Komponist Musik-Ermöglicher

Peter Ruzicka feiert im Literaturhaus seinen 70. Geburtstag

Von Klaus Kalchschmid

Musik der dezidierten Trauer macht nur einen geringen Teil des kompo-sitorischen Œuvres von Peter Ruzicka aus. Aber Peter Tilling - Cellist, Dirigent und Gesprächspartner im Literaturhaus aus Anlass von Ruzickas 70. Geburtstag - ließ nicht nur die Matinee mit "Esta Noche", der Trauermusik des 19-Jährigen für die Opfer des Krieges in Vietnam für Tenor (Bernhard Berchtold), Flöte, Bratsche, Cello und Englischhorn (also das Klageinstrument schlechthin) beginnen, sondern es endete mit "Tombeau" für Flöte vom Bass bis zum Sopran (hochvirtuos: Anne Catherine Heinzmann) und Streichquartett aus dem Jahr 2000. Dazwischen spielte Markus Schäfer "Drei Stücke für Klarinette solo" mit einem solchen Mut zu leisen, verhangenen Tönen, dass auch diese Trias ungemein intim und kontemplativ erschien.

Dazwischen befragte Tilling den Jubilar Peter Ruzicka, der wie immer scheinbar emotionslos, aber druckreif antwortete: Sei es, dass er von seinem Erweckungserlebnis als 17-Jähriger bei der Uraufführung von Hans Werner Henzes "Bassariden" erzählte und wie beim nächtlichen Spaziergang durch Salzburg der dringliche Wunsch geweckt wurde, selbst als Komponist zu sprechen; sei es, dass er sein Studium der Musik- und Rechtswissenschaften 1969 bis 1970 in München als problematisch beschrieb, weil Letzteres immer noch von Altnazis geprägt war, oder er von der Zeit schwärmte, als er Henze 1996 als Leiter der Münchner Biennale ablöste. "Das waren 16 wunderbare Jahre, vielleicht meine wichtigste Zeit als Musik-Ermöglicher und Durchsetzer junger Komponisten, wobei ich selbst ebenfalls ungemein viel gelernt habe", sagte Ruzicka. Peter Ruzicka erzählte auch, wie er Allan Pettersson, den großen, querständigen schwedischen Symphoniker mit seiner Achten Symphonie kennenlernte, seinen Nachlass sichten durfte und von ihm "in den frühen 1980er Jahren lernte, dass Musik auch singen kann". Man darf ergänzen, dass er Petterssons Musik regelmäßig mit verschiedenen Orchestern in München aufführte.

Sehr persönlich wurde es im Literaturhaus, als Ruzicka von "der unverantwortlich naiven, halbstündigen, fast wortlosen Begegnung" mit Paul Celan kurz vor dessen Tod im Jahr 1970 erzählte. 2001 erlebte seine "Celan"-Oper ihre Uraufführung aber bereits 1985 komponierte Ruzicka "... der die Gesänge zerschlug" auf Gedichte aus "Zeitgehöft". Dieser Zyklus wird an diesem Montag, 9. Juli (20 Uhr), beim Portrait-Konzert im Gasteig vom "Ensemble Erranti" unter Peter Tilling neben "Esta Noche" und "Tombeau" sowie "Still" aufge-führt, einem für das Ensemble komponier-ten, mystisch sich entfaltenden "Memorial für Posaune und Ensemble" von 2016.

Wie es am Sonntagmittag die Uraufführung eines großartig konzisen, leisen Stücks für Flöte, Bassklarinette und Violine von Antonio Covello (geboren 1985) gab, wird am Tag darauf erstmals "Zeige deine Wunde" gespielt. Das Zwölf-Minuten-Stück für die Kernbesetzung des "Ensemble Erranti", also Flöte, Oboe, Klarinette, fünf Streicher, Harfe, Klavier/Celesta und Perkussion, sowie diesmal auch Akkordeon und Posaune wurde inspiriert von der gleichnamigen Installation von Joseph Beuys im Lenbachbaus. Komponist ist der 1977 geborene Philipp Maintz, der 2010 bei der Biennale mit "Maldoror" großen Erfolg hatte.