Kommunikation im digitalen Zeitalter Was am Internet eigentlich genau das Schlimme ist

Da wäre zunächst Jarett Kobeks "Ich hasse dieses Internet", keine große Erzählung, sondern eher eine Zusammenschau dessen, was am Internet eigentlich genau das Schlimme ist. Sein Vorwurf zielt auf zweierlei: dass "amerikanische Autoren nicht einmal halbwegs anständig über das Internet schreiben" können und dass jenes Internet "nichts anderes ist als intellektueller Feudalismus auf Basis von technischen Neuerungen, die als Kultur getarnt daherkommen."

Das Buch handelt von einer Gruppe kreativer Menschen in San Francisco, die durch das Internet Probleme bekommen: Eine Comiczeichnerin äußert sich bei einem Vortrag kritisch über Frauen in der Tech-Branche und wird Zielscheibe eines Shitstorms. Eine junge Frau findet Nacktfotos von sich im Netz. Ein Schriftsteller gerät in die Mühlen der Gentrifizierung.

Das alles ist extrem zeitgeistig, doch für den Roman ist das Schicksal der Protagonisten eher nebensächlich. Die Hauptrolle spielt eine kaum gebändigte Wut. Eine Kostprobe: "Als J. Karacehennem nach San Francisco zog, machte die Stadt gerade eine komplett wahnsinnige Phase durch. Die Schönheit der Stadt wog ihre nervigen Einwohner nicht mehr auf. ( ...) Gentrifizierung war das, was einer Stadt widerfuhr, wenn Menschen mit überschüssigem Kapital aus ihrem Kapital noch mehr Kapital schlagen wollten, ohne Arbeit ihren Wert beizumessen." Darauf folgt eine Erklärung des Begriffs "Deregulierung" und eine Liste der Präsidenten, die diese Politik zu verantworten haben.

Das Buch erschöpft, ohne mehr zu bieten als ein paar bittere Lacher

Der eingangs genannte Protagonist taucht erst etwa sechs Kapitel später wieder auf. Und überhaupt: Informationen werden hier nur fragmentiert geliefert, Personen drücken zwar ihre Gefühle aus, verfügen aber über kein inneres Erleben, Erzählungen brechen ab oder schweifen aus. Das Ganze liest sich wie eine perfekte literarische Reproduktion eines langen Abends im Internet - und ist deshalb eine relativ unangenehme Lektüreerfahrung. Das Buch ermüdet mit endlosen Aufzählungen und Subtexten und erschöpft, ohne mehr zu bieten als ein paar bittere Lacher. Und doch enthält es eine schmerzhafte Wahrheit, nämlich die, dass jeder, der das Internet für mehr als das Allernötigste gebraucht, sich täglich genau dieser trostlosen Erfahrung freiwillig aussetzt.

"Ich hasse dieses Internet" verleiht dem Satz "das muss man gelesen haben" eine neue Bedeutung: Man muss das Buch nicht gelesen haben, weil es so gut ist, sondern eher, weil es auf eine Weise schlecht ist, die bezeichnend ist für unsere Gegenwart.

In "Realitätsgewitter", dem neuen Buch von Julia Zange, trägt die Symbiose von Selbst und Smartphone dagegen zugleich beiläufigere und intensivere Züge. Zanges Debütroman "Die Anstalt der verlorenen Mädchen" erschien 2008 und erreichte einen gewissen Kultstatus.

Auch "Realitätsgewitter" handelt wieder von einer kleinen, blonden, verlorenen jungen Frau. In einem mühsam unterdrückten Zustand der Verzweiflung "tappst" diese Marla durch Berliner Kaufhäuser und Szenelokale. Sie unterhält oberflächliche Sexualbeziehungen zu diversen künstlerischen Typen, die allesamt direkt aus den Foren der Narzisphäre entsprungen sein könnten. Sie macht ein Praktikum bei einer Modezeitschrift, das sie nicht besonders interessiert. Und wenn sie ihr ganzes Geld mal wieder für Taxifahrten ausgegeben hat, klaut sie Toilettenreinigungskräften das Trinkgeld vom Teller.

Sie ist so einsam, dass sie ihr Smartphone vermenschlicht ("Eine Nachricht blinkt auf meinem iPhone, dessen Frontscheibe ganz zersprungen ist, womit es eine Art iPhone-Identität bekommen hat") - und sich selbst verdinglicht. Gerade aufgewacht, stellt sie fest: "Meine Gesichtserkennung funktioniert noch nicht richtig."

Marla schreibt, wenn sie nervös ist, wahllos Nachrichten an ihre mehr als tausend Kontakte und folgt jeder Facebook-Einladung bereitwillig, nur um nicht allein zu sein. Jede ihrer Stimmungen entlädt sich in einer Verlinkung oder einer Nachricht an einen potenziellen Sexualpartner. Andauernd entwickelt sie unangemessene Gefühle für andere, die nicht erwidert werden: "Ich würde mich gerne an die hübsche Texte-zur-Kunst-Redakteurin lehnen, traue mich aber nicht." Oder, im Fahrstuhl mit einem der Sexualpartner: "Ich fahre mit der Hand über seine abrasierten Haare und reibe meine Wange an seiner. ,What are you doing!' Ben macht einen Schritt zurück. ,Pervert.'"

Ohne Facebook wäre Marla vielleicht noch einsamer, sich aber ihrer Einsamkeit nicht andauernd so sehr bewusst

Julia Zange erzählt von dieser kleinen, trostlosen und nicht ganz durchschnittlich depressiven Berlin-Existenz mit größter Klarheit. Marla ist auch deshalb so abhängig von ihrem Telefon, weil es in ihrem Leben niemanden gibt, von dem sie sich eine Abhängigkeit erlaubt. Das wird klar in einer Szene mit ihrer Mutter. Diese verhält sich erst überschwänglich, dann kalt und desinteressiert und schließlich hasserfüllt der Tochter gegenüber. Eine weitere Figur, die direkt aus einem Narzissmus-Forum entstiegen sein könnte.

Dass Schlüsselszene und Schluss nach den sehr starken ersten zwei Dritteln literarisch nicht völlig überzeugen, ist schade. Julia Zanges Eltern haben versucht, eine einstweilige Verfügung gegen den Roman zu erwirken - so lässt sich die Narzisphäre auch in der realen Welt besichtigen. In jedem Fall gelingt Julia Zange etwas, das man noch nicht oft lesen konnte: eine literarische Darstellung der Widersprüche, in die sich das vernetzte Selbst verstrickt hat.

Ohne Facebook wäre Marla vielleicht noch einsamer, sich aber ihrer Einsamkeit nicht andauernd so sehr bewusst. Ohne das, was sie den ganzen Tag liest, wüsste sie selbst nicht mehr, wer oder was sie eigentlich ist, hätte aber noch eher eine Chance, ihr Leben zu durchschauen. Marla, die so sehr darunter leidet, dass niemand bei ihr bleibt, ist die personifizierte Selbstsucht - und sie ist damit so wie alle anderen, verwachsen mit der Welt und doch komplett isoliert.

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