Konflikt um Berg-Karabach Armenien boykottiert Eurovision Song Contest

Zankapfel Berg-Karabach: Seit 100 Jahren melden Armenier und Aserbaidschaner immer wieder exklusiven Anspruch auf die Kaukasus-Region an. Nach dem Tod von Grenzsoldaten überschattet dieser Streit den European Song Contest: Armenien hat seine Teilnahme am Sangeswettbewerb in Aserbeidschans Hauptstadt Baku abgesagt.

Seit Monaten brodelt es zwischen der Türkei und Frankreich. Grund für den Streit ist der Genozid an den Armeniern, den die Türkei im Ersten Weltkrieg nach Auffassung von Historikern begangen hat, und dessen Leugnung in Frankreich inzwischen unter Strafe steht. Nun sorgt Armenien erneut für Schlagzeilen. Zweieinhalb Monate vor dem Eurovision Song Contest hat Armenien seine Teilnahme am Wettbewerb in Baku abgesagt, wie der Rundfunk in der Hauptstadt Eriwan mitteilen ließ. Gründe für die Absage wurden offiziell nicht genannt. Doch bereits seit 100 Jahren belastet ein Konflikt die Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan.

"Wir sind wirklich sehr enttäuscht über die Entscheidung des (armenischen) Senders, seine Bewerbung zum diesjährigen Eurovision Song Contest zurückzuziehen", kommentierte der Vorstand der EBU Jon Ola Sand im Namen der Europäischen Rundfunkunion die Entscheidung der Armenier.

Schon im Vorfeld hatten sich armenische Künstler in einem Offenen Brief für einen Boykott der Veranstaltung ausgesprochen. Grund dafür ist der Tod eines armenischen Grenzsoldaten, der von einem aserbaidschanischen Scharfschützen getötet worden sein soll. An einer Waffenstillstandslinie sollen am vergangenen Samstag auch zwei aserbaidschanische Soldaten erschossen worden sein. Armenien hatte immer wieder Befürchtungen geäußert, dass seine Delegation im Nachbarland gefährdet sein könnte. Alle Sicherheitszusagen hätten Eriwan leider nicht überzeugen können, teilte ESC-Generalsekretär Jon Ola Sand auf der EBU-Homepage mit.

Seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 liegen die beiden Nachbarstaaten Armenien und Aserbaidschan im Clinch um das Gebiet Berg-Karabach, das ziwschen den beiden Ländern liegt. Begonnen hatte der Konflikt bereits 1918 mit der Unabhängigkeit der beiden Kaukasus-Staaten. Nach der Annektierung beider Länder durch die Sowjetunion blieb der Konflikt aber für Jahrzehnte unter der Decke. 1988 erklärt sich die Republik Berg-Karabach für unabhängig, wurde aber bisher von keinem internationalen Staat anerkannt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion führten die zwei Länder zwischen 1992 und 1994 Krieg um die Region. Dabei kam es zu Massenmorden in armenischen und aserbaidschanischen Dörfern. Seit dem Kriegsende besetzt Armenien weite Teile Berg-Karabachs - zwischen den Ländern herrscht ein brüchiger Waffenstillstand.

Nicht nur Armenien hegt negative Ressentiments gegen den Song Contest in Baku. Auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty Interantional oder Reporter ohne Grenzen kritisieren die Austragung des Musikwettbewerbs in Aserbaidschan - nicht wegen dem Konflikt mit Armenien, sondern wegen Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit durch die autoritäre aserbaidschanische Führung.

"Das Gastland des Eurovision Song Contest 2012 versucht jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen", sagt Tim Schröder, Südkaukasus-Experte von Amnesty International auf deren Homepage. "Auch 20 Jahre Unabhängigkeit, wirtschaftlicher Wohlstand und relative Stabilität haben nicht dazu geführt, dass die Regierung in Aserbaidschan ihren Bürgern grundlegende Rechte und Freiheiten gewährt. Im Gegenteil: Die Meinungsfreiheit wurde seit 2009 noch weiter eingeschränkt."