Konzert in Hamburg Rihannas wirre Schaumparty

Rihanna bei einem Auftritt im März in den USA - beim Konzert in Hamburg durften keinerlei Fotos gemacht werden.

(Foto: dpa)

Bei ihrem ersten "Anti"-Konzert in Deutschland räkelt sich Rihanna im glitzernden Schaumbad, trägt nuttig-stilvolle Gewänder und wirkt trotzdem so, als würde sie alles möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Fünf Fragen zur Show.

Von Jan Kedves, Hamburg

Auf dem ersten Deutschland-Konzert ihrer "Anti"-Welttournee trat Popsängerin Rihanna am Samstagabend in Hamburg auf - vor knapp 30 000 Fans. Die wichtigsten Fragen:

Was macht Rihanna da eigentlich?

Einerseits spielt sie ein Konzert, andererseits zeigt sie anscheinend auch einen Film. Ersteres ist daran zu erkennen, dass eine Band auf der Bühne steht, dass große Boxen aufgehängt sind und Rihanna ein Mikrofon in der Hand hält. Im Verlauf von eineinhalb Stunden singt sie sich durch 23 Hits - mal im Voll-Playback, mal im Halb-Playback, mal ohne Playback. Zwischendurch tanzt Rihanna auch, wobei sie dabei auf ganz spezielle Weise beteiligt und zugleich unbeteiligt wirkt (siehe Frage 3). Und sie trägt auch tolle Kostüme. Dass das Ganze aber auch wie ein Film wirken soll, darauf deutet neben der klassischen Kinolänge von 90 Minuten auch hin, dass am Ende auf einer hoch- und herunterfahrbaren, sehr beeindruckenden, aus vollverchromten Würfeln zusammengesetzten Riesenleinwand ein Abspann läuft. Der nennt sämtliche am Zustandekommen der "Anti"-Show beteilligten Personen. Das ist nett für die Beteiligten, aber nicht so nett für die 30 000 im Stadion, die sich tatschlich nicht mehr trauen, überhaupt noch eine Zugabe zu fordern - denn der Abspann läuft ja bereits. Selten hat ein Popstar seinem Publikum holzhammermäßiger eingeprügelt: So, jetzt ist Schluss, ihr geht alle schön nach Hause.

Hat Rihanna Spaß bei ihrem Konzert?

Schwer zu sagen. Auffällig ist, dass Rihanna ihre älteren Hits nur in Kurzversionen von maximal eineinhalb Minuten spielt und diese teils lustos in Medleys ineinanderlaufen lässt. Als wolle sie das alles schnellstmöglich hinter sich bringen. Bei einem Stampf-Hit wie "Live Your Life", der mit seinem rumänischen Kindergartentechno-Sample ("Dragostea din tei") schon 2008 schlimm war und seitdem auch gar nicht gut gealtert ist, ist das verständlich. Bei "Umbrella" von 2007 ist es sehr schade. Am liebsten würde Rihanna anscheinend nur die Songs aus ihrem jüngsten, Ende Januar erschienenen Album "Anti" spielen. Die scheint sie wirklich gern zu mögen, nur sind die ja dummerweise - mit Ausnahme von "Work" - keine richtigen Charthits geworden. Jedenfalls hängt sich Rihanna nur bei diesen neuen Songs - "Needed Me", "Kiss It Better" - auf der Bühne so richtig rein. Rundum toll ist live nur "Bitch Better Have My Money": Das Ende des Stücks franst in einen reduzierten Dub aus, über den sich dann ein schrilles E-Gitarren-Solo legt, dann folgen nochmal ein paar Takte leerer, harter Beats, und dann explodiert zum Schluss ein opulenter Achtziger-Synthie-Tusch. So kann man seine eigenen Hits auseinanderschrauben und neu wieder zusammensetzen.

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Sieht Rihanna gut aus und bewegt sich schön?

Oh ja! Zu Beginn der Show trägt sie ein sehr raffiniertes Ensemble aus gerafftem weißen Body und absurd hohen cremefarbenen Alcantara-Overknee-Stiefeln. Die sind über strapsartige Halterungen am Gürtel über ihrem Body befestigt, vermutlich damit sie nicht herunterrutschen. Zwischen Body und Stiefeln blitzen ein paar Zentimeter Oberschenkel hervor. Das sieht dezent nuttig und sehr stilvoll zugleich aus. Der Tanzstil von Rihanna ist ohnehin eine Wucht: Sie tanzt ja eigentlich gar nicht, sondern wippt eher ein bisschen im Takt ihrer eigenen Musik, so als würde sie gerade gar nicht auf einer großen Bühne stehen, sondern irgendwo im Club, ein bisschen benebelt, zu ihrer eigenen Musik die Hüfte nach vorne schieben und sich selbst dabei weit zurück lehnen. Besonders toll sieht das aus, wenn Rihanna dazu noch mit ihren Händen ihren eigenen Körper abfährt und die zentralen Stellen mit Fingerschnipsern kommentiert: Hüfte - top! Bauchnabel - wow! Brust - 1A! Gesicht - yeah!

Was gibt es für Bühnentricks?

Die Bühne ist komplett in weiß gehalten, sogar die Instrumente (Keyboards, Gitarren, Schlagzeug) sind weiß. Dazwischen sind drei große Plastikfoliengebilde angeordnet, die sich im Verlauf der Show zu gallertartig wabernden Riesen-Gehirnhälften aufblasen. Was damit ausgesagt werden soll, bleibt unklar. Zu Beginn der Show wird schon der beeindruckendste Trick abgefeuert: Rihanna lässt sich in einer Art Plexiglas-Tunnel von der Mitte des Stadions in Richtung Bühne hieven. Dabei blickt sie von oben auf das Publikum herab, beziehungsweise blickt das Publikum ihr von unten durch das Plexiglas zwischen die Beine. Könnte sein, dass Rihanna hier ein Fisch sein soll, der im Aquarium gefangen ist, könnte aber auch sein, dass das Stadion das Aquarium ist und Rihanna aus ihrem Plexi-Gefährt heraus die kleinen Fische da unten begutachtet. So oder so: Bei Plexiglas liegt es in der Natur der Sache, dass es anfällig für Fingertatscher ist, und Rihannas Plexi-Gefährt sieht im Scheinwerferlicht schon ziemlich betatscht und beschmiert aus. Putzt das mal jemand?

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Muss man die "Anti"-Show live sehen?

Nein, nicht wirklich. Eine DVD würde reichen. Das liegt aber auch daran, dass die Balance zwischen Totale und Großaufnahme in der Show nicht stimmt. Gute Riesen-Stadion-Popshows achten ja immer darauf, dass nicht nur die Detailaufnahmen gut funktionieren, also die Ausschnitte, die per Kamera live auf die Leinwände neben der Bühne übertragen werden. Sondern auch in der Totale muss immer irgendetwas Interessantes passieren. Zum Beispiel muss derjenige, der ganz hinten im Stadion sitzt und keine Gesicher oder Mimik erkennen kann, zumindest die Symmetrie der Choreographie bewundern können oder die raffinierte Terrassierung der Bühne. In Rihannas "Anti"-Show ist das nicht so, da scheint die Totale völlig außer Acht gelassen worden zu sein. Exemplarisch dafür: der Schaumeffekt im letzten Drittel der Show. Im Zoom auf der Leinwand ergibt sich da ein wirklich wundervolles Bild von Rihanna, wie sie in einem luxuriösen, magisch funkelnden Schaumbad sitzt. Aber in der Totalen sieht man nur die Billigkeit des Effekts, nämlich wie die hintere Bühne komplett mit dünner Plastikfolie bespannt ist, auf die dann von oben sporadisch Schaumwipfel plumpsen. Als hätte sich jemand ans großflächige Überpinseln eines Wasserschadens gemacht, und als wäre dann aber beim Nachbarn im Stockwerk obendrüber schon wieder die Wanne übergeschwappt. Beim letzten Song, "Kiss It Better", schiebt sich dieser Schaum dann soweit in den Bühnenraum hinein, dass der Drummer schon halb davon eingeschlossen ist. Selbst wenn Rihanna noch eine Zugabe hätte spielen wollen, wäre dabei also wohl das Schlagzeug verschluckt worden.