Konzert in Berlin Katy donnert, die Beats donnern - nur das Herz donnert nicht mit

Amerikanisch, laut lachend, latent bedrohlich: Katy Perry in Berlin.

(Foto: dpa)

Auftritte von Katy Perry waren mal durchgeknallt anders. Heute bietet die Amerikanerin hochaufwendige Langeweile - ihre Bühnenshow wirkt wie eine Kompensation dafür, dass die Musik nur noch Mittelmaß ist.

Konzertkritik von Juliane Liebert

Hätte man das Unheil vorhersehen können? Ja, natürlich. Man hätte die Gefahr ahnen können, in der U-Bahn etwa, als in diesen stets informativen U-Bahn-Nachrichten stand: "Katy Perry ist in Berlin und fährt Fahrrad." Plötzlich bestand das Risiko, dass Katy Perry um die Ecke kommen könnte, während man sich etwa ein Eis kauft. Amerikanisch, laut lachend, latent bedrohlich. Auf einmal schien sie überall zu sein. Im Gegensatz zu den Songs ihres letzten Albums "Witness", nebenbei bemerkt, die nirgendwo zu sein scheinen.

Analog zur gefühlten Allgegenwärtigkeit der Künstlerin ist das Symbol der "Witness"-Tour, die Perry nach Berlin führt, ein Auge. Das Auge ist auch Hauptbühnenbild zu Beginn ihrer Show in der Mercedes-Benz Arena: ein gewaltiges, sich nervös umsehendes blaues Auge, grüne Sprenkel um die Pupille. Katy Perry ist für ihre exaltierten, durchgeknallten Konzerte bekannt. Mittlerweile machen aber so mehr oder weniger alle, was sie schon vor zehn Jahren gemacht hat, darum ist sie dazu übergegangen, alle Komponenten einfach immer größer zu machen.

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Eine Kunstschulanekdote berichtet von einem Professor, der seinen Studenten gesagt haben soll: "Wenn du nicht weißt, wie du es machen sollst, dann mache es groß und rot". Katy Perry macht daraus: Wenn dir nichts einfällt, mach es noch größer und bunt.

Nur einen guten Song, bitte, Katy!

Die aktuelle Bühnenshow ist dementsprechend eine wirre Mischung aus Weltallthemen und großzügig dimensionierten Versionen von allem möglichen Unsinn: übergroße, an Tänzern befestigte Roboterkonstruktionen, übergroße Rosen mit Augäpfeln darin, ein haushoher Basketballkorb, riesige über allem schwebende Lippen, übergroße Flamingos. Was haben Flamingos im Weltall verloren? Egal.

Ihre Stimme ist die ganze erste Hälfte des Auftritts im Mix zu leise, dafür schreit sie bei den Zwischenansagen ordentlich. Das heißt: Katy donnert, die Beats donnern, nur das Herz donnert nicht mit. Dabei kann ja auch trashiger Pop durchaus anrührend sein. Aber an diesem Abend wirkt die von einer Brigade von Tänzerinnen - Fernseherköpfe, fast blanke Hinterteile - verfolgte Perry leider eher verzweifelt.

Nur einen guten Song, bitte, Katy, betet man. Aber nein, stattdessen müssen sich die armen Tänzerinnen schon wieder umziehen. Es gibt eine einfache Regel bei Stadionkonzerten, und zwar: Umso mehr rumgeschwebt wird, also die Auftretenden an Seilen über dem Publikum hängen, desto mieser ist für gewöhnlich die Musik. Katy Perry schwebt viel und trägt viele Kostüme, das hat sie schon immer, aber irgendwie ist die Luft raus.

So viel Mühe, so wenig Esprit

Da hilft es auch nichts, dass die Sängerin alle fünf Minuten "Berlin!" schreit. Perry wirkt ein bisschen wie ein Typ beim ersten Date, der merkt, dass ihm die Felle davonschwimmen und der deswegen ostentativ möglichst oft den Namen der Angebeteten sagt. Jaqueline, ich liebe dich, willst du noch ein Kanapee?

Die ganze Show wirkt wie eine Kompensation dafür, dass die neueren Songs nur Mittelmaß sind. Hochaufwendige Langeweile. Der glitzernde Hintern des 27. Tänzers im 502. Kostüm. Es ist sehr schade um alles. So viel Mühe, so wenig Esprit. Trotzdem liebt Berlin Katy Perry, und Katy Perry liebt Berlin. Sie wolle gerne eine Wohnung in Berlin mieten, schreit sie zum Schluss. Eine Frau im Publikum ruft zurück: "KOMM ZUM HERMANNPLATZ!" Ein Mann kontert: "Ha, sie KAUFT den Hermannplatz."

Das hilft dann aber auch nichts mehr.

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