Krieg der Zeichen Bildersturm in der Wüste
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Wer die Zeichen hat, besitzt die Macht. Saddam-Bilder und Hussein-Denkmale werden überall im Irak beschmiert, beschossen und nieder gerissen. Warum eigentlich? Eine Dokumentation von Bernd Graff
"Nein", sagen US-Offiziere nach der kurzfristigen Besetzung von Saddams Präsidentenpalast mitten in der irakischen Hauptstadt, "dies ist noch nicht die Schlacht um Bagdad."
Zur Dokumentation des Bilderstrurms auf das Foto klicken!
(Foto: )Den US-Truppen gehe es lediglich darum, "Symbole des irakischen Machtsystems" zu treffen. Man wolle dem Regime und dem Volk ein "Signal setzen" und so "eine starke Botschaft vermitteln".
Und die bestand zuerst und vor allem darin, ein Standbild des Diktators vor dem Palast nieder zu reißen - und dann wieder abzuziehen.
Signale, Botschaft, Symbole: Der Krieg im Irak ist auch ein Kampf um die Herrschaft über die Zeichen.
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Ein archaischer Kampf indes, der sich nicht nur in Bagdad, sondern überall im Irak auf die Bildnisse des Diktators konzentriert, die beschmiert, beschossen und zerstört werden. (Siehe hierzu díe Fotostrecke!)
Rührend naiv gestaltete Bildnisse sind das zumeist, die eben nicht als die neutralen Dinge betrachtet werden, die sie doch eigentlich sind. Jede Kugel auf ein Saddam-Porträt ist vergeudet. Jeder Tropfen Benzin, den man aufwendet, um eine Hussein-Büste zu stürzen, ist verschwendet.
Denn es sind nur tote Dinge, gegen die sich diese Gewalt richtet.
Warum also soll es kriegsentscheidend sein, US-Troops in höchste Gefahr zu bringen, damit sie im Herzen Bagdads eine Statue des Diktators schleifen. Wie mächtig sind denn diese Bilder und wie lautet die Botschaft, die von ihrer Vernichtung ausgeht?
Seitdem die Menschen des Jungpaläolithikums damit anfingen, Darstellungen ihrer Beutetiere auf die Wände der Wohnhöhlen zu malen, gibt es diesen zutiefst magischen Zusammenhang zwischen einem Bild und dem, was es abbildet. Diese naive Ineinssetzung zwischen Zeichen und Bezeichnetem glaubt daran, dass das Bild einen Anteil am Wesen und an den Kräften des Abgebildeten besitzt.
Wenn also Menschen im Paläolithikum Jagdszenen mit Beutetieren an die Wand malen, dokumentieren sie damit nicht nur die Macht der Jäger, die die Beute schließlich machen. Die Künstler jagen und erlegen die Tiere gewissermaßen im Bild mit, indem sie deren Macht und Gefährlichkeit auf die Wand (ver-)bannen.
Wem die Zeichen gehören und wer die Zeichen setzt, hat also die Macht. Denn erst im weithin sichtbaren Bild (und anschließend im Akt seiner Vernichtung) wird dem Abgebildeten ein Raum, ein Kontext und damit seine Bedeutung zugewiesen.
"Das Denkmal als Einzelobjekt", so das Lexikon der Kunst, "ist Träger einer informationspsychologischen Zeichenhaftigkeit und verkörpert eine Ästhetik und Seinsauffassung, deren modellartige, vorbildhafte und bewußtseinsbildende Potenzen zu jeder Zeit verfügbar sind."
So findet man im Irak eine schier unüberschaubare Menge von Herrscherportraits Saddams, die eine simplifizierte Anschauung seines Führertums formulieren: der Jäger, der seine Flinte einarmig zu halten weiß, der jugendliche Staatsmann, der Fürst in Operettenuniform, der Erste aller Araber oder auch der mit ausgestrecktem Arm in Richtung Zukunft weisende Landesvater.
Saddam dominiert im Bild die (Wahrnehmung der) Öffentlichkeit. Er hält den Raum besetzt, weil seine Bildnisse überall in den öffentlichen Raum gesetzt sind. Sie behaupten sich in "Vertretung einer über Menschen Macht ausübenden, ihre Gedanken beherrschenden Person durch das Bild" - so das Lexikon der Kunst über diese archaische Macht der Bilder.
Dieser Vertretungsanspruch der Bilder steckt in der Ikonographie aller Diktaturen seit jeher.
Wenn im gegenwärtigen Irak-Krieg die Alliierten also gegen diese Bildmacht vorgehen, okkupieren sie den Machtanspruch des abbgebildeten Saddam in derselben Metaphorik. Doch mit umgekehrtem Vorzeichen.
Die Botschaft, von der die US-Offiziere sprechen, lautet: Es mag eine Macht gegeben haben, die diese Bilder und Zeichen in die Wirklichkeit setzte. Doch ihre Zeit ist um. Denn jetzt gibt es eine größere Macht, die imstande ist, die überkommenen Zeichen zu demontieren, den Bildern Raum und damit ihre Bedeutung zu nehmen. Wir vernichten Saddam selbst mit jedem Saddam-Bild.
Man mag das "psychologische Kriegsführung" nennen. Aber auch das ist Propaganda. Und es bleibt ein Kult der Bilder, der so offensichtlich zum Krieg gehört wie die Waffe zum Kämpfenden.
Die entscheidende Frage indes ist aber längst noch nicht geklärt. Wem dient die Botschaft dieses Ikonoklasmus´? An wen richtet sie sich? An die Iraker? Sicher. Aber nicht zum mindesten auch an die Amerikaner selber, die wie die Menschen im Paläolithikum im Bild der Beute schon diese selbst erlegt haben wollen.