland, eine Spedition mit internationalen Kontakten, und plötzlich ergeben sich Verbindungen zwischen einer Forschungsstation am Aralsee und einem biologischen Institut in der Schweiz. Das Vaporetto, das von Station zu Station schaukelte, muss anderen, schnelleren Fahrzeugen weichen, Automobilen etwa oder Hubschraubern. Zum Glück, für den Roman wie für den Leser, findet Commissario Brunetti auf den letzten Seiten zur Lagune und zum Vaporetto mit seiner rettenden Langsamkeit zurück.

Donna Leon: Stille Wasser. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 344 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.