Komische Oper Berlin In der Kampfkammer

Barrie Kosky schwärzt Debussys "Pelléas et Mélisande". Verschmäht werden alle Bilder von Brunnen oder Quelle, man spielt in einem surrealen Guckkasten.

Von Wolfgang Schreiber

Günter Papendell spielt den Golaud. Im Hintergrund steht Nadja Mchantaf in der Rolle als Mélisande.

(Foto: Monika Rittershaus)

Die Komische Oper in Berlin wird siebzig, das spannendste Opernhaus der Hauptstadt geht in ihre "Jubiläumsspielzeit". Und Hausherr Barrie Kosky, auch der Regisseur der Saisonpremiere von "Pelléas et Mélisande", verlangt am Ende auf offener Bühne vom Publikum eine klare Solidaritätsbekundung - für den in "Fußfesseln" gelegten russischen Kollegen Kirill Serebrennikov. Der hatte am Haus Rossinis "Barbiere" brisant inszeniert und soll hier bald wieder arbeiten. Schallende Ovation.

Koskys Regie des gruselig-schönen Opernmärchens von der scheuen und unglücklichen Mélisande und ihren Gewalttätern ist streng minimalistisch gebaut, gedrungen und von großartiger Körperexpressivität. Sie verweigert Debussys flirrenden Klanggespinsten jede Empathie mit der darin waltenden Naturanmut. Weil sie die Geschichte nach Maurice Maeterlincks symbolistischem Schauspiel aus anderer Perspektive erzählen möchte: Es taumeln darin die "weltverlorenen" Menschen über die Bühne, sie müssen ihre Ängste und Konflikte in einer finsteren Schachtel ausleben. Schwärze symbolisiert den gefährlichen Wald.

Doch Kosky und sein Bühnenkünstler Klaus Grünberg verschmähen alle Bilder von Wald, Brunnen oder Quelle, verlegen die ganz nach innen gezogene Handlung in einen surrealen Theater-auf-dem-Theater-Guckkasten, mit mehreren Portalen, die sich nach hinten verjüngen. Und in dem psychologischen Kammerspiel gleiten die Personen immer wieder zu geisterhaften Auftritten auf Laufbändern herein und verschwinden so auch wieder. Defilieren aneinander vorbei wie im Traum, besingen ihr Unglück, umfassen und verbiegen sich, kämpfen miteinander.

Die Inspiration zu solchem Kammertheater der Grausamkeit kam dem Regisseur nach eigenem Bekunden durch zwei Kunstaffinitäten, die Liebe zu dem Dichter Edgar Allan Poe und zu dem Maler Francis Bacon. Für Kosky und seinen Debussy wird "der ansatzlose Wechsel zwischen Schrecken und Schönheit und die Verbindung zwischen beidem" zum bestimmenden Element, dem sich dann noch die Erotik anschmiegt. Das Poe- und Bacon-Gefühl, mit der Verformung und Verkrampfung von Körpern, die oft wie Marionetten zu agieren scheinen, stellt sich zuverlässig und präzise in einer klaustrophobischen Bühnenwelt ein.

Die an "Tristan und Isolde" gemahnende tödliche Dreiecks-, Liebes- und Verzweiflungsgeschichte kommt bei Barrie Kosky völlig ohne jeden modernisierenden Appeal aus. Vielmehr rückt er mit größter Ernsthaftigkeit, ohne die operettenhafte Unschwere, die ihm auch durchaus geläufig ist, lauter tragische Menschenschicksale in den Fokus.

Der Ausruf des alten Königs Arkel, im Programmheft wie ein Motto aufleuchtend, gerät zum Maßstab der Aufführung: "Wäre ich Gott, hätte ich Mitleid mit den Herzen der Menschen." Jens Larsen singt es denn auch mit einer tief verletzten Menschlichkeit.

Gewalttätigkeit in den Beziehungen wird körpernah ausgestellt. Zu sehen ist, wie der Pelléas-Bruder Golaud sich an Mélisande, die er im Wald gefunden und alsbald egoman geheiratet hatte, brutal vergreift, was Günter Papendell flammend ausübt. Pelléas gewinnt in Dominik Köningers Darstellung die Intensität einer zaghaften Liebesbeziehung. Zum Opfer ihrer Weltfremdheit, einer magischen Natureinsamkeit, wird die Figur der Mélisande im wunderbaren Spiel und Soprantimbre von Nadja Mchantaf in tragischer Verdichtung. In dem Kind Yniold, tapfer gesungen von Gregor-Michael Hoffmann, spiegelt sich die unverlorene Naivität aller Liebe als utopische Möglichkeit.

Der aus Toronto stammende Dirigent Jordan de Souza, Jahrgang 1988, seit Beginn der Spielzeit Kapellmeister an der Komischen Oper, lässt das impressionistische Flair von Debussys Partitur betont schwach in Erscheinung treten, doch kann er die melodischen und rhythmischen Bauteile und Schichtungen darin zum Glühen bringen. Und die Koordination des Orchesters mit dem Sängerensemble fast durchgehend sicher bewältigen. De Souza kann so seine Überzeugung umsetzen, dass "jede musikalische Geste dem Wort" entspringt - "die Musik sprießt und grünt förmlich aus dem Text, in einem Fließen, das alles ins Wanken bringt". Das geschieht umso wirkungsvoller, als das Theater der Berliner Komischen Oper die ideale Raumgröße besitzt, um die Figuren mit ihren fragilen Stimmen und schlimmen Schicksalen in intimer Menschennähe zu präsentieren.