Die Kategorien sind zerstört. Die Kategorien der Wahrnehmung, die Kategorien unseres Verständnisses der Welt. Nichts stimmt mehr. Gestern wurde die Gemeinschaft der Zivilisationen auf dem Globus zum unmittelbaren Augenzeugen eines terroristischen Akts, der in der Geschichte der Menschheit ohne Gleichen ist - den Holocaust ausgenommen.
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Doch obwohl die Bilder sofort Erschrecken, Entsetzen, Wut und Trauer auslösten, blieben sie zugleich in unfassbarer Ferne - und schienen dabei doch so nah.
Gibt es nicht längst Hollywood-Filme, die den Untergang der ruhelosen City New York genüsslich feierten: Godzilla, King Kong. Independence Day? Aber sind diese Bilder wirklich jenen vergleichbar, die gestern über die Sender gingen? Sie ähneln einander: Gewaltige, elementare Zerstörung, Feuer, Explosionen, splitterndes Glas, und ruhig segelndes Büropapier, panikartige Flucht, das Aufschreien der Menschen - in Echtzeit war das alles echt. Zu echt? Hyperreal?
Echter als die bekannten Filmbilder jedenfalls, die ein solch schier undenkbares Inferno schon für unsere Köpfe bebildert haben. Und doch sahen wir auch gestern wieder nur Bilder. Schreckensbilder, die schon filmisch besetzt scheinen, Bilder aus dem Unterhaltungsmedium Nr. 1.
Und dabei unvergessliche Bilder, die die gesamte Ikonographie aller bislang da gewesenen Katastrophen in den Schatten stellen. Von Challenger bis Tschernobyl. Wir werden sie nicht mehr vergessen oder verdrängen können - aber es fehlen die Begriffe für das, WAS wir nicht mehr werden vergessen können. Zu groß ist das namenlose Unheil, das über die Welt gebracht wurde. Und wie unermesslich groß muss der Hass sein, der zu solcher Tat anspornte?
Die Kategorien sind zerstört. Die Bilder im Kopf, die Vorstellungen von Sicherheit und Ordnung, von ein für allemal geklärten historischen Verhältnissen sind zerbrochen. Es fehlt die Möglichkeit zu be-greifen, es fehlt die Möglichkeit, dem noch intellektuell habhaft zu werden, was uns emotional überwältigt. Kann man das, was sich gestern vor den Augen der Weltöffentlichkeit in seiner grässlichsten Fratze zeigte, noch Terror oder (Glaubens-)Krieg nennen? Terror - das waren bislang Kaufhausbrände, gesprengte Flugzeuge in der Wüste, Selbstmordattentate von Fanatikern.
Aber in New York wurden nun auf diese Weise alle bekannten Dimensionen des Terrors überstiegen. Mit dem World Trade Center ist darum wohl auch die Weltordnung endgültig gesprengt worden. Es geht nicht mehr um Territorien oder Ressourcen, es gibt keinen erklärten Krieg, keinen benennbaren Feind, keine Armeen. Anscheinend gibt es nur eine Handvoll Lebensverächter - zu allem bereit, von nicht mehr fassbaren Willen, neben dem eigenen ausschließlich unschuldiges Leben zu vernichten und massenhaften Tod zu verbreiten. Unser Blockdenken, die Ausrichtung von Gut und Böse nach den Himmelsrichtungen West und Ost, Nord und Süd stimmt nicht mehr.
Kein benennbarer Ort des Bösen mehr.
Vielleicht siedelt das gesamte Böse der gestrigen Attacke unter einem einzigen Schilfdach, vielleicht in Afghanistan. Vielleicht aber in einem Apartment in New York City mitten unter künftigen Opfern. Wo ist der Feind? Wer ist der Feind, der keine andere Stärke zu Vernichtung zivilisatorischer Manifeste mehr benötigt als vier zu Waffen umgelenkte Passagierflugzeuge? Allein das: Wie ist es möglich, vier Linien-Maschinen gleichzeitig zu kapern und sie mit Hilfe von Messern in die Gewalt zu bringen?
Alle Möglichkeiten des Begreifens, des Reagierens, auch die der Rache und der Vergeltung sind zerstört. Wie will man DAS noch rächen, wie kann es DAFÜR je Vergeltung geben.
Es bleibt nur die Ebene der Symbole: Symbolische Grundpfeiler der Weltmacht USA sind attackiert und ruiniert worden: das Verteidigungsministerium Pentagon, das man für uneinnehmbar hielt, und die Zwillingstürme des Welthandels. Man hat Amerika im Herz seines Selbstverständnisses getroffen. Und die Reaktion erfolgt symbolisch: Der US-Präsident erinnert an die Stärke der Armee. Man ruft zur "Finest Hour": der Stunde, in der die Besten der Nation zeigen, wie sie die Krise solidarisch zu bewältigen in der Lage sind.. Doch die Krise fiel buchstäblich vom Himmel, der Feind ist nirgends, und er ist überall.
Dies wird die historische Lehre dieser Anschläge sein: Es gibt fortan keine Gewissheiten mehr. Aber das Leben muss weiter gehen.
Partyzone Flußufer