Krimi Antigone in Japan

Der Roman "64" von dem Bestsellerautor Hideo Yokoyama ist eine Fallstudie über grundlegende moralische Fragen.

Von Nicolas Freund

Die Behörde ist in ihrem Inneren leer. An einem Wendepunkt des Romans steht Mikami, Pressedirektor der japanischen Polizei in der abgelegenen Präfektur D, vor einem Rätsel im eigenen Büro. Fahndungsstelle, Kriminaltechnik, Forensik: Fast alle Arbeitsplätze sind unbesetzt, nur ein junger Beamter hält, mit drei Telefonen hantierend, alleine die Stellung. Die anderen Apparate klingeln durch. Was ist geschehen? "Sie hatten sich alle davongemacht und ihren Karrieristenchef sich selbst überlassen. Säumigkeit? Nein, Insubordination."

Hideo Yokoyamas Roman "64" wurde in Japan, England und den USA als Thriller-Sensation gefeiert, dabei rührte die Begeisterung wahrscheinlich auch daher, dass sich "64" gar nicht so einfach auf ein Genre festlegen lässt. Denn hinter der Fassade des ursprünglichen Kriminalfalls, der in der Handlung auch schon viele Jahre zurückliegt, verbirgt sich die weitverzweigte Welt eines Behördenromans, auf dessen Fluren Mikami einer Verschwörung auf der Spur ist, die ihn in einen Gewissenskonflikt wie in einem antiken Drama führt.

Vor vierzehn Jahren ermittelte er selbst in einem spektakulären Entführungsfall, der unter dem Codenamen 64 in die Geschichte des Dezernats einging. 64, denn die Entführung und Ermordung der sieben Jahre alten Shoko fiel im Januar 1989 genau in die einzige Woche des 64. Jahres der Showa-Zeit, der Herrschaft des Kaisers Hirohito. Der Kaiser starb in diesen Tagen, Showa 64 dauert also nur genau eine Woche und gilt als eine Art verlorenes Jahr, das im Roman noch dazu von einem ungelösten Kindermord überschattet wird.

Im Romantitel fallen der Kern der Handlung und das Ende einer für Japan prägenden Epoche zusammen. Die Showa-Zeit umfasste den japanischen Nationalismus, die brutalen Kriege gegen China und die Niederlage im Zweiten Weltkrieg genauso wie den wirtschaftlichen Aufstieg des Inselreichs. Die Regentschaft Hirohitos war von einem Ethos der Autorität und des unbedingten Gehorsams geprägt, aber auch, besonders während des Zweiten Weltkriegs, von einem Machtkampf zwischen Regierung, Militär und Kaiser. Strenge Hierarchien und ein extremes Pflichtbewusstsein prägen die japanische Gesellschaft bis heute, aber der Roman stellt diese Zeit als einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes dar. Denn trotz der Aufbietung aller Kräfte gelang es der Polizei in der Romanhandlung weder die entführte Shoko zu retten noch in den folgenden Jahren ihren Entführer und Mörder zu stellen. 64 ist ein Makel für die japanische Polizei.

Alle wollen alles richtig machen und trotzdem ist am Ende ein Kind tot

Im Dezember 2002 arbeitet Mikami nicht mehr für die Kriminalpolizei, sondern leitet die Pressestelle, deren Aufgabe es auch ist, solche Makel zu kaschieren. Als ehemaliger Ermittler steht er zwischen den Fronten. Innerhalb des Präsidiums belauern sich die Verwaltung, zu der seine Pressestelle gehört, und das Kriminaluntersuchungsamt, für das die Ermittler arbeiten. Als echte Polizisten gelten nur die Ermittler, die Pressestelle wird belächelt und soll vor allem die sensationsgierigen Reporter im Zaum halten. Zu den Rangeleien zwischen den Institutionen kommen Machtkämpfe, die sich in keinem Dienstplan und keiner Behördenstruktur abzeichnen. Warum wurde der erfolgreiche Ermittler Mikami auf den halbwegs angesehenen, aber eigentlich uninteressanten Posten des Pressechefs beordert? Hat die Personalabteilung in Tokio besondere Pläne mit ihm? Möchte sich jemand an ihm rächen und seine Karriere blockieren? Oder ist alles bloß Zufall? Obwohl streng nach Zuständigkeiten und Befugnissen geordnet, ist die Berufswelt in "64" ein unübersichtliches Geflecht von Beziehungen, Hierarchien und strengen Abteilungsgrenzen. Wie man den richtigen oder überhaupt einen Weg durch diese komplizierte Behörde findet, erzählt Yokoyama so dicht und spannend wie die Ermittlungen zu dem Fall 64, der nun fast 15 Jahre später, kurz vor seiner Verjährung, noch einmal aufgerollt werden könnte. Denn Mikami stößt im Labyrinth der Polizeibehörde auf Hinweise, die alle offiziellen Ermittlungen von damals infrage stellen. In dem Konflikt zwischen den Instanzen spiegeln sich im Licht der Anspielungen auf die Showa-Zeit auch die Machtkämpfe zwischen Kaiser, Militär und Regierung, die Japan in die Katastrophe des Weltkriegs geführt hatten. Einen Konflikt, wie ihn Yokoyama beschwört, kennt man in Europa aus dem antiken Drama: Alle streiten und debattieren miteinander, jeder hat auf seine Weise recht und möchte nur das Beste. Trotzdem ist am Ende ein Kind tot.

Hideo Yokoyama: 64. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Atrium Verlag, Zürich 2018. 768 Seiten. 28 Euro. E-Book 21,99 Euro.

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Persönliches und Staatliches prallt in diesen moralischen Problemen aufeinander, und Yokoyama hat die zwei Seiten des dramatischen Konflikts in seinem Helden angelegt. Denn auch Mikamis Teenager-Tochter ist spurlos verschwunden, nur geheimnisvolle Anrufe lassen ihn hoffen, dass sie den Kontakt zu den Eltern doch nicht ganz abgebrochen hat. Der Roman beginnt damit, dass Mikami ein totes Mädchen identifizieren muss, das sich zu seinem Glück und zum Unglück eines anderen nicht als seine Tochter herausstellt. Eines der vielen großen Geheimnisse des Romans ist, warum die Tochter überhaupt abgehauen ist. Vielleicht, weil sie das hässliche Gesicht des Vaters geerbt hat? Selbst Mikami fühlt sich schließlich unter einer Maske, wie man sie in Japan zum Schwertkampf trägt, am wohlsten. "Er hatte kein Gesicht mehr. Er brauchte kein Gesicht mehr. Für kurze Zeit war er imstande gewesen, sich in etwas Besonderes zu verwandeln." Obwohl nicht aus dem japanischen Original, sondern aus der englischen Übersetzung weiter übertragen, haben Sabine Roth und Nikolaus Stingl den Roman mit seinen vielen Details in ein präzises und flüssiges Deutsch gebracht.

In der Verhandlung moralischer Fragen steht "64" auch selbst für einen Wandel in der japanischen Kriminalliteratur, wenigstens, wie sie in deutscher Übersetzung verfügbar ist. Die an europäischen und amerikanischen Vorbildern geschulten, oft bizarren Kurzgeschichten Edogawa Rampos, der sich nach Edgar Allan Poe benannte, galten lange als typische Vertreter des Genres. Seit den Neunzigern, also auch mit Ende der Showa-Zeit, nehmen Autoren wie Kazuaki Takano oder Hideo Yokoyama den Krimi oft nur als Kulisse für grundlegende moralische Konflikte. "64" ist eine Erzählung aus dem modernen Japan über Jahrtausende alte Fragen.