Konzertperformance Aus Feinden werden Freunde

Kampf gegen männlich nationalistische Dominanz: Jasmina Tešanović.

(Foto: Robert Scoble)

Die Autorin, Feministin, Polit-Aktivistin, Übersetzerin und Filmemacherin Jasmina Tešanović dichtet Kriegs- zu Antikriegsliedern um. Sie tritt mit Münchner Musikern im Import Export auf

Von Jürgen Moises

Böse Menschen haben keine Lieder. Ein schöner Satz, der aber leider nicht ganz stimmt. Oder wie lassen sich sonst Kriegslieder erklären, die, weil es für den Krieg nun einmal Feinde braucht, auch auf der "bösen" Kriegsseite erklingen? Dabei ist es egal, ob man den Feind darin erniedrigt oder wie etwa in der "Battlehymn of the Republic" den eigenen Kampf glorifiziert. Oder ob man wie im hebräischen Volkslied "Hava Nagila" mit einem selbstbewussten "Lasst uns glücklich sein" gegen die feindliche Besatzung ansingt. Der Krieg schwingt immer mit. Dazu sind die meisten Kriegslieder aus einer männlichen Perspektive geschrieben, sie sind nationalistisch und das Allerfieseste daran: Sie gehen nicht selten auch noch gut ins Ohr.

Um das zu ändern und sie aus ihrem nationalistischen, männlichen, kriegerischen Kontext zu lösen, hat die in Belgrad geborene Autorin, Feministin, Polit-Aktivistin, Übersetzerin und Filmemacherin Jasmina Tešanović Kriegslieder wie die "Battlehymn of the Republic" umgeschrieben. Sie hat ihnen eine weibliche, pazifistische Perspektive verpasst und sie thematisch aktualisiert. Deswegen lautet der berühmte "Battlehymn"-Chorus bei ihr nicht "Glory, glory, hallelujah!", sondern "Rolly polly evil Google boy, Rolly polly baby Facebook toy". Und die gesamte "Battlehymn", die den Kampf der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg mit heilsgeschichtlichem Pathos überhöht, wurde in eine pazifistische "Hacker Hymn" verwandelt: in ein Loblied auf Internetaktivisten wie Edward Snowden und Julian Assange.

Wie das Ganze klingt kann man sich auf der Website soundcloud.com/jasminasoundcloud anhören, auf vimeo.com/user690045/, wo Tešanović insgesamt zwölf selbst gedrehte Musik-Videos gepostet hat, oder: am Sonntagabend in der Import Export Kantine im Münchner Kreativquartier. Dort wird Tesanovic zusammen mit den Münchner Musikern Nico Sierig, Pico Be und Marcus Graßl nämlich ihre "Lieder gegen den Krieg" live präsentieren. Neben der erwähnten "Hacker Hymne" gehören dazu etwa: der Song "Lili from Belgrade", der auf dem bekannten Soldatenlied "Lili Marleen" basiert; der "Gaza Song", in dem Tešanović zur Melodie von "Hava Nagila" zur Beendigung des Israel-Palästina-Konflikts aufruft; oder "Mermaids Trail, Guantanamo Bay", in dem zur Musik von "Guantanamera" die Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo verhandelt werden.

Dass Jasmina Tešanović, die seit einigen Jahren in Italien lebt, ihre Anti-Kriegslieder nach Auftritten in Austin, Belgrad und anderen Städten nun erstmals in München präsentiert, ist Silke Schmidt vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien zu verdanken. Sie hat Tešanović letztes Jahr auf dem South-By-Southwest-Festival in Texas kennengelernt, wo deren Ehemann, der amerikanische Science-Fiction-Autor Bruce Sterling, einen Vortrag hielt. Sie kamen ins Gespräch und auf die gemeinsame Idee, eine Konzert-Performance in München zu veranstalten. Nur eine Begleitband fehlte dazu noch, und weil Silke Schmidt mit Marcus Graßl bereits in Kontakt war, fragte sie ihn, ob er diesen Part nicht zusammen mit seiner Band Aloa Input übernehmen wolle.

Nur sind Graßls Bandkollegen derzeit leider nicht am Ort. Dafür konnte Graßl seinen Freund Nico Sierig, Schlagzeuger bei der Band Instrument und Ton-Mischer bei Aloa Input, für den Gitarren-Part gewinnen. Sowie Pico Be, Sänger bei Das Weiße Pferd und Bassist bei River, als Bassisten. Graßl selbst wird Schlagzeug spielen. Ihr erster gemeinsamer Probentermin mit Tešanovic ist an diesem Samstagnachmittag. Was, gibt Marcus Graßl zu, ein bisschen "ungeplant", "spontan" und fast "chaotisch" klingt. Aber: "Der Krieg ist schließlich auch Chaos." Neben Graßl & Co. wird übrigens auch noch eine New Yorker Performance-Künstlerin mit auftreten und danach ein weltbekannter DJ: Tešanovićs Ehemann Bruce Sterling.

Jasmina Tešanović: Lieder gegen den Krieg, So., 17. Jan., 20 Uhr, Import Export Kantine, Dachauer Str. 114